Wilhelm Voigt, der 1849 als Sohn eines Schuhmachers in Tilsit
geboren wurde, schrieb als »Hauptmann von Köpenick« Geschichte. Über
ihn und seine Tat wurden unzählige Bücher und Aufsätze verfaßt, die
Autobiographie Voigts, die 1909, ein Jahr nach seiner Haftentlassung,
erschien, hat jedoch bis heute verhältnismäßig wenig Aufsehen erregt.
Dabei ist dieses Buch selbst ein »Gaunerstückchen«, zeigt es doch, daß
der »Hauptmann« ein größeres Schlitzohr war, als bislang angenommen
wird. Ludwig Lugmeier, dessen vielbesprochene Autobiographie »Der Mann,
der aus dem Fenster sprang« (Verlag Antje Kunstmann) im vergangenen
Jahr Furore machte, kommentiert im Nachwort die Aussagen Voigts und
zeigt, daß es sich bei der Besetzung des Rathauses eigentlich um einen
Raubzug der Extraklasse handelte. Lugmeiers Nachwort erscheint hier mit
freundlicher Genehmigung des Verlags anläßlich der
Wiederveröffentlichung der Memoiren Voigts zum 100. Jahrestag der
Köpenickiade am 16. Oktober (Wilhelm Voigt: Wie ich Hauptmann von
Köpenick wurde. Ein Lebensbild. Verbrecher Verlag, Berlin 2006, ISBN
3-935843-66-6, 128 Seiten, 14,99 Euro)
Die Geschichte des Friedrich Wilhelm Voigt ist noch nicht geschrieben worden. Zwar gibt es von Wilhelm Schäfer einen biographischer Roman über ihn, der 1930 im Münchener Verlag G. Müller erschien, doch dieser »Hauptmann« hat mit
der wirklichen Person Wilhelm Voigt wenig zu tun. Schäfers Roman steckt voller Unwahrheiten und Vereinfachungen. An Stelle »bereinigter« Lebensabschnitte hat er rührende Erlebnisse erfunden. Da schüttelt Richter Dietz nach der Urteilsverkündung Voigt die Hand und nennt ihn generös seinen »Menschenbruder«.
Carl Zuckmayer, von Fritz Kortner beauftragt, ein Drehbuch für einen Hauptmann-von-Köpenick-Film zu schreiben, bediente sich Voigts Geschichte, als wäre sie ein Trickbaukasten. Sein Hauptmann ist eine Kunstfigur – es hat ihn so nie gegeben. Tatsächlich ging es Voigt bei seinem Überfall auf das Rathaus in Köpenick nicht um einen Paß, sondern um Geld. Zwei Millionen Mark, so hatte er geglaubt, würden im Panzerschrank liegen. Zuckmayer hatte die Akten und Prozeßberichte gekannt, aber er wollte mit seiner Hauptmannsgeschichte ein »deutsches Märchen« schreiben – so hat er es selbst genannt.
Lediglich Winfried Löschburg nahm Wilhelm Friedrich Voigt als den, der er war: einen Gewohnheitsverbrecher. Sein
Buch »Ohne Glanz und Gloria. Die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick«, das 1978 im Verlag Der Morgen erschien, ist gut
recherchiert. In den Mittelpunkt stellte er den Überfall vom 16. Oktober 1906. Das ist naheliegend, da Voigt durch diesen Überfall in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses geriet. Doch seine Geschichte erhellt sich daraus so wenig, wie die Frage beantwortet werden kann: Wie kam es, daß ein 57jähriger Schuster, der neunundzwanzig Jahre in Gefängnissen und Zuchthäusern gesessen hatte, die preußische Staatsmacht zum Zittern brachte – erst unter dem Gelächter der Untertanen, dann unter dem Hohn der restlichen Welt.
