Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros
1889
Der Amhara-Häuptling ("Ras") Mänälik ("Menyelek") erobert mit Hilfe italienischer Truppen aus dem benachbarten Eritrea das Hochland von Äthiopien**, ernennt sich zum Oberhäuptling ("Negus") und stellt die eroberten Gebiete als "Protektorat Abessinien" unter italienischen Schutz. Er macht seinen Vetter Woldemikael Gudessa Mäkónnin zum "Ras" der eroberten Provinz Harar. Die Mäkónnin führen ihre Abstammung in 225. Generation auf die
legendäre Verbindung
des Königs Schlomo ("Salomo[n]") von Israel und mit der Königin "Makeba" von Sheba ("Saba") zurück.
1892
23. Juli: Täfärī Mäkónnin wird als Sohn von Woldemikael Gudessa Mäkónnin in Ejersa Goro geboren.
1894-96
Nach Aufkündigung des Schutzvertrags vertreibt Mänälik die Italiener aus Äthiopien; Mäkónnin ist Oberbefehlshaber in der entscheidenden Schlacht von Adua. Damit ist Abessinien das einzige Land Afrikas, das nicht unter türkischer, europäischer oder US-amerikanischer Kolonial- oder Schutzherrschaft steht.
1897
Mänälik einigt sich mit einem französisch-schweizer Konsortium über den Bau einer Eisenbahnlinie von Djibouti (Französisch-Somalia) nach Addis Abäba. (Die Arbeiten dauern 19 Jahre.)
1907
Täfäri wird "Ras" von Sidamo, sein älterer Halbbruder Yilma "Ras" von Harar.
1908
Die neue Hauptstadt Addis Abäba wird eingeweiht.
1911
April: Nach dem Tode seines Halbbruders wird Täfäri Ras von Harar.
August: Täfäri heiratet Menen Asfaw, eine Urgroßnichte Mänäliks.
1913
Mänälik stirbt. Sein Enkel Iyasu wird Negus.
1916
Im Ersten Weltkrieg
sympathisiert Iyasu angesichts der Bedrohung durch die Ententemächte England, Frankreich und Italien - durch deren Kolonien Abessinien vollständig eingekreist ist - mit den Mittelmächten, insbesondere der Türkei. Als er vom koptischen Christentum zum Islam konvertiert, wird er mit Hilfe der Briten gestürzt und Mänäliks Tochter Zewditu auf den Thron gesetzt. Täfäri wird zum Regenten ("Inderase") und Thronfolger ernannt.
1923
Nach umfangreichen Goodwill-tours Täfäris in aller Welt wird Abessinien in den Völkerbund aufgenommen, obwohl dort noch immer Sklaverei, Kannibalismus, Frauenbeschneidung und viele andere - auf dem Papier längst abgeschaffte - schöne Gewohnheiten herrschen.
1928
Zewditu wird von Hofkreisen gezwungen, Täfäri zum Mitherrscher zu machen. (Seitdem wird sein Titel "Negus" im Ausland mit "König" übersetzt.)
1930
März: Zewditus Ehemann Gugsa Wele, der Ras von Gondar, versucht Täfäri mit Waffengewalt aus Addis Abäba zu vertreiben, er fällt jedoch in der Schlacht von Anchiem.
April: Täfäri läßt Zewditu ermorden.
02. November: Täfäri läßt sich zum "Negus Neghesti" [König der Könige - im Ausland meist mit "Kaiser" übersetzt] krönen.
Er nimmt den Herrschernamen "Haile Selassie [Macht der Dreifaltigkeit]" und den - bereits von Mänälik geführten - Titel "Löwe von Judäa" an.
Das US-amerikanische Nachrichten-Magazin Time widmet diesem Ereignis eine umfangreiche Berichterstattung, die auch auf der Karibik-Insel Jamaica gelesen wird. Einige Neger dort gründen daraufhin die "Ras-Tafari"-Bewegung, die den Negus als "neuen Messias" verehrt und die Rückführung ihrer Rasse nach Afrika verlangt.
1931
Haile Selassie verabschiedet eine neue Verfassung, die er im Ausland als "liberal" und "demokratisch" verkauft. Tatsächlich schreibt sie fest, daß nur seine leiblichen Kinder auf den Thron folgen dürfen. Damit setzt er sich über uralte, vor-"demokratische" Stammestraditionen hinweg, wonach auch Häuptlinge anderer Sippen Herrscher werden können.
1935
Januar: Italiens "Duce"
Benito Mussolini
empfängt in Rom Frankreichs Ministerpräsidenten
Pierre Laval
zu Geheimverhandlungen über die Abgrenzung ihrer kolonialen Interessensfären in Afrika. Mussolini überläßt Frankreich endgültig das - überwiegend von Italienern besiedelte - Tunesien und Djibouti - den Hafen am Ende der Eisenbahnlinie nach Addis Abäba nebst Umland -; im Gegenzug erklärt sich Frankreich mit einer Annexion Abessiniens durch Italien einverstanden. (Der "Laval-Mussolini-Pakt" wird allerdings nie ratifiziert.)
April: Mussolini empfängt in Stresa die Außenminister Frankreichs und Großbritanniens. Sie schließen ein gemeinsames Bündnis ("Stresa-Front") gegen das einst von US-Präsident
Wilson
als Vorwand für den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg propagierte "Selbstbestimmungsrecht der Völker". Wichtigste Punkte sind die Verhinderung der Wiedervereinigung der "Republik Österreich" mit dem Deutschen Reich und die Unterwerfung Äthiopiens unter europäische Kolonialherrschaft.
Juni: Der britische Außenminister Eden verlangt den größten Teil Äthiopiens als Kolonie für Großbritannien; Italien soll lediglich den - überwiegend von muslimischen Somalis besiedelten - Ogaden erhalten.
Juli: Nachdem die Verhandlungen der Westmächte ruchbar geworden sind, bittet Haile Selassie den deutschen Reichskanzler
Adolf Hitler
um Hilfe. Dieser bietet ihm in einem persönlichen Schreiben deutsche Waffenlieferungen und zu deren Finanzierung einen Millionenkredit an.
September: Haile Selassie läßt die äthiopische Armee mobilisieren.
Oktober: Mussolini läßt italienische Truppen von Eritrea aus in Abessinien einmarschieren. Fast alle nicht-amharischen Stämme der Region schließen sich ihnen im Kampf gegen Haile Selassie an.
November: Der Völkerbund verkündet ein Waffenembargo sowie eine Kredit- und Rohstoffsperre gegen Italien. Der neue britische Außenminister Hoare und Laval einigen sich jedoch darauf, dieses zu unterlaufen; daraufhin bietet auch Hitler seinem bisherigen Feind Mussolini Materiallieferungen an.
Dezember: Nach Bekanntwerden des "Hoare-Laval-Plans" müssen beide zurücktreten; Mussolini bleibt nichts anders übrig, als Hitlers Angebot anzunehmen. Da auch Großbritannien gegenüber Italien wohlwollende Neutralität wahrt (keine Sperrung des Suez-Kanals für italienische Truppen- und Munitions-Transporter), sitztsteht der Negus bald auf verlorenem Posten.
1936
Mai: Italienische Truppen erobern Addis Abäba und rufen König Viktor Emanuel zum "Kaiser von Abessinien" aus.
Haile Selassie - formell Oberbefehlshaber seiner Truppen - desertiert und flieht ins Ausland. Er nimmt sein Exil zunächst im französischen Djibouti, dann im britischen Palästina und schließlich in England. Das US-amerikanische Nachrichten-Magazin Time kürt ihn in Anerkennung dieser Leistung zum "Mann des Jahres".
1939
September: Großbritannien und Frankreich erklären dem Deutschen Reich den Krieg.
1940
Juni: Italien tritt an der Seite Deutschlands in den Krieg ein, der bald auch auf Afrika übergreift.
1941
Britische Truppen erobern Abessinien. Haile Selassie kehrt nach Addis Abäba zurück und nennt sich wieder "Kaiser von Äthiopien".
1948
Äthiopien annektiert - mit Billigung der UNO - den Ogaden.
1950-53
Haile Selassie schickt äthiopische Truppen in den Koreakrieg.
1951
Äthiopien annektiert - mit Billigung der UNO - Eritrea.
1954
November: Im Rahmen einer Europareise besucht Haile Selassie - nachdem er zunächst pflichtschuldig dem britischen Kriegs-Premier
Winston Churchill
seine Aufwartung gemacht hat - als eines der ersten ausländischen Staatsoberhäupter auch die fünf Jahre zuvor gegründete BRD. Da Deutschland noch immer unter Besatzungsstatut steht und daher nicht über Schußwaffen verfügen darf, bringt er als Gastgeschenk einen Schild und einen Speer seiner Eingeborenen (und einen Elfenbeinzahn seiner Elefanten) mit. Im Gegenzug wird ihm - als erstem Afrikaner und als 11. Empfänger überhaupt - die "Sonderstufe des Großkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" verliehen.
Die Deutschen, die sich angesichts ihres wenig charismatischen Bundespräsidenten
Theodor Heuss
nach kaiserlicher Prachtentfaltung sehnen, die ihnen seit
Wilhelm II
vorenthalten worden ist, bereiten dem Negus einen begeisterten Empfang.
Dies - zusammen mit der Tatsache, daß Haile Selassie einen Mercedes fährt - kostet ihn erhebliche Sympathien, besonders in England, Frankreich und den USA. Dort mißfällt auch, daß er während des Staatsbesuchs dem als "Nazi-Künstler" verfemten Bildhauer
Arno Breker
Modell sitztsteht.
1955
Haile Selassie führt eine neue Verfassung ein, wonach die Mitglieder des Parlaments (Quasselbude mit "beratender Funktion") nicht mehr von ihm ernannt, sondern vom "Volk" gewählt werden. De facto ändert sich nichts, da die Kandidaten weiterhin von ihm "vorgeschlagen" werden - Parteien gibt es nicht.
Die Selassie-Biografie von Christine Sandford - "The Lion of Juda has Prevailed" - erscheint. [Dts. Übersetzung 1957 unter dem neutralen Titel "Haile Selassie".]
1959
Haile Selassie trennt die koptische Kirche Äthiopiens - deren Patriarchen er künftig selber ernennt - von der koptischen Kirche Ägyptens.
1960
Dezember: Ein Putschversuch von Haile Selassies ältestem Sohn Asfa Wossen scheitert.
1961
In Eritrea beginnt ein Aufstand gegen die äthiopische Fremdherrschaft.
Die Regierung Jamaicas schickt eine Delegation nach Addis Abäba, um die Frage der "Repatriierung" der Karibik-Neger nach Afrika zu erörtern.
Haile Selassie - der als rassebewußter Amhari von den überwiegend aus Westafrika stammenden Negriden nichts wissen will - redet sich geschickt heraus.
1963
Die O.A.U. (Organisation für afrikanische Einheit) nimmt ihren Sitz in Addis Abäba.
1964
Die Selassie-Biografie von Leonard Mosley - "The Conquering Lion" - erscheint.
1966
April: Bei einem Staatsbesuch in Jamaica wird Haile Selassie von den Ras-Tafari-Anhängern begeistert empfangen.
1966-67
Haile Selassie läßt umfangreiche Staatsfeierlichkeiten zum 50. Jahrestag seiner Regentschaft und zu seinem 75. Geburtstag abhalten. Er befindet sich auf dem Gipfel seiner Macht und Popularität.
1967-73
Der "Sieben-Tage-Krieg" und der "Yom-Kippur-Krieg" (Oktober 1973) zwischen Israel und den arabischen Staaten führen dem Westen drastisch vor Augen, daß auf den Wasserweg durchs Rote Meer im Ernstfall kein Verlaß ist. Er beginnt mit dem Bau von Riesentankern, die ohnehin nicht durch den Suez-Kanal passen würden und die Route um das Kap der Guten Hoffnung nehmen. Damit verliert Äthiopien seinen strategischen Wert fast vollständig.
1969
Christopher Clapham veröffentlicht "Haile Selassie's Government".
1974
Februar: Kommunistische Studenten beginnen einen Aufstand gegen Haile Selassie. Die schlecht bezahlte Polizei weigert sich, gegen sie vorzugehen; das noch schlechter bezahlte Militär meutert.
März: Kommunistische Arbeiterräte rufen einen Generalstreik aus.
September: Eine Junta ("Derg") kommunistischer Subalternoffiziere erklärt Haile Selassie für abgesetzt.
November: Haile Selassies Familie und die 60 höchsten Beamten und Offiziere seines Regimes werden von der neuen Regierung erschossen, nur er selber - angeblich - nicht. Im Ausland rührt niemand einen Finger für den Negus - mit Ausnahme von Wilhelmine Lübke, der Frau des ehemaligen BRD-Präsidenten und Afrikafreundes ("Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger")
Heini Lübke.
Über deren Protest können die neuen Machthaber indes nur lachen, zumal die SPD-geführte BRD-Regierung unter Kanzler
Helmut Schmidt
weiter fleißig Millionen nach Addis Abäba pumpt. (Äthiopien lebt hauptsächlich von Kaffee-Verkäufen in die und Entwicklungshilfe aus der BRD.)
1975
28. August: Die neue Regierung veröffentlicht ein Kommuniqué, wonach Haile Selassie am Vortag an den Folgen einer Prostata-Operation gestorben sei. Geglaubt wird diese Version nie; man nimmt vielmehr an, daß er von den Kommunisten ermordet wurde.
1977
Oktober: Eine kommunistische Gruppierung ("R.A.F.") entführt ein Passagierflugzeug der Lufthansa in die somalische Hauptstadt Mogadicio ("Mogadischu"). Die somalische Regierung erlaubt der BRD gegen Zusage umfangreicher Entwicklungshilfe, das Flugzeug durch eine Sondereinheit des B.G.S. ("GSG 9") zu stürmen und die Passagiere zu befreien. Fortan fließen die deutschen Millionen in das mit Äthiopien verfeindete Somalia; Äthiopien versinkt in Hunger und Armut, zumal die noch vorhandenen Ressourcen des Landes hauptsächlich für Kriege gegen die Unabhängigkeits-Bewegungen in Eritrea und im Ogaden verbraucht werden.
1991
Nach dem Auseinanderbrechen der Sowjet-Union wird die bis dahin von dieser mühsam über Wasser gehaltene kommunistische Regierung Äthiopiens gestürzt. Die blutigen Kämpfe am "Horn von Afrika" gehen unvermindert weiter.
1993
Eritrea erklärt seine Unabhängigkeit von Äthiopien.
1998-2000
Äthiopische Truppen besetzen Teile Eritreas. Die UNO vermittelt einen Waffenstillstand, der allerdings von den mehr oder weniger hilflosen "Blauhelmen" nicht gesichert werden kann.
2000
November: Nach Auffindung des - angeblichen - Skeletts Haile Selassies veranstaltet die Koptische Kirche Äthiopiens für ihn nachträglich ein öffentliches Begräbnis. Seinem Sarg folgen - angeblich - 200.000 Äthiopier.
2004
Die Leser des ghanaïschen Nachrichten-Magazins
New African
wählen den "größten Afrikaner aller Zeiten". Die Spitzenplätze belegen die Terroristen
Nelson Mandela (Südafrika),
Kwame Nkrumah (Goldküste/Ghana) und
Robert Mugabe (Rhodesien/Zimbabwe).
Haile Selassie landet auf dem geteilten 16. Platz.
2007
Nachdem islamische Fundamentalisten versucht haben, die Macht in Somalia zu ergreifen, besetzen äthiopische Truppen - mit Billigung der Westmächte - das Land. Haile Selassies Traum von einem nordostafrikanischen Großreich hat sich posthum erfüllt; allerdings sind die koptischen Amharis nun gegenüber den Muslimen deutlich in der Minderheit; der Untergang der ältesten christlichen Gemeinde in Afrika zeichnet sich ab.
*richtig: Haylä Sellase; hier wird die in Deutschland übliche Schreibweise beibehalten.
**richtig: Ityopp'ya; hier wird die in Deutschland übliche Schreibweise beibehalten.