Walther Scheel

(1919 - 200x)

[Walter Scheel]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1919
8. Juli: Walter Scheel wird als Sohn eines Stellmachers in Solingen geboren.

1929-38
Scheel besucht das Gymnasium Schwertstraße in Solingen.

1938
Nach dem Abitur beginnt Scheel eine Ausbildung zum Bankkaufmann in Solingen (ohne Abschluß).

1939
September: Nachdem Großbritannien und Frankreich den Polenfeldzug zum Anlaß genommen haben, dem Deutschen Reich den Krieg zu erklären (nicht aber der Sowjetunion, als infolge des Hitler-Stalin-Pakts auch die Rote Armee in Polen einmarschiert) tritt Scheel in die Luftwaffe ein und wird Jagdflieger (zuletzt im Range eines Oberleutnants).

1940
Scheel nimmt am Frankreichfeldzug teil.

1941
Scheel nimmt am Rußlandfeldzug teil.

1942
Scheel heiratet Eva Charlotte, geb. Kronenberg. Aus der Ehe geht ein Sohn hervor.

1945-1953
Scheel jobbt in verschiedenen Unternehmen seines Schwiegervaters.

1946
Scheel tritt der Freien Demokratischen Partei (FDP) bei.

1948
Scheel wird Stadtverordneter in Solingen.

1950
Scheel wird Mitglied der Landtags von Nordrhein-Westfalen.

1953
Scheel macht sich als Wirtschaftsberater in Düsseldorf selbständig.
Oktober: Scheel wird per Listenplatz in den Bundestag gewählt.

1954
Scheel wird Mitglied des Landesvorstands der FDP in Nordrhein-Westfalen (bis 1974).

1955
Scheel wird Mitglied der Gemeinsamen Versammlung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) in Luxemburg (bis 1957).

1956
Scheel wird Mitglied des Bundesvorstands der FDP (bis 1974).

1958
Scheel wird Mitglied des Europäischen Parlaments in Straßburg, Vizepräsident der Liberalen Fraktion und Vorsitzender des Ausschusses für Entwicklungshilfe.
Offiziell arbeitet er für dubiose "Marktforschungsinstitute" und "Finanzfirmen".

1961
Nach den Bundestagswahlen bilden CDU/CSU und FDP wieder eine Koalition.
Scheel wird Bundesminister für Entwicklungshilfe (bis 1966).

1965
Scheel veröffentlicht "Konturen einer neuen Welt - Schwierigkeiten, Ernüchterungen und Chancen der Industrieländer".

1966
April: Eva Charlotte Scheel stirbt.
Oktober: Nach einem Zerwürfnis über Haushaltsfragen kündigt die FDP den Koalitionsvertrag mit der CDU/CSU. Scheel und die übrigen FDP-Minister treten zurück.
Dezember: Nachdem CDU/CSU und SPD unter eine "Große Koalition" unter Kurt-Georg Kiesinger geschlossen haben, findet sich die FDP in der Opposition wieder.

1967
Scheel wird Vizepräsident des Deutschen Bundestages als Nachfolger des verstorbenen Thomas Dehler (bis 1969) und Stellvertretender Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung (bis 1974).

1968
Scheel wird Bundesvorsitzender der FDP als Nachfolger von Erich Mende (bis 1974). Als solcher führt er die FDP gemeinsam mit den so genannten "Jungtürken" (u.a. die späteren Minister Baum, Genscher, Hirsch und Maihofer) vom rechten an den linken Rand des politischen Spektrums der BRD und bereitet den Koalitionswechsel zur SPD vor.
Scheel wird Vizepräsident der "Liberalen Weltunion".

