*seit 1865: Graf B., seit 1871: Fürst B.
seit 1890: Herzog v. Lauenburg
(1815 - 1898)
Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros
1815
01. April: Otto Eduard Leopold v. Bismarck wird als viertes von sechs Kindern des Gutsherrn und Rittmeisters d.R. Karl-Wilhelm v. Bismarck und seiner Ehefrau Luise Wilhelmine, geb. Mencken in Schönhausen a.d. Elbe geboren.
1816
Bismarcks Familie übersiedelt nach Pommern. Er wächst auf Gut Kniephof fernab jeglicher städtischer Zivilisation auf.
1821-27
Bismarck besucht das "Plamann'sche Institut" in Berlin, das er im Rückblick als "Zuchthaus" empfindet. Besonders verhaßt sind ihm der Turnunterricht und das frugale Essen.
1827-32
Bismarck besucht erst das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, dann das Gymnasium des Grauen Klosters. Er zählt - vor allem in den Fächern Geschichte und Geografie - zu den schlechtesten Schülern, mit Ausnahme der Fremdsprachen. Er verläßt die Schule nach seinen eigenen Worten "als normales Produkt unsres staatlichen Unterrichts".
1832-33
Bismarckt studiert Rechtswissenschaften an der Universität Göttingen.
1833-35
Bismarck setzt sein Studium an der Universität Berlin fort.
1835
Nach dem 1. Staatsexamen wird Bismarck Auskulator am Kammergericht Berlin.
1836
Bismarck wird Regierungsreferendar in Aachen.
1837
Bismarck wird Regierungsreferendar in Potsdam.
1838-39
Bismarck absolviert seinen Wehrdienst in Potsdam und Greifswald. Danach widmet er sich seinem Gut in Kniephof.
1845
Bismarck kehrt nach dem Tod seines Vaters nach Schönhausen zurück und wird Gutsherr. Er macht sich einen Namen als Raufbold, Säufer und Duellant. Nebenbei wird er Abgeordneter im Landtag der Provinz Preußisch-Sachsen.
1847
Bismarck wird Abgeordneter des Preußischen Landtags. Er heiratet Johanna v. Puttkamer. (Aus der Ehe gehen eine Tochter und zwei Söhne hervor.)
1848
In ganz Europa brechen Revolutionen aus; trotz ihres Scheiterns nimmt das Ansehen der Monarchien - auch in Preußen - erheblichen Schaden. Bismarck bleibt gleichwohl Monarchist.
1849
Bismarck wird Abgeordneter der Zweiten Preußischen Kammer des Bezirkes West-Havelland. Er gibt sich erzkonservativ.
1850
Bismarck wird Abgeordneter im Erfurter Parlament.
1851-58
Bismarck ist preußischer Gesandter beim Bundestag in Frankfurt/Main. Da es ihm nicht gelingt, Preußens Gleichberechtigung im Deutschen Bund mit Österreich durchzusetzen, entwickelt er die Idee einer "kleindeutschen" Lösung, d.h. eines deutschen Staates ohne Österreich.
1859-62
Bismarck ist preußischer Gesandter in Sankt Peterburg.
1862
Bismarck wird preußischer Gesandter in Paris.
Nach einer Verfassungskrise zwischen König Wilhelm von Preußen und dem Landtag über den Wehretat wird Bismarck zum Ministerpräsidenten berufen. (Er regiert vier Jahre lang ohne den Landtag, danach stimmt dieser dem Etat nachträglich zu.)
1864
Preußen und Österreich führen Krieg gegen Dänemark und nehmen ihm die Provinzen Schleswig und Holstein ab. Über die Beute kommt es alsbald zum Streit zwischen den Siegern.
1866
Bismarck schürt die Streitigkeiten um die Verwaltung Schleswigs und Holsteins und provoziert einen Krieg zwischen Preußen und Österrreich. Nach dem Sieg bewegt Bismarck König Wilhelm - mit Rücksicht auf Frankreich - zum Verzicht auf die Annexion österreichischer Gebiete. (Dagegen erhält sein Bündnispartner Italien die bis dahin habsburgische Provinz Venetien.) Statt dessen annektiert Preußen Hannover (das heutige "Niedersachsen") und Hessen; der Deutsche Bund wird aufgelöst. Durch diese ersten schweren außenpolitischen Fehler Bismarcks gehen langfristig die deutschen Kernlande Österreich, Böhmen und Mähren verloren, ebenso die letzten Sympathien in England - wohin der entthronte König von Hannover ins Exil geht - sowie Luxemburg, das selbständiger Zwergstaat wird.
1867
Bismarck wird Kanzler des neu gegründeten "Norddeutschen Bundes" (bestehend aus Preußen und den übrigen deutschen Staaten nördlich des "Weißwurst-Äquators").
