JULIUS  NYERERE

(1922 - 1999)

[Julius Nyerere]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1922
13. April: Julius Kambarage Nyerere wird als Sohn eines Zanaki-Häuptlings in Butiama (Tanganjika, vormals Deutsch-Ostafrika) geboren.

1934
Nyerere wird in Musoma eingeschult.

1938
Nyerere wechselt an die katholische Missionsschule in Tabora.


1944-46
Nyerere absolviert eine Ausbildung zum Volksschullehrer an der Makerere-"Universität"* in Kampala (Uganda). Seitdem nennt er sich "Mwalimu [Lehrer]".

1946-49
Nyerere arbeitet als Lehrer. Er übersetzt die Shakespeare-Dramen Julius Caesar und Der Kaumann von Venedig in Ki-Suaheli.

1949-52
Nyerere studiert mit einem Stipendium der Kolonialmacht Geschichte und Wirtschafts-Wissenschaften an der Universität Edinburgh (Schottland). [Angesichts des folgenden fragt man sich, was an den dortigen Fakultäten gelehrt wird, Anm. Dikigoros.]

1954
Nyerere gründet die "Afrikanische National-Union von Tanganjika (TANU)".

1959
Der Zoologie-Professor Bernhard Grzimek dreht "Serengeti darf nicht sterben", einen Film, der das einstige Deutsch-Ostafrika - insbesondere seine Tierwelt, aber auch die Landschaft mit dem Götter-Berg "Kilima-ndjaro" - in der BRD noch einmal äußerst populär macht; der reichliche Fluß deutscher Spendengelder hält Jahrzehnte lang an.

1960
Großbritannien ernennt Nyerere zum "Ministerpräsidenten" der Kolonialverwaltung.

1961
Großbritannien entläßt Tanganjika in die Unabhängigkeit. Nyerere läßt sich zum Präsidenten wählen.

1963
Tanganjika zählt zu den Gründern der "Organisation für afrikanische Einheit (OAU)".


1964
Januar: Der Sultan von Zanzibar wird durch einen NegeraufstandAufstand schwarzer Kommunisten gestürzt. Die auf der Insel lebenden Araber und Inder werden ermordet, die Briten und US-Amerikaner vertrieben.
Fast zeitgleich versucht auch die Armee von Tanganjika, Nyerere zu stürzen; auf seinen Hilferuf schicken die Briten jedoch Truppen, die den Aufstand nieder schlagen.
April: Nyerere schließt Tanganjika und Zanzibar zusammen und nennt das daraus resultierende Gebilde "Tanzania".

1965
Nyerere läßt sich erneut zum Präsidenten wählen.

1966
Nyerere unterstützt das Volk der Ibo bei dem Versuch, sich von Nigeria unabhängig zu machen. Er ist einer der wenigen, die Biafra anerkennen und entfremdet sich dadurch den Westmächten, die Nigeria unterstützen.

1967
In der "Erklärung von Aruscha" kündet Nyerere den Aufbau des "afrikanischen Sozialismus" an. Er verstaatlicht Banken und Industrien, deformiertreformiert das Bildungswesen und zwangskollektiviert die Landwirtschaft nach dem Vorbild Mao Tse-tungs, der zu Tanzanias wichtigstem Verbündeten wird. Die Folgen sind die gleichen wie in Rot-China: Binnen weniger als einem Jahrzehnt wird Tanzania vom größten Lebensmittel-Exporteur zum größten Lebensmittel-Importeur und von einem der reichsten zu einem der ärmsten Länder Afrikas. Nyerere nennt dies "eine einmalige Mischung von Sozialismus und Kommunalismus [Ujamaa]", wobei ihm "Menschlichkeit" wichtiger sei als Wohlstand. Dennoch haben die Tanzanier immer mehr Geld in der Tasche - jedenfalls auf dem Papier (das in Großbritannien bedruckt wird; in Tanzania funktionieren bald nicht mal mehr die Geldpressen).