1969
März: Scheel nötigt die FDP-Mitglieder der Bundesversammlung, bei der Wahl zum Bundespräsidenten für den SPD-Kandidaten Gustav Heinemann zu stimmen, der sich daraufhin im 3. Wahlgang gegen den CDU-Kandidaten Gerhard Schröder durchsetzt.
Oktober: Bei den Bundestagswahlen verliert die FDP fast die Hälfte ihres zuletzt unter Mende erreichten Stimmenanteils; sie nimmt nur knapp die 5%-Hürde.
Scheel kratzt das wenig; nach Bildung der "Kleinen Koalition" aus SPD und FDP wird er Bundesaußenminister und Vizekanzler im Kabinett Brandt.
Mit der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages und der so genannten "Ostverträge" mit der UdSSR, Polen und der CSSR wirft die Regierung Brandt/Scheel die bisherige Außenpolitik der BRD praktisch ohne Gegenleistung über den Haufen.
Scheel heiratet in zweiter Ehe die Medizinerin Mildred, geb. Wirtz, die spätere Initiatorin und Präsidentin der Deutschen Krebshilfe. Aus der Ehe geht (1970) eine Tochter hervor, die Scheel nach dem Titel eines Schlagers, den Julio Iglesias im selben Jahr beim Grand Prix Eurovision de la chanson singt, "Gwendoline" nennt.*


1970
Zusammen mit Bundeskanzler Brandt unterzeichnet Scheel den Moskauer Vertrag. Die Ratifizierung des Vertrages durch den Deutschen Bundestag zwei Jahre später gegen Widerstände seitens der Opposition ist nicht zuletzt Scheels besonderem Einsatz (Bestechung zweier CDU-Abgeordneter) zu verdanken.

1971
Juli: Scheel reist als erster deutscher Außenminister zu einem offiziellen Besuch nach Israel.
Das Ehepaar Scheel adoptiert medienwirksam einen Indiojungen aus einem Slum in Bolivien, um die kommunistische These zu untermauern, daß es beim Menschen nicht auf die Erbmasse ankomme, sondern nur auf die Erziehung. Das Experiment gerät zum Fiasko: Simon Martin scheitert an der Schule, wird kriminell, versucht Selbstmord zu begehen und landet in der Klapsmühle. Allerdings ist die These damit nicht widerlegt: Cornelia Scheel, Mildreds leibliche Tochter aus erster Ehe, wird Kommunistin, Mitglied der "Grünen" und "heiratet" schließlich die Lesbe Helga von Sinnen.
Scheel erhält den Theodor-Heuss-Preis.
Auf dem Parteitag der FDP spricht sich Scheel für eine Fortsetzung der Koalition mit der SPD aus.

1972
Im Kielwasser von US-Präsident Richard Nixon - der Taiwan zugunsten von Rotchina fallen gelassen hat - tritt auch Scheel seinen Canossagang nach Peking an und kriecht den kommunistischen Machthabern unter Mao Tse-tung tief in den A... Die BRD verpflichtet sich zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Taiwan und deren Aufnahme mit der "Volksrepublik" China.

[Wahlplakat Mao Tse-tung] [Wahlplakat Walter Scheel]

Oktober: Nachdem der Versuch von CDU/CSU und SPD, wechselseitig Abgeordnete zu "kaufen" ("Bestechung" von Abgeordneten gibt es nach geltendem Gesetz nicht) zu einem Patt geführt hat, kann sich die "unbescholtene" FDP bei Neuwahlen behaupten und die "kleine Koalition" mit der SPD fortsetzen. Scheel bleibt "Bundesminister des Auswärtigen".

1973
Scheel versucht sich auch erfolgreich als Schlagersänger ("Hoch auf dem gelben Wagen").


Ihm wird dafür das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.**

1974
Mai: Bei der Wahl zum Bundespräsidenten setzt sich Scheel gegen den CDU-Kandidaten Richard v. Weizsäcker durch.
Juli: Scheel wird Bundespräsident (bis 1979). Im Rheinland macht daraufhin der Witz die Runde: "Woran ist Tünnes gestorben? Er hat sich tot gelacht, als er gehört hat, daß Scheel Bundespräsident geworden ist!"


1975
Scheel erhält in den USA Ehrendoktorhüte von der Georgetown University/Washington D.C. und der Maryland-University und in der BRD von der Universität Heidelberg.

