Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros
1905
19. März: Albert Speer wird als Sohn des Architekten Albert Speer sen. und dessen Ehefrau Luise, geb. Hommel, in
Mannheim
geboren. (Er bezeichnet seine Kindheit später als unglücklich und das Verhältnis zu seinen Eltern als gestört.)
1918
Speers Familie zieht nach
Heidelberg
um. Speer rebelliert gegen seine Eltern, geht Rudern statt Tennis spielen und freundet sich mit der Schreinerstochter Margret Weber an.
1923
Speer, der sich auf der Schule als brillanter Mathematiker ausgezeichnet hat, nimmt auf Wunsch seines Vaters ein Architekturstudium in
Karlsruhe auf.
1924
Speer wechselt an die Technische Hochschule in
München.
1925
Speer wechselt an die Technische Hochschule in
Berlin,
wo er bei Professor Heinrich Tessenow studiert.
1927
Speer besteht die Diplomprüfung als Architekt und wird Assistent bei Tessenow, dessen Motto lautet: monumental, aber einfach und natürlich bauen.
1928
28. August: Speer heiratet gegen den Willen seiner Eltern seine Jugendliebe Margret Weber.
1930
4. Dezember: Speer hört an der TH Berlin - einer Hochburg des Nationalsozialistischen Studentenbundes - erstmals eine Rede von
Adolf Hitler.
Speer, der sich zuvor politisch nicht betätigt hat, ist beeindruckt von dessen Persönlichkeit und läßt sich von seinen Zukunftsvisionen überzeugen.
Speer läßt sich als selbständiger Architekt in Mannheim nieder.
1932
Speer erhält von der NSDAP erste Bauaufträge.
1933
März: Nach der am 30. Januar erfolgten Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wird Speer von
Joseph Goebbels
mit dem Umbau des Propagandaministeriums beauftragt.
Hitler ist von Speers Organisationstalent beeindruckt. Er bestimmt ihn zum technischen Assistenten seines bevorzugten Architekten Paul Ludwig Troost (1878-1934) und beauftragt ihn mit dem Umbau der Reichskanzlei. Bald zählt Speer zu Hitlers engsten Vertrauten.
Speer übernimmt die Planung und Gestaltung von Großkundgebungen der NSDAP. Mit dem Einsatz geschickter Lichteffekte inszeniert er die Reichsparteitage in Nürnberg.
1934
Januar: Nach Troosts Tod wird Speer Hitlers wichtigster Architekt. Er entwirft zahlreiche monumentale Repräsentationsbauten klassizistischer Prägung.
In der
Deutschen Arbeitsfront
(DAF) leitet er das Amt "Schönheit der Arbeit". Er wird Unterabteilungsleiter der Reichspropagandaleitung und Beauftragter für Städtebau im Stab von
Rudolf Hess.
1937
Speer konzipiert für die Weltausstellung in Paris den Deutschen Pavillon und erhält dafür den "Grand Prix".
Speer wird von Hitler zum Generalbauinspekteur für die Neugestaltung der Reichshauptstadt Berlin und anderer deutscher Städte ernannt.
1938
Speer wird in den Preußischen Staatsrat berufen; ihm wird das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP verliehen.
1938/39
Speer entwickelt nach eigenen Angaben im Auftrag Hitlers einen Generalplan für den Umbau Berlins zur Hauptstadt des "Großgermanischen Reiches", die den Namen "Germania" erhalten soll. Er gestaltet eine neue Reichskanzlei und entwirft Modelle für zahlreiche weitere Monumentalbauten und NS-Kultstätten. (Einzige Quelle hierfür sind seine eigenen Memoiren.)
1939
Seit Beginn des
Zweiten Weltkriegs
ist Speer zunehmend mit Wehrbauten befaßt, für die er seine eigene Organisation, den "Baustab Speer", aufbaut.
1940
Juni: Nach dem siegreichen Frankreich-Feldzug besucht Speer zusammen mit Hitler Paris, um die dortige Architektur zu studieren.
1941
Speer wird als Vertreter des Wahlbezirks Berlin-West in den Reichstag gewählt.
Nach Beginn des Rußlandfeldzugs wird Speer von Rüstungsminister
Fritz Todt
mit dem Wiederaufbau der Fabriken und des Eisenbahnnetzes in der Ukraine beauftragt.
1942
15.Februar: Speer wird zum Nachfolger Todts ernannt, der bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückt ist. Speer wird Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Generalinspekteur für das Straßenwesen sowie Generalinspekteur für Wasser und Energie; damit wird er zum verantwortlichen Leiter der gesamten deutschen
Kriegswirtschaft.
Speer gelingt es, die deutsche Wirtschaft, insbesondere die Rüstungsindustrie, die infolge blauäugiger Siegeszuversicht im dritten Kriegsjahr immer noch wie im tiefsten Frieden vor sich hin wurstelt, auf eine echte Kriegswirtschaft umzustellen, wie dies bei den Alliierten schon längst geschehen ist.
Trotz Beschädigung der deutschen Infrastruktur und Beeinträchtigung der Rohstoffversorgung durch alliierte Bombenangriffe kann Speer als hervorragender Organisator die Rüstungsproduktion bis 1944 auf einen Höchststand steigern. Zu diesem Zweck setzt er auch
Zwangsarbeiter und Häftlinge aus
Konzentrationslagern
ein, was ihm später als "Kriegsverbrechen" ausgelegt wird.
1943
2. September: Speers verschiedene Verwaltungsapparate werden zum "Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion" zusammengefaßt.
1944
Speer erkrankt schwer und kann über das Frühjahr sein Amt nicht ausüben.
Angesichts zunehmenden Mangels an Rohstoffen und Arbeitskräften zeichnet sich der Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft ab. Speer plädiert für eine Beendigung des Krieges; Hitler kann ihn jedoch überzeugen, im Amt zu bleiben.
Juli: Nach dem gescheiterten
Attentat vom 20. Juli
tauchen Dokumente auf, in denen Speer als Minister für eine neue Regierung vorgesehen ist. Speer kann jedoch glaubhaft machen, darüber nicht informiert gewesen zu sein und keine Kontakte zu den Verschwörern gehabt zu haben.
1945
Speer widersetzt sich nach eigenen Angaben Hitlers "Politik der verbrannten Erde", indem er Befehle, die auf die Zerstörung der deutschen Industrie und Landwirtschaft zielen, sabotiert. (Einzige Quelle hierfür sind seine eigenen Memoiren.)
April: Speer plant nach eigenen Angaben einen Giftanschlag auf Hitler (dto).
23. Mai: Speer wird zwei Wochen nach Kriegsende verhaftet und in Nürnberg inhaftiert.
Speer wird im vor dem inter-alliierten
Kriegsverbrecher-Tribunal
in Nürnberg wegen Kriegsverbrechen und "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" (einem unter Verstoß gegen alle rechtsstaatlichen Gepflogenheiten rückwirkend geschaffenen neuen Straftatbestand) angeklagt. Während des Prozesses verteidigt er sich äußerst geschickt, indem er sich von den meisten Tatvorwürfen reinzuwