Daniel Cohn-Bendit, 1945 in Montauban/Frankreich geboren und in
Deutschland aufgewachsen, gehörte zu den Wortführern der Pariser
Mairevolution 1968, war in den siebziger Jahren Mitglied der
Frankfurter Sponti-Szene, redigierte dort die legendäre Zeitschrift
"Pflasterstrand", trat 1984 der Partei "Die Grünen" bei und ist heute
Ko-Fraktionsvorsitzender der "Grünen" im Europaparlament. Die Fragen
stellte Hannes Stein.
DIE WELT: Was hat Hannah Arendt Ihnen bedeutet, als Sie noch ein ordentlicher, linksradikaler Achtundsechziger waren?
Daniel Cohn-Bendit:
Das ist kompliziert, weil sie ja eine Freundin meiner Eltern war. Ich
kannte sie und ihre Thesen also schon damals. In der Emigration war sie
um 1934 Mitglied einer Intellektuellengruppe in Paris, zu der auch mein
Vater, meine Mutter, Walter Benjamin und Hannah Arendts Ehemann
Heinrich Blücher gehörten. Mein Vater und Blücher wurden gemeinsam zu
Beginn des Krieges interniert, und so gab es da eine tiefere
Bekanntschaft. Aber in Ihrer Frage klingt etwas ganz Richtiges mit:
Hannah Arendt war für mich in dieser Zeit noch nicht die prägende
Denkerin.
DIE WELT: Wann haben Sie Hannah Arendt kennengelernt?
Cohn-Bendit:
Als sie 1958 die Laudatio auf Karl Jaspers hielt, der den Friedenspreis
des Deutschen Buchhandels bekam. Da war mein Vater gerade gestorben,
und sie besuchte meine Mutter. Zum zweiten Mal habe ich sie beim
Auschwitzprozeß in Frankfurt gesehen. Ich war dort mit meiner
Schulklasse zu Besuch - und sie zufällig auch.
DIE WELT: Wann haben Sie begonnen, sich mit Hannah Arendts Werk auseinanderzusetzen?
Cohn-Bendit:
In den siebziger Jahren, als die Auseinandersetzungen über den
Totalitarismus immer klarer wurden. Ich war von Hause aus ein linker
Antikommunist, und als ich 1968 nach Deutschland kam, war ich
verwundert, daß man sich hier aufgrund der Geschichte scheute, den
Kommunismus mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen.
DIE WELT: Führte es zu Streit mit Ihren Genossen, wenn Sie sich auf Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" beriefen?
Cohn-Bendit:
Streit hatte ich von vornherein, denn als ich 1968 aus Frankreich
ausgewiesen wurde, war mir trotz allen revolutionären Unbehagens klar,
daß ich lieber in der Bundesrepublik leben möchte als in der DDR. Ich
sah in Frankreich und der DDR bürgerliche Gesellschaften - damals
nannte man das so -, die reformbedürftig waren, aber nicht totalitäre
Systeme.
DIE WELT: Was bedeutet Ihnen Hannah Arendts immer noch umstrittenes Buch "Eichmann in Jerusalem"?
Cohn-Bendit:
Daß die Verteufelung der Nazis uns nicht weiterbringt. Das Wahnsinnige,
was erklärt werden muß, ist doch, daß die Nazis "normale Menschen"
waren! Eichmann war ein Nichts, das nur in einem totalitären, von
Rassenwahn geprägten System seine herausragende Stellung erlangen und
diese Vernichtung betreiben konnte.
DIE WELT:
Aber einige Behauptungen, die Hannah Arendt in "Eichmann in Jerusalem"
aufstellt, halten doch der historischen Überprüfung nicht stand. Denken
Sie nur an ihre pauschale Verurteilung der Judenräte ...
Cohn-Bendit:
Trotzdem bleibt die Frage, die sie bei der Betrachtung der Judenräte
stellt, weiterhin relevant, nämlich: Wann akzeptiert man eine
Entwicklung, und wann leistet man ihr Widerstand? Es mag ja sein, daß
Hannah Arendt den Judenräten gegenüber ungerecht war. Aber ihre
Grundfrage bleibt legitim: War es richtig, überhaupt zu kollaborieren?
Denn es wollten ja nicht nur die Juden nicht wahrhaben, daß sie der
Vernichtung entgegengehen. Als 1938 die westlichen Demokratien mit
Hitler in München ein Abkommen schlossen, haben sie nicht gesehen, was
in Deutschland für ein Vernichtungspotential entwickelt wird. Im Grunde
ist es genau diese Frage, die den Staat Israel bis heute umtreibt. Die
Ungerechtigkeit, die Israel gegenüber den Palästinensern an den Tag
legt, hat etwas mit der Einsicht zu tun, daß man nie wieder in dieselbe
Situation geraten will wie damals. Das ist ein Problem, das meiner
Meinung nach nicht richtig verarbeitet wurde - aber es ist ein reales
Problem.
