Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros
1895
13. Oktober: Curt Ernst Carl (seit der Rechtschreibreform von 1901: Kurt Ernst Karl) Schumacher wird in
Culm/Weichsel
(Westpreußen)
als viertes Kind des Großkaufmanns und Patriziers Carl Schumacher geboren.
1914
2. August: Schumacher meldet sich einen Tag nach Ausbruch des
Ersten Weltkriegs
als Freiwilliger zum Feld-Artillerie-Regiment Nr. 81 in
Thorn.
September: Schumacher legt das Notabitur ab mit einem Aufsatz über das Schiller-Zitat "Will, ruf' ich aus, das Schicksal mit uns enden, so stirbt sich's schön, die Waffe in den Händen".
2. Dezember: Schumacher wird als Angehöriger des Infanterie-Regiments 21 bei Lodz (Russisch-Polen) schwer verwundet. Er verliert einen Arm und wird aus dem Militärdienst entlassen.
1915-1919
Schumacher studiert Rechts- und Staatswissenschaften in
Halle,
Leipzig und
Berlin.
Schumacher wird Vorsitzender des Ortsvereins Stuttgart des Reichsbanners.
1924
Schumacher wird Abgeordneter im Württembergischen Landtag (bis 1931, seit 1928 als Mitglied des Fraktionsvorstandes).
1926
Nach vergeblichen Bemühungen an der Berliner Universität einen Doktorvater zu finden, wird Schumacher in
Münster
promoviert, nachdem er eine Dissertation mit dem Thema "Der Kampf um den Staatsgedanken in der deutschen Sozialdemokratie" vorgelegt hat.
1928
Schumacher wird Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Stuttgart.
1930-1933
Als einer der jüngsten Abgeordneten der SPD-Fraktion wird Schumacher Mitglied des Deutschen Reichstags. Er ist ein entschiedener Gegner der "Tolerierungspolitik" der SPD-Parteileitung gegenüber der Regierung des Zentrum-Politikers
Heinrich Brüning.
1932
Februar: Schumachers macht sich mit einer Reichstagsrede, in der er die Ideologie des National-Sozialismus als
dauernden "Appell an den inneren Schweinehund im Menschen" bezeichnet, bei den NSDAP-Abgeordneten unbeliebt. (Dagegen stört er sich offenbar nicht an der Ideologie der SPD, welche die Arbeiterschaft zu Neid und Mißgunst gegenüber den "kapitalistischen Ausbeutern" aufhetzt. Die "Schweinehunde" der NSDAP plädieren dagegen für eine Überwindung der Klassenunterschiede durch Schaffung einer "Volksgemeinschaft".)
August: Schumacher wird Mitglied des SPD-Fraktionsvorstands im Reichstag.
1933
30. Januar: Nach Jahren der Kanzler-Diktatur ohne parlamentarische Unterstützung beruft Reichspräsident
Paul v. Hindenburg den Führer der Mehrheitsfraktion im Reichstag,
Adolf Hitler zum Reichskanzler.
6. Juli: Schumacher wird in "Schutzhaft" genommen und ins Konzentrationslager Heulager eingeliefert.
1933-1943
Schumacher wird mehrfach verlegt; er lernt nacheinander die Konzentrationslager Heuberg, Kuhberg, Dachau und Flossenbürg kennen.
Schumacher lehnt jeglichen Kontakt zu Kommunisten ab, da er die KPD für mitschuldig an der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten hält.
1943
16. März: Schumacher wird aus Gesundheitsgründen aus dem Konzentrationslager entlassen. Ihm wird Hannover als Aufenthaltsort zugewiesen, wo er als SPD-Politiker der Weimarer Zeit kaum bekannt ist. Er lebt dort zurückgezogen bei seiner Schwester Lotte.
1944
Nach dem mißglückten
Attentat vom 20. Juli
wird Schumacher erneut verhaftet und ins Konzentrationslager Neuengamme eingewiesen.
August: Schumacher wird entlassen und entgeht so der Ermordung der Häftlinge von Neuengamme durch Bomber der Royal Air Force in den letzten Kriegstagen in der Neustädter Bucht.
1945
April: Unmittelbar nach dem Einmarsch britischer Truppen beginnt Schumacher mit dem Wiederaufbau der
SPD Hannovers.
Mai: Das "Büro Dr. Schumacher" in Hannover wird inoffizielle Parteizentrale der SPD.
Schumacher lernt
Annemarie Renger
kennen, die seine Sekretärin, Reisebegleiterin, Krankenschwester und bald auch Lebensgefährtin wird.
