Tabellarischer Lebenslauf
zusammen gestellt von
Nikolas Dikigoros
1870
22. April: Wladimir Iljitsch Uljanow wird als viertes von sechs Kindern des Oberlehrers Ilja Nikolajewitsch Uljanow (1831-86) und dessen Ehefrau Marija Aleksandrowna, geb. Blank (1835-1916), in
Simbirsk
geboren. (Sein Großvater väterlicherseits, der Schneier Isaak Zederblum, war Jude, der sich nach seiner Konvertierung zum orthodoxen Christentum erst "Nikolaj Uljanin", dann "Nikolaj Uljanow" nannte; seine Großmutter väterlicherseits, Anna Uljanina, war Kalmükin; sein Großvater mütterlicherseits, Abel Shrul ["Alexander"] Blank, war deutscher Jude aus
Wolhynien,
seine Großmutter mütterlicherseits Anna, geb. Großschopf, Tochter eines aus
Lübeck nach
Sankt Peterburg
eingewanderten jüdischen - nach anderen Quellen schwedischen - Kaufmanns.)
1874
Ilja Uljanow wird zum wirklichen Staatsrat befördert, zum Schulinspektor (Schulrat) ernannt und in den Adelsstand erhoben.
1879
Wladimir kommt auf das humanistische Gymnasium in Simbirsk; er gilt als Musterschüler.
Einer seiner Lehrer ist Fëdor Kerenskij, der Vater des späteren Ministerpräsidenten.
1887
März: Wladimirs Bruder Aleksandr wird wegen Beteiligung an einem Attentat auf Tsar Aleksandr III verhaftet und zwei Monate später durch den Strang hingerichtet. Da im Tsarenreich - anders als später in der Sowjet-Union - keine Sippenhaft herrscht, bleibt Wladimir unbehelligt.
Juni: Wladimir legt die Reifeprüfung als Jahrgangsbester ab.
August: Wladimir nimmt ein Jura-Studium an der Universität Kazan auf.
Dezember: Wegen Beteiligung an Studentenunruhen wird Wladimir von der Universität gewiesen.
Seitdem lungert er herum und liest aus Langeweile marxistische Schriften.
1891
Wladimir erhält die Genehmigung, als "Externer" Universitätsprüfungen abzulegen.
Er besteht das Jura-Examen an der Universität Sankt Petersburg mit Auszeichnung.
1892
Wladimir wird Anwaltsassessor bei Rechtsanwalt Chardin in Samara.
1893
Wladimir wird Anwaltsassessor bei Rechtsanwalt Wolkenstein in Sankt Peterburg, wo er Kontakt zu revolutionären Elementen aufnimmt.
1894
Über Wolkenstein lernt Lenin die Studentin Nadjezhda Krupskaja (1869-1939) kennen.
1895
Oktober: Wladimir gründet zusammen mit Julij Martow (1873-1923), dem späteren Menschewikenführer, den "Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse".
Dezember: Wladimir wird verhaftet und ins Untersuchungsgefängnis eingewiesen (bis 1896).
1897
Februar: Wladimir wird auf drei Jahre nach Sibirien verbannt. Er verbringt diese Zeit in Schuschenskoje an der Lena - nach der er sich später "Lenin" nennt. Er verfaßt weiterhin revolutionäre Propagandaschriften.
1898
März: Lenin wird Mitglied der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands [SDAPR]".
22. Juli: Lenin heiratet die - ebenfalls nach Sibirien verbannte - Krupskaja. Die Ehe bleibt kinderlos.
1900
Juli: Wladimir unternimmt eine ausgedehnte Europa-Reise, die er später als "erste Emigration" bezeichnet. Stationen dieser Reise sind u.a. Wien, Zürich, Genf, Nürnberg, München (wo er die polnische Jüdin
Rosa Luxemburg
kennen lernt und die kommunistische Zeitung "Iskra" gründet), Stuttgart und das damals noch deutsche Prag.
Hier benutzt er bereits den Decknamen "Lenin".
1903
Auf dem zweiten Parteikongreß der SDAPR in London kann Lenin seine Konzeption einer kleinen
Kaderpartei durchsetzen. In der Partei gibt es seitdem zwei Flügel: die von ihm geführten
Bolschewiken und die Menschewiken unter Martow, die eine breite Massenbasis anstreben.
1905
Januar: In Sankt Peterburg bricht angesichts der Niederlagen im russisch-japanischen Krieg die Revolution aus.
Dezember: In der Endfase der revolutionären Streik- und Protestbewegung kehrt Lenin für kurze Zeit nach Rußland zurück und hetzt zum bedingungslosen Kampf gegen den Tsaren. Nach der Niederschlagung der Revolution geht er erneut ins Exil nach Frankreich.
1906
Februar: Lenin trifft in Finnland den Dichter
Maksim Gorkij,
der sich von ihm für die bolschewistische Idee einspannen läßt.
1907
April: Lenin - der in Deutschland, England und Frankreich stets auf großem Fuß gelebt hat - muß sich vor einem Parteigericht er SDAPR wegen Verschwendung von 60.000 Goldrubeln (nach heutiger Kaufkraft ca. 1 Mio Euro) verantworten. Das Loch in der Parteikasse wird durch "Enteignungen [Expropriationen]", d.h. Überfälle auf Banken und Geldtransporte, wieder aufgefüllt. Dabei verdient sich ein gewisser
Iosif W. Dschugaschwili ("Stalin") seine ersten Sporen.
1912
Januar: Lenin reist zur "Prager Konferenz" und spaltet die SDAPR, indem er eine eigenständige bolschewistische Partei gründet.
Mai: Die erste Ausgabe der von Lenin geleiteten neuen Parteizeitung "Prawda [Wahrheit]" erscheint.
Juni: Lenin übersiedelt von Paris nach Poronin bei Krakau
(Galizien).
Lenin beruft Stalin in das Zentralkomitee (ZK) der bolschewistischen Partei.
1914
Januar: Lenin unternimmt Reisen nach Berlin, Leipzig, Lüttich, Brüssel und Paris, wo er jeweils Hetzreden hält.
8. August: Eine Woche nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird Lenin von den österreichischen Behörden als vermeintlicher Spion kurz verhaftet und dann in die Schweiz abgeschoben ("zweites Exil"). Er läßt sich in Bern nieder, wo er Werke Hegels, Feuerbachs und Lassalles liest.
Auf den europäischen Kriegskonferenzen der linken Sozialisten kann er sich mit seiner Forderung einer "Umwandlung des Krieges in einen Bürgerkrieg" nicht durchsetzen. Er siedelt nach Zürich über.
1916
Lenin entwickelt in "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" die abstruse These von der "unvermeidlichen Selbstauflösung" der westlichen Industriestaaten.
1917
12. März: Nach Demonstrationen und Streiks der Munitionsarbeiter von Petrograd führt die "Februar"-Revolution (in Rußland gilt noch der alte Kalender) zum Sturz des Tsaren. Der in Dresden geborene neue Ministerpräsident Georgij Lwow spielt - allen anders lautenden Lippenbekenntnissen zum Trotz - mit dem Gedanken, Rußland aus dem Krieg zurück zu ziehen - was die Entente-Mächte wissen, nicht dagegen die Mittelmächte mit ihrem unfähigen Nachrichtendienst; sie glauben vielmehr, Lwow stürzen zu müssen, um einen Separatfrieden mit Rußland schließen zu können. Lenin und sein schweizer Helfer
Fritz Platten
nutzen diese Unwissenheit geschickt aus und erreichen, daß die deutsche Regierung ihnen und 32 Begleitern die "exterritoriale" Durchfahrt in einem - angeblich - plombierten Eisenbahnzug genehmigt.
9.-11. April: Lenins Gruppe reist von Zürich über Basel nach Saßnitz.
12.-14. April: Lenins Gruppe reist auf einem schwedischen Schiff von Saßnitz nach Trelleborg, von dort mit der Bahn über Malmö nach Stockholm.
15. April: Lenin überschreitet im finnischen
Tornio (Torneå) mit britischer Hilfe die schwedisch-russische Grenze.
16. April: Lenin trifft in Sankt Peterburg ein. In seiner ersten Rede ruft er zur "sozialistischen Weltrevolution" auf.
20. April: Die "Prawda" veröffentlicht Lenins - bereits im Zürich verfaßte - "Aprilthesen". Er fordert sofortige Beendigung des Krieges, Sturz der parlamentarischen Regierung Lwow, Einrichtung von Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten ("alle Macht den Sowjets"), Abschaffung von Polizei, Militär und Beamtenschaft, Enteignung des Adels und des "Großgrundbesitzes", Verstaatlichung aller Banken, Produktionmittel und Produktionsstätten unter Kontrolle der Kommunistischen Partei.
1. Juli: Der neue Kriegsminister Aleksandr Kerenskij überredet Lwow zu einer letzten großen Offensive der russischen Truppen gegen die Mittelmächte. Die Bolschewiken - und andere oppositionelle Kräfte - reagieren mit dem so genannten "Juliaufstand". Sie erreichen damit den Rücktritt Lwows zugunsten Kerenskijs.
14. Juli: Kerenskij bricht die nach ihm benannte Offensive ab und schläg statt dessen den "Juliaufstand" nieder. Lenin - der mit Haftbefehl gesucht wird - flieht zurück nach Finnland.
7. November: Der von
Lew Davidowitsch Trotski
organisierte neuerliche Putsch bringt die Bolschewiken an die Macht; Lenin ruft die Räterepublik aus.
17. Dezember: Die Bolschewiken schließen in Brest-Litowsk einen Waffenstillstand mit den Mittelmächten. Zu Weihnachten schweigen die Waffen.
1918
Aufbau eines diktatorischen Regierungssystems unter Führung der bolschewistischen Kaderpartei, oppositionelle Gruppen (auch die Menschewiken) werden radikal unterdrückt.
3. März: Gegen starke innerparteiliche Widerstände schließt Lenin mit dem Deutschen Reich den
Frieden von Brest-Litowsk,
der Rußland in Europa auf seine natürlichen Grenzen zurück wirft (die es seit 1991 wieder einnimmt, d.h. ohne Estland, Finnland, Lettland, Litauen, die Ukraïne und Weißrußland).
August: Das Attentat einer nichtmarxistischen Sozialrevolutionärin auf Lenin mißlingt.
1918-1920
Im russischen Bürgerkrieg setzt Lenin konsequent den neugegründeten Geheimdienst Tscheka und Militärgewalt zur Unterdrückung der "gegenrevolutionären" und "separatistischen" Kräfte ein. Weißrußland, die Ukraïne und der Kaukasus werden wieder annektiert. (Versuche kommunistischer Truppen, auch das Baltikum und Finnland für die Sowjet-Union "zurück" zu erobern, scheitern an deutschen Freikorps.)
Lenin schafft den Überwachungsstaat, den
George Orwell
später in "1984" beschreibt, und nimmt die Rolle des "Big Brother" ein.
1919
Mit der Gründung der "Kommunistischen Internationale [Komintern]" will Lenin die Revolution in Westeuropa vorbereiten.
1920-21
Im Krieg gegen das von Frankreich unterstützte Polen verliert die Sowjet-Union Weißrußland und die West-Ukraïne (Galizien).
1921
Lenin läßt den Aufstand der Matrosen von Kronstadt gegen das Sowjet-Regime niederschlagen.
Angesichts der zunehmenden Notstände durch und Proteste gegen kommunistische Mißwirtschaft ruft Lenin die "neue Wirtschaftspolitik" zur Verbesserung der Versorgungslage und zur Anhebung des Lebensstandards aus.
1922
Mai: Lenin übersiedelt in den Moskauer Vorort Gorkij, wo er einen Schlaganfall erleidet. Er empfängt wiederholt Stalin, um ihn auf seine Nachfolge einzuschwören.
Oktober: Lenin kehrt nach Moskau zurück, nimmt jedoch nicht am Weltkongreß der Komintern in Petrograd teil.
16. Dezember: Lenin erleidet einen zweiten Schlaganfall.
24. Dezember: In einem Brief an den Parteitag der KPdSU (später als
"politisches Testament"
bezeichnet) empfiehlt Lenin die Genossen Stalin und Trotski als seine Nachfolger und warnt vor innerparteilichen Nachfolgekämpfen zwischen den beiden und zu starker Machtkonzentration bei einem einzelnen.
1923
9. März: Lenin erleidet einen dritten Schlaganfall; danach ist er kaum noch handlungsfähig.
1924
21. Januar: Wladimir Iljitsch Uljanow stirbt in Gorkij.
23.-27. Januar: Lenins Leiche wird nach Moskau überführt, einbalsamiert und auf dem Roten Platz aufgebahrt, wo ihm ein Mausoläum errichtet wird.