1969
Oktober: Nyerere reist nach Jugoslawien, wo ihn sein Freund Tito zum Ehrenbürger von Belgrad ernennt.

1970
Nyerere läßt sich erneut zum Präsidenten wählen und fortan "Baba wa taifa [Vater der Nation]" nennen.

1974
September: Nyerere reist nach Kuba, wo ihm sein Freund Fidel Castro den José-Martí-Orden umhängt verleiht.

1975
Nyerere läßt sich erneut zum Präsidenten wählen.

1976
Januar: Nyerere reist nach Indien, wo ihm Indira Gandhi den Nehru-Orden verleiht.
Nach Maos Tod macht Nyerere die Zwangskollektivierungen rückgängig - zu spät: Die einst von den Deutschen geschaffenen und von den Briten übernommenen landwirtschaftlichen Strukturen sind nachhaltig zerstört.

1978
Nyerere läßt tanzanische Truppen in Uganda einmarschieren, um Idi Amin Dada zu stürzen und seinen Freund Milton Obote zurück auf den ThronPräsidentensessel zu bringen.

1979
Nyerere nimmt an der Commonwealth-Konferenz in London teil, auf der - unter Führung der neuen britischen Permierministerin Margaret Thatcher - beschlossen wird, Rhodesien den Schwarzen auszuliefern. Nyerere nimmt das Hauptverdienst daran für sich in Anspruch.


1980
Nyerere läßt sich erneut zum Präsidenten wählen.

1983
Oktober: Nyerere reist nach Genf, wo ihm der Nansen-Flüchtlingspreis verliehen wird - wofür ist nicht ganz klar.

1985
September: Nyerere macht einen letzten Staatsbesuch in Cuba, wo ihn die Universität Havana zum Dr.h.c. promoviert.
Anschließend tritt er als Präsident zurück. Mit einer für moderne Politiker seltenen Offenheit räumt er ein, daß er dies deshalb tut, weil er Tanzania völlig ruiniert hat. (Das Land lebt praktisch nur noch von Krediten à fond perdu und Entwicklungshilfe, vor allem aus der BRD - in deren Medien diese seine Abschiedsrede sorgfältig unterdrückt wird.**)

1987
September: Nyerere wird - durchaus passend - der Lenin-Preis verliehen.

1990
Nyerere tritt auch als Vorsitzender der CCM zurück.

1992
Oktober: Nyerere reist nach Paris, wo ihm der Simon-Bolivar-Preis der UNESCO verliehen wird.

1995
Januar: Nyerere reist erneut nach Indien, wo ihm der Gandhi-Friedenspreis verliehen wird.

1999
14. Oktober: Julius Nyerere stirbt in London und wird eine Woche später in Tanzania beerdigt.

* * * * *

2000
In Tanzania wird Nyerere zum "Staatsmann des Jahrhunderts" ernannt gewählt ausgerufen.


2002
Die Nyerere-Biografie von Godfrey Mwakikagile erscheint. Er strickt fleißig an der Legende des "großen Staatsmanns" - an die andere nicht mehr glauben wollen.


2004
Die Leser des ghanaïschen Nachrichten-Magazins New African wählen den "größten Afrikaner aller Zeiten". Nyerere landet auf Platz 4, hinter den Terroristen Nelson Mandela (Südafrika), Kwame Nkrumah (Goldküste/Ghana) und Robert Mugabe (Rhodesien/Zimbabwe).


*Makerere war damals noch eine Art Polytechnische Oberschule, die erst 1950 zur "Universtität" befördert wurde und das Recht erhielt, akademische Grade zu verleihen; tatsächlich ist sie nie über das Niveau einer deutschen Gesamtschule hinaus gelangt.

**Statt dessen wird Nyerere in dortigen Nachrufen ausdrücklich gelobt, weil es in Tanzania - anders als in fast allen anderen schwarzafrikanischen Staaten - nach seinem Abgang keine "Bürgerkriege" gab. Dies erklärt sich aus der allgemeinen Unkenntnis über deren wahren Charakter als ethnische Konflikte. Zu solchen konnte es in Tanzania schwerlich kommen, da dort zwar über 100 Stämme leben, diese jedoch fast alle zu den Bantu gehören; es ist auch keiner stark genug, um alleine die Macht zu ergreifen und die anderen Stämme zu unterdrücken. Dies ist aber nicht das Verdienst Nyereres.


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