1869
Bismarck lehnt ein (potentiell gegen England gerichtetes) Bündnisangebot des französischen Kaisers Napoleons III ab und spielt dieses Angebot der englischen Presse zu. Damit nimmt Bismarck die verhängnisvolle Schaukelpolitik vorweg, die später von Kaiser
Wilhelm II perfektioniert wird.
1870
Juli: Nach einem Streit um die Thronfolge in Spanien provoziert Bismarck Napoleon III zur Kriegserklärung an Preußen, auf dessen Seite sich zu Napoleons Überraschung auch die süddeutschen Staaten (außer Österreich, das neutral bleibt) stellen.
September: In der Schlacht von Sedan gerät Napoleon in Gefangenschaft und kapituliert. Französische Revolutionäre reißen die Macht an sich, erklären Napoleon für abgesetzt, rufen die Republik aus und setzen den - aussichtslosen - Krieg fort, dessen Verlängerung zu lang anhaltendem Haß zwischen Franzosen und Deutschen führt, die Bismarck fortan als Konstante seiner Außenpolitik hinnimmt.
1871
Januar: In Versailles wird auf Betreiben Bismarcks das "Deutsche Reich" gegründet, d.h. die süddeutschen Staaten treten dem Norddeutschen Bund bei und behalten gewisse Sonderrechte. (Luxemburg und Österreich bleiben dagegen außen vor, obwohl die Voraussetzungen für einen Beitritt nach dem "Ausgleich", d.h. der Teilung der Habsburger Monarchie in "Österreich" und "Ungarn" - die nur noch durch eine lockere Personalunion verbunden sind - äußerst günstig sind; ein Übergewicht Österreichs hätte Preußen nun nicht mehr fürchten müssen. Langfristig erweist sich dies als der verhängnisvollste außenpolitische Fehler Bismarcks, der nicht nur den Lauf der deutschen, sondern auch der europäischen und schließlich der Weltgeschichte maßgeblich beeinflußt.) Der König von Preußen wird "deutscher Kaiser", Bismarck "Reichskanzler". (Seine Stellung entspricht der des heutigen "Secretary of State" in den USA, d.h. zugleich Ministerpräsident und Außenminister.) In falsch verstandenem Patriotismus jubelt eine rüde Propaganda ihn, den Zerstörer des Deutschen Bundes und damit der deutschen Einheit, zum "Schmied der deutschen Einheit" hoch.
März: Bismarck wird gefürstet
Mai: Frankreich kapituliert. Bismarck setzt durch, daß im Frieden von Frankfurt nur das Elsaß und der Osten Lothringens - im 17. Jahrhundert von Frankreich gewaltsam annektiert und im 19. Jahrhundert zwangsromanisiert - als "Reichslande Elsaß-Lothringen" an das Deutsche Reich abgetreten werden. Der unnötige Verzicht auf den Westen Lothringens mit seinen Bodenschätzen und strategisch wichtigen Festungen erweist sich als weiterer schwerer Fehler.
seit 1872
Außenpolitisch versucht Bismarck, das Deutsche Reich durch - von späteren Historikern weit überbewertete - Bündnisverträge mit Österreich-Ungarn und Rußland abzusichern, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind, da jene beiden Bündnispartner einander stets feindlich gegenüber stehen.
Auch in der Innenpolitik begeht Bismarck schwere Fehler: Durch seinen unnötigen "Kulturkampf" gegen die katholische Kirche spaltet er die Deutschen ideologisch und entfremdet insbesondere die polnischen und französischen Minderheiten; zudem vertieft er den Antagonismus zwischen dem protestantischen Preußen und den überwiegend katholischen Staaten - allen voran Bayern - und schürt Separationsgedanken in der katholischen "Rheinprovinz". Er wird damit zum Schmied der
deutschen Zwietracht.
Da Bismarck sich dabei sowohl die Konservativen als auch das "Zentrum" zu Feinden macht, stützt er sich zunehmend auf die "National-Liberalen".
1878
Nach dem russisch-türkischen Krieg reißt Bismarck aus persönlicher Eitelkeit eine - von niemandem gewünschte - Vermittlerrolle an sich. Auf dem "Berliner Kongreß" spielt er den "ehrlichem Makler" und stößt dadurch alle beteiligten Mächte vor den Kopf. Insbesondere das Verhältnis zu Rußland ist von da an - trotz eines später pro forma abgeschlossenen "Rückversicherungsvertrags" - unheilbar zerrüttet.
Innenpolitisch überwirft sich Bismarck mit den Nationalliberalen. Die Arbeiterschaft entfremdet er sich durch die "Sozialistengesetze". (Die von bismarck-freundlichen Historikern propagandistisch ausgeschlachtete "Einführung" der Sozialversicherungen stellt in Wahrheit nur eine Enteignung und Verstaatlichung bereits bestehender privater Versicherungen dar und ist wegen ihres Zwangscharakters extrem unpopulär.)
1884-85
Bismarck läßt sich auf das Experiment ein, Kolonien ("Schutzgebiete") in Übersee zu erwerben. Es handelt sich überwiegend um wertlose Gebiete in Afrika, die dem Reich bis zuletzt nur Verluste einbringen und die Feindschaft Großbritanniens zementieren. (Auch die viel gelobte "Kongo-Akte", die von den Kolonialmächten auf der von Bismarck in Berlin organisierten "Kongo-Konferenz" verabschiedet wird, erweist sich später als wertlos.)
1888
Kaiser Wilhelm und sein Sohn, Kaiser Friedrich, sterben kurz nacheinander. Der neue Kaiser Wilhelm II stellt bald fest, daß er innen- und außenpolitisch vor einem Scherbenhaufen steht; das Verhältnis zu Bismarck - der schon lange an Fett- und Alkoholsucht leidet - verschlechtert sich rapide.
1890
Bismarck wird als Reichskanzler entlassen und pro forma zum "Herzog von Lauenburg" ernannt. Niemand weint ihm eine Träne nach - lediglich eine englische Zeitung widmet ihm einen satirischen Nachruf in Form einer Karikatur: "Der Lotse geht von Bord". Daß er das Staatsschiff zuvor in eine fast aussichtslose Lage manövriert hat, bleibt weitgehend unbemerkt.
seit 1890
Bismarck verfaßt seine Memoiren in drei Bänden, die eine gründliche Abrechnung mit seinen politischen Gegnern darstellen. Wiewohl das Werk sowohl vor sachlichen Fehlern als auch vor falschen Beurteilungen strotzt, wird es ein Bestseller.
1898
30. Juli: Bismarck stirbt auf Gut Friedrichsruh.
* * * * *
Posthum gewinnt Bismarck in Deutschland zunehmend an Popularität, besonders nach dem verlorenen
Ersten Weltkrieg,
als man ihn mit den Politikern der "Weimarer Republik" vergleicht. In der Erinnerung wird er mitsamt dem Kaiserreich verklärt; seine Fehler werden weitgehend verdrängt oder nicht als solche wahrgenommen.
1933-45
Im "Dritten Reich" wird versucht, eine - Linie von
Friedrich II
über Bismarck und
Hindenburg zu
Hitleran den Haaren herbei zu ziehen.
1939 wird ein Schlachtschiff nach Bismarck benannt - obwohl er noch kurz vor seinem Tode gesagt hatte, daß er ein Anhänger der alten Segelschiffe sei und die stählernen, von Maschinen betriebenen Ungetüme nicht seine Welt seien.
1940-42
Die von Wolfgang Liebeneiner gedrehten Spielfilme Bismarck (1940) und Die Entlassung (1942) verklären ihn zu einem überragenden Staatsmann und tragischen Helden.
1945-89
Dennoch fällt Bismarck auch nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg nicht in Ungnade; die neu entdeckten Übel des Kaiserreichs werden seinen Nachfolgern in die Schuhe geschoben. Seine Denkmäler zählen zu den wenigen, die schon im Dritten Reich gestanden haben und dennoch weder nach 1945 von den alliierten Besatzern noch nach 1968 von den deutschen Kulturbolschewisten zerstört werden.
Mit fortschreitender Wirkung der "re-education" gerät Bismarck in der BRD zunehmend ins Abseits. Als 1971 zaghaft der Reichsgründung von 1871 gedacht wird, vermeidet die Regierung
jegliche Bezugnahme auf Bismarck; auf einer zu diesem Anlaß geprägten 5-DM-Gedenkmünze wird nur der Reichstag abgebildet (in peinlicher Unkenntnis seines erst Jahre später erfolgten Baus).
In der DDR wird Bismarck - anders als die "Helden" des Befreiungskrieges gegen Napoleon - auch in den 1970er Jahren nicht als Identifikationsfigur wieder entdeckt.
Allerdings veröffentlicht der DDR-Historiker Ernst Engelberg 1985 eine überraschend sachliche Bismarck-Biografie, die angesichts zahlreicher zweit- und drittklassiger Konkurrenz-Produkte bald zum Standardwerk in Ost und West wird.
seit 1990
Nach dem Zusammenschluß von BRD und DDR kommt es zu eine kurzen Fase der Rückbesinnung auf Bismarck; sowohl zum 125. Jahrestag der Reichsgründung 1996 als auch zu seinem 100. Todestag 1998 gibt es einige private Gedenkveranstaltungen.