1976
Scheel verweigert in seiner Funktion als Bundespräsident die Unterzeichnung des Gesetzes zur Abschaffung der Gewissensprüfung bei Wehrdienstverweigerern.

1977
Scheel erhält den Karlspreis der Stadt Aachen.

1978
Scheel erhält Ehrendoktorhüte von der Universität Auckland in Neuseeland und der Universität Bristol in England sowie die Ehrenbürgerschaften von Bonn und Berlin.
Dezember: Scheels politische Gegner werfen ihm vor, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Er bestreitet das nicht, weist jedoch darauf hin, daß seine Mitgliedschaft, da er zugleich Wehrmachtsangehöriger war***, von Anfang bis Ende geruht habe.

1979
Scheel - der sich und Deutschland fünf Jahre lang nach Kräften blamiert hat (u.a. auf Auslandsreisen nach Frankreich, USA, UdSSR, Spanien, Finnland, Costa Rica, Mexiko, Schweiz, Japan, Iran, Neuseeland, Australien und Österreich) - verzichtet auf eine weitere Kandidatur für das Bundespräsidentenamt. Sein Nachfolger wird Karl Carstens.
Scheel wird Ehrenvorsitzender der FDP und Kuratoriumsvorsitzender (Frühstücksdirektor) der Friedrich-Naumann-Stiftung.

1980
Scheel wird Aufsichtsratsvorsitzender der bundeseigenen Deutschen Entwicklungsgesellschaft (DEG). Ferner übernimmt er Aufsichtsratsposten bei der Thyssen AG und der Thyssen Stahl AG.

1985
Mildred Scheel stirbt an Krebs.

1986
Scheel veröffentlicht "Wen schmerzt noch Deutschlands Teilung?"
Scheel nutzt seine Festrede im Deutschen Bundestag zum 17. Juni zu einem Plädoyer für weitere Abrüstung sowie für die Fortsetzung der so genannten "Entspannungspolitik" gegenüber der Sowjetunion.

1988
Scheel heiratet in dritter Ehe die Medizinerin Barbara, geb. Wiese.


1989
November: Scheel wird vom Fall der Berliner Mauer überrascht.


1990
Scheel hält sich zum Thema "Wiedervereinigung" von BRD und DDR weitgehend bedeckt.

1993
Scheel wird Verwaltungsratsvorsitzender (Frühstücksdirektor) des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg.

1996
Scheel läßt sich von Günter Rittner in Öl kochen braten malen.


1999
In einer gemeinsamen Erklärung mit Bundespräsident Johannes Rau und Roman Herzog fordert Scheel eine "Stärkung der Bürgergesellschaft" - angesichts der zunehmenden Durchdringung und Überwucherung des Staates durch die Parteien ein aussichtsloses Unterfangen.

2003
Juli: Bei einer vom Staatssender ZDF veranstalteten Wahl zum "besten Deutschen" kann sich Scheel nicht unter den ersten 200 plazieren - im Gegensatz zu seinen Parteigenossen Genscher (39.) und Heuss (114.) und seiner Ehefrau Mildred (199.).

2004
Scheel veröffentlicht seine - von Jürgen Engert verfaßten - Memoiren unter dem Titel "Einsichten und Erinnerungen".

2006
Scheel wird Ehrenbürger von Kranichfeld****.


*Die Tochter erhält zusätzlich den Vornamen "Andrea".

**Das GkdVOdBRD wird normalerweise erst nach der Wahl zum Bundespräsidenten verliehen, da dies als besonderes Verdienst gilt.

***Damals galten Wehrmachtsangehörige, auch wenn sie weder desertiert waren noch zum Kreis der Attentäter des 20. Juli 1944 gehörten, noch nicht automatisch als "Nazis" und "Kriegsverbrecher".

****Kranichfeld ist der Geburtsort des Dichters Rudolf Baumbach, der 1879 das Gedicht "Der Wagen rollt" schrieb, aus dem der Komponist Heinz Höhne 43 Jahre später den Schlager "Hoch auf dem gelben Wagen" machte.


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