Um die Lebensgeschichte Voigts zu schreiben, hätte es eines Hans
Fallada oder Alfred Döblin bedurft. Fallada, weil er das Gefängnis aus
eigener Erfahrung kannte, die Stigmatisierung dadurch und den
Kreislauf, demzufolge immer wieder kam, wer einmal aus dem Blechnapf
fraß. Alfred Döblin, weil er mit Franz Biberkopf, dem Protagonisten
seines Romans »Berlin Alexanderplatz«, eine Gestalt schuf, die Voigt in
vieler Hinsicht ähnlich war. Beide bewegten sich auf der Schattenseite
der Gesellschaft, in Gefängnissen und der Unterwelt, und schlugen sich
als Gesetzesbrecher durchs Leben. Allerdings unterscheiden sie sich
dadurch, daß Franz Biberkopf die Welt, in der er steckte, nicht begriff
und seinem Schicksal ausgeliefert blieb, während Voigt das Regelwerk
der Macht durchschaute und es an ihrer schwächsten Stelle zu brechen
verstand. Als Verbrecher war er dem fiktiven Franz Biberkopf weit überlegen.
Friedrich
Wilhelm Voigt wurde am 13. Februar 1849 in Tilsit geboren. Sein Vater,
ein Schuhmacher, war Alkoholiker, der die Kinder verprügelte und seiner
Frau das Geld wegnahm. Voigt besuchte drei Klassen der Stadtschule und
wechselte auf die Realschule. Danach erlernte er das
Schuhmacherhandwerk. Mit vierzehn rückte er aus, wurde aber bald
aufgegriffen und saß zum ersten Mal, wegen Landstreicherei und
Bettelei, achtundvierzig Stunden in Haft. Bald darauf holte er sich ein
Stück vom Speck, der ihm nicht gehörte, und wurde wegen Diebstahls zu
vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt. Ein Jahr später, 1864, saß er
wegen des gleichen Delikts drei Monate ein, und wieder ein Jahr danach
bekam er wegen Diebstahls neun Monate Gefängnis und ein Jahr
Ehrverlust. Von da an galt er als Gewohnheitsverbrecher. Als er 1867
wegen Urkundenfälschung erneut straffällig wurde, verdonnerte ihn das
Schwurgericht von Prenzlau zu zehn Jahren Zuchthaus, zu denen eine
Geldstrafe von 1500 Talern kam, für die er, da er sie nicht bezahlen
konnte, zwei weitere Jahre sitzen mußte.
Nach der Entlassung
ging er ins Ausland, zog nach Budapest, Jassny und Prag. Zehn Jahre
arbeitet er mal hier und mal dort. Dann stahl er wieder und stand
erneut vor Gericht. Da er inzwischen seinen Vornamen in Richard
geändert hatte, kamen seine Vorstrafen nicht an den Tag. Allein seine
dicke Gerichtsakte hätte ihm fünf Jahre eingebracht. So kam er mit
einem davon. Doch als man ihn nach der Verbüßung der Strafe bei einem
Einbruch in das Gerichtsgebäude von Wongrowitz schnappte, wurde er zur
Höchststrafe verurteilt: fünfzehn Jahre Zuchthaus.
Das ist,
dürftig erzählt, Voigts Geschichte bis zu seinem 57. Lebensjahr. Wie
aber kam es, daß er einen Militärstreich durchzuführen verstand, von
dem noch heute gesprochen wird? Wo und wie war die Idee entstanden, und
wie hatte er es geschafft, daß ihn die Jahrzehnte hinter Gittern nicht
gebrochen hatten? Wer war dieser Mann?
Als er am 1. Dezember
1906 auf der Anklagebank des Schwurgerichts in der Turmstraße in Moabit
seinen Platz einnahm, trug er einen schwarzen Rock und eine bunte
Krawatte, der Kragen seines Hemds war tadellos weiß. Er kannte die
Praktiken und Gepflogenheiten des Gerichts und die Paragraphen, gegen
die er verstoßen hatte. Seine Ausdrucksweise war gewandt, seine
Verteidigung bedacht und planvoll vorbereitet. Dem Schriftsteller Paul
Lindau, der während des Prozesses im Gerichtssaal saß, kam Voigt vor
»wie ein alter Bourgeois, der zum Angeln geht«.
In Friedrich Wilhelm Voigt hatte seit jeher ein anderer gesteckt. Wie bei dem
spanischen Hidalgo, der »hijo de algo«, auf den sich Ruhm und Bedeutung
der Vorfahren übertrugen, war auch Voigts Selbstbewußtsein durch die
Taten seiner Ahnen geprägt. Seine Großväter hatten in den
Befreiungskriegen gekämpft, sein Vater hatte 1849 gegen die bürgerlich
demokratische Revolution gefochten. Die Kriege von 1864 und 1866
begeisterten ihn, und obwohl er während des deutsch-französischen
Krieges 1870/71 schon im Zuchthaus saß, stand er auf der Seite des
Kaisers. Voigt kannte sich in Geschichte aus und im »Kleinen
Waldersee«, dem Militärhandbuch. Mit Sicherheit hätte er einen
hervorragenden Offizier abgegeben.
Was ihn von anderen
unterschied, war sein Blick auf die Welt. Es war der Blick des
Stigmatisierten und Outlaws. Als Dieb und Betrüger hatte er die
Schwachstellen herausgefunden und wußte, wo er angreifen konnte. Als
Gefangener mußte er, um die Jahrzehnte überstehen zu können, die
Apparatur der Macht durchschauen und die Schwächen ihrer Repräsentanten
erkennen. Was für den Staatsbürger gottgegeben war, stellte sich ihm
als Farce dar, als Theaterstück, in dem die Schauspieler jedoch nicht
wissen, daß sie Statisten sind. Siegesfeiern und Militärparaden,
Rituale und Staatspomp hatten keine höhere Bedeutung für ihn. Er wußte,
daß in Uniformen Menschen steckten, die mit Staatsgläubigkeit und
Unterwürfigkeit ihre Feigheiten und Schwächen kaschierten. Er kannte
den Untertan, und er erkannte ihn besser als der Kaiser und die
Chargen, die sich im Konstrukt der Staatsmacht unangreifbar wähnten.
Dieses Wissen war aus Zellen und Gefängnishöfen gekrochen, aus
Scheißkübeln und den Predigten evangelischer Pfaffen.
Von Voigts Überfall profitierten Druckereien, Ansichtskartenverkäufer,
Zeitungen und Stückeschreiber. Er selbst, 1906 zu vier Jahren Gefängnis
verurteilt, konnte erst nach seiner vorzeitigen Entlassung am 16.
August 1908 seinen Ruhm abschöpfen. Und er verstand das Geschäft. Von
der Polizei mißtrauisch beäugt und regelmäßig aus Städten vertrieben,
trat er in Panoptiken, Varietés und Gaststätten auf, verkaufte
signierte Ansichtskarten, auf denen er bald als Bürger, bald als
Hauptmann abgebildet war, reiste durch Europa und in die Vereinigten
Staaten und wurde nun wirklich, was er hatte werden wollen: Privatier
und Hausbesitzer. Zuletzt holte ihn die Politik wieder ein. Die
Inflation fraß sein Geld, und als er am 3. Januar 1922 in Luxemburg
starb, war er so arm wie zuvor.
Die vorliegende Autobiographie »Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde«
erschien im Januar 1909, ein halbes Jahr nach seiner Entlassung. Sie
gehörte zu seiner Geschäftsstrategie. Wahrscheinlich hatte er mit den
Aufzeichnungen in der Zelle angefangen. Für die endgültige Fassung nahm
er den damals bekannten Kriminalschriftsteller Hans Hyan zu Hilfe.
Dieser allerdings beschwerte sich im Vorwort, daß Voigt in diesem Buch
»alle seine Taten in reinerem Lichte, das, was ihn gekränkt, in
schwärzeren Farben« sähe, doch »als Kulturbild, als kriminelles
Dokument ist Voigts Autobiographie von hohem Wert.«
Das Buch
verkaufte sich erfolgreich und wurde ins Französische übersetzt. Es ist
voller Ungenauigkeiten, Verdrehungen und Haarspaltereien, voller
Katzbuckeleien, Angebereien und Rührseligkeiten. Obwohl Voigt nichts an
Wahrhaftigkeit lag – und weshalb sollte es auch, schließlich wollte er
damit nur Geld verdienen –, spiegelt er sich im Subtext selbst. So
bleibt dieses Buch der einzige authentische Bericht über Friedrich
Wilhelm Voigt, den Hauptmann von Köpenick, dessen ganze
Lebensgeschichte niemals geschrieben wurde.
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