Lenins Politik wird von Stalin kongenial in seinem Sinne fortgeführt - eine Tatsache, die auch nach der "Entstalinisierung" der 50er Jahre durch Chruschtschëw systematisch vertuscht wird. Um seine Person wird ein großer Heldenkult aufgezogen; Simbirsk wird in "Uljanowsk" umbenannt.
seit 1985
Mit dem Machtantritt von
Michail Gorbatschëw
beginnen sowjetische Historiker, die Rolle Lenins zu hinterfragen, insbesondere ob er eine Mitverantwortung für die später allein Stalin zugeschriebenen Verbrechen trug oder sogar der eigentliche Schöpfer des "Stalinismus" und damit einer der größten Verbrecher der Weltgeschichte war. In marxistischen Kreisen des Westens ruft diese Demontage Lenins helle Empörung ob solchen "Geschichts-Revisionismus" hervor; für sie bleibt Lenin ein Abgott, dem kein Zacken aus der roten Krone fallen darf, und sein Grab ein Pilgerziel für alle Gläubigen.
1988
Mai: Der Verleger Rudolf Augstein warnt in seinem sozialistisch angehauchten Magazin
Der Spiegel vor einer "Freigabe der Vergangenheit", welche "den Sturz des gesamten Sowjetsystems mit sich bringen" könnte. Eine verantwortungsvolle Geschichtsschreibung dürfe sich nicht an der historischen Wahrheit orientieren, sondern müsse sich der Politik unterordnen. Die "Verantwortung für jedes über unsere Vergangenheit gesagte Wort" wachse.* (Der Spiegel hatte kurz zuvor - getreu diesen Vorgaben - maßgeblich dazu beigetragen, daß die Ermordung des CDU-Politikers Uwe Barschel durch seine politischen Gegner der Öffentlichkeit als "Selbstmord" verkauft wurde.)
Wer belügt das ganze Land? Der verantwortungsvolle Rudolf Augstein! Volk ohne Angst Bananen
1989
9. November: Infolge akuter Bananenknappheit in der DDR kommt es zum Fall der Berliner Mauer.
Als erster Teil des Sowjetsystems stürzt das SED-Regime in der DDR.
1990
Nachdem der Anschluß der DDR an die BRD ("Wiedervereinigung") beschlossene Sache ist, erklären die meisten nicht-russischen Sowjet-Republiken einseitig ihre Unabhängigkeit. Die UdSSR beginnt auseinander zu brechen.
1991
31. März: Die Staaten des Warschauer Pakts stellen ihre militärische Zusammenarbeit ein.
9. April: Die Sowjet-Union erkennt die Unabhängigkeit Georgiens an.
28. Juni: Der "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe [RGW, COMECON]" wird aufgelöst.
1. Juli: Der Warschauer Pakt wird aufgelöst.
21. August: Die Sowjet-Union erkennt die Unabhängigkeit der baltischen Staaten an.
30. August: Die Sowjet-Union erkennt die Unabhängigkeit Aserbeidschans an.
21. September: Die Sowjet-Union erkennt die Unabhängigkeit Armeniens an.
8. Dezember: Der Rest der Sowjet-Union wird offiziell aufgelöst, d.h. Rußland, die Ukraïne und Weißrußland werden unabhängige Staaten.
Bald darauf beginnt auch die "Russische Föderation" zu bröckeln. Lenins Lebenswerk ist - was Rußland anbelangt - zerstört.
seit 2000
Im neuen Jahrtausend erleben Lenins Lehren in Südamerika eine unerwartete Renaissance. Nacheinander werden Brasilien, Chile, Venezuela und Bolivien kommunistisch.
2007
Januar: Nach der Machtergreifung der Kommunisten auch in Ecuador ernennt der Staatsratsvorsitzende"Präsident" Rafael Correa - der den "Marxismus-Lenininsmus" in "Bolivarismus-Alfarismus" umgetauft hat - ein Individuum zum "Vize-Präsidenten", dessen einzige Qualifikation für dieses Amt in seinem Namen besteht: Lenin Moreno.
2008
Das russische Fernsehen veranstaltet eine Umfrage nach den Namen der einflußreichsten Personen der russischen Geschichte. Lenin landet auf Platz 6.
*DER SPIEGEL, Nr. 19/1988, S. 162 ("Rudolf Augstein über die Geschichtsrevision in der Sowjet-Union" [Letzter Satz ein Zitat von Ligatschow].)