20. August: Schumacher beantragt die Neugründung der SPD Hannovers.
5.-7. Oktober: Die sozialdemokratische Funktionärsversammlung in Wennigsen bei Hannover wählt Schumacher zum politischen Beauftragten für die westlichen Besatzungszonen.
1945/46
November-April: Schumacher widersetzt sich dem Zusammenschluß von SPD und
KPD zur
SED.
1946
8.-11. Mai: Schumacher wird auf dem ersten Nachkriegsparteitag der SPD in Hannover zum 1. Vorsitzenden gewählt.
Schumacher lehnt jegliche Zusammenarbeit mit der KPD in den Westzonen und der SED in der
sowjetischen Besatzungszone ab.
Zugleich versucht er die Basis der Partei über die Arbeiterschaft hinaus zu erweitern.
Schumacher übt scharfe Kritik an der Politik der Besatzungsmächte, die seiner Meinung nach einseitig "Kandidaten der bürgerlichen Parteien für Schlüsselstellungen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung bevorzugen".
Das Angebot, Ministerpräsident von Baden-Württemberg zu werden lehnt er ab, da er sich nicht regional beschränken will.
August: Schumacher wird zum Vorsitzenden des Zonenbeirats der britischen Besatzungszone gewählt.
November: Schumacher besucht England. Vor Politikern, Regierungsbeamten und Journalisten legt er die schlechte Versorgungslage in Deutschland dar und wirbt für die Freilassung deutscher Kriegsgefangener.
1947
April: Schumacher erhält vorübergehend Redeverbot in der
französischen Besatzungszone wegen Kritik an den Maßnahmen der Besatzer.
Oktober: Schumacher nimmt an einem einem Kongreß der Delegierten des amerikanischen Gewerkschaftsbundes in Washington teil.
November: Bei einer Rede vor Vertretern der Norwegischen Arbeiterpartei in Oslo stößt Schumachers strikte Ablehnung des Kommunismus und der Sowjetunion auf Unverständnis.
1948
März: Schumacher muß eine erneute Englandreise wegen schwerer Erkrankung abbrechen.
September: Aufgrund einer Thrombose im linken Bein muß sich Schumacher einer Beinamputation unterziehen.
1948/49
Bei der Auseinandersetzung um die künftige Struktur der drei westlichen Besatzungszonen fordert Schumacher eine Rechts- und Wirtschaftseinheit, die Schaffung einer finanziellen Basis für die Erfüllung von Bundesaufgaben und die Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse.
1949
23. April: Die westlichen Besatzungsmächte geben Schumachers Forderung nach einem stärker zentralisierten Staatsaufbau nach.
12. September: Schumacher kandidiert für das Amt des Bundespräsidenten. Bei der Wahl unterliegt er
Theodor Heuss (FDP).
1949-1952
Als Oppositionsführer im Bundestag ist Schumacher ein erbitterter Gegner der Politik
Konrad Adenauers,
vor allem bezüglich der Politik gegenüber den Westalliierten. Als Adenauer sich entschließt, das Petersberger Abkommen
zu unterzeichnen, erhebt Schumacher gegen ihn den Vorwurf, ein "Kanzler der [West-]Alliierten" zu sein.
In der folgenden Zeit lehnt die von Schumacher geführte SPD auch den Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zum Europarat, zur Montanunion und zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) ab.
Einen politischer Erfolg erringt Schumacher in der Frage der Mitbestimmung,
die zunächst für den Montanbereich durchgesetzt wird.
1952
Schumacher formuliert das Vorwort zum Aktionsprogramm der SPD, das auf dem Parteitag in Dortmund am 24. September beschlossen wird.
20. August: Kurt Schumacher stirbt in Bonn. Er wird in Hannover beigesetzt.
1979-1993
Die BRD prägt 2-DM-Stücke mit Schumachers Konterfei.
1995
13. Oktober: Schumachers 100. Geburtstag vergeht fast unbeachtet. (Allein im "Deutschen Soldatenjahrbuch" erscheint ein kurzer Nachruf von Werner Haupt.) Das Andenken an den Demokraten der ersten Stunde der BRD, der zugleich Sozialist und Antikommunist, Patriot und Antifaschist war, ist, zumal in SPD-Kreisen, zwiespältig. (Sein Schicksal erinnert insofern an das des Demokraten der ersten Stunde der Weimarer Republik,
Friedrich Ebert.)
Rechte Parteien wie DVU, NPD und REP führen ihre Wahlkämpfe mit Schumacher-Zitaten, die inzwischen als "faschistoïd"
gelten.