DIE WELT: Hannah
Arendts Haltung gegenüber dem Zionismus war interessant kompliziert,
sie pendelte zwischen Zustimmung und Ablehnung. Sehen Sie Ihre eigene
Haltung darin widergespiegelt?
Cohn-Bendit:
Hannah Arendt sah ein, daß Juden irgendwo einen Ort haben wollen, wo
sie als Juden in Ruhe leben können. Das ist eine Art Primärzionismus,
den ich für die Generation der Menschen, die den Holocaust miterlebt
haben, nachvollziehbar finde. Ich bin ja danach geboren. Und ich bin
A-Zionist; das heißt, ich bin weder Zionist noch Antizionist. Ich kann
nachvollziehen, wenn Juden in Israel leben möchten - ich aber will als
Jude in der Diaspora bleiben. Hannah Arendt spürte 1947/48, daß das
gewaltsam-militärische Durchsetzen des Staates Israel zu einem nicht
enden wollenden Konflikt führen würde. Gleichzeitig stellte sie sich im
Sechstagekrieg von 1967 den Realitäten: Es gab den Staat Israel nun
einmal, und bei aller Kritik war sie mit den Menschen in Israel
solidarisch. Die Vernichtung der Israelis wollte sie nicht.
DIE WELT: Zu einem anderen Thema: Hannah Arendt und Martin Heidegger. Können Sie uns das erklären?
Cohn-Bendit:
Nein! Aber das ist doch das Schöne im Leben: Liebe und Sex lassen sich
philosophisch-rational nicht erklären. Ich sage immer: Hannah Arendt
ist die philosophische Madonna. Um von hinten anzufangen - Madonna ist
die Frau, die gesagt hat: Ich nehme mir den Mann, den ich will. Ob das
Christus ist, den sie in ihrem berühmten Musikvideo vom Kreuz
herunternimmt, oder ihr Sportlehrer - oder wer auch immer. Und Hannah
Arendt ist eine politische Philosophin, die radikal denken kann, die
sich im radikalen Denken als Studentin mit Heidegger mißt, die sich
total in diesen Mann verliebt - und diese Liebe hat danach immer
Bestand gehabt. Sie hat sich fest eingenistet in ihrem Kopf und in
ihrem Körper. Es gibt Beziehungen, die sind ganz einfach unerklärlich,
und das sollte man akzeptieren.
DIE WELT: Zurück zur Politik ...
Cohn-Bendit:
Wir reden schon die ganze Zeit von Politik. Was für ein verrückter
Anspruch, Hannah Arendt solle eine politisch korrekte Beziehung führen.
Übrigens hat sie diese politisch korrekte Liebe ja auch gehabt: Das
Interessante in ihrem Leben sind doch diese zwei Männer. Der andere war
ihr Ehemann, ein ehemaliger Linksradikaler, der auch später links
blieb. Heinrich Blücher hat Hannah Arendt sehr beeinflußt in ihrem Buch
"Vita activa oder Vom tätigen Leben". Sie hatte ja immer einen linken
Begriff des Sozialen. Über die demokratischen Institutionen dachte sie
liberal, aber sie war sehr links, was das Soziale angeht. So hat sie
gesagt, Amerika sei politisch eine Demokratie, und sozial sei es
totalitär. Das stimmt! Wenn Sie in eine amerikanische Vorstadt gehen,
dann sehen Sie den verwirklichten Kommunismus. Die kommunistische
Gleichmacherei ist dort vollkommen durchgesetzt. Ein identisches
Reihenhaus neben dem anderen, und das kilometerweit!
DIE WELT: Da wir gerade von Amerika sprechen: Wie, glauben Sie, würde Hannah Arendt heute auf den Islamismus reagieren?
Cohn-Bendit:
Sie würde sagen, daß der islamische Fundamentalismus ein Totalitarismus
ist. Und daß man die Kraft haben muß, diesen Totalitarismus zu
bekämpfen, während man den Islam als Religion den anderen Religionen
gleichsetzt. Dabei würde sie aber auch sagen, daß alle Religionen
totalitäre Momente in sich bergen. Daß unsere Demokratien sich in der
Emanzipation von der Religion entwickelt haben. Und daß es im Grunde
das ist, was dem Islam noch bevorsteht: die Emanzipation der Muslime
von der Religion. Dabei werden am Ende ein veränderter Islam und ein
muslimischer Atheismus entstehen.
Artikel erschienen am 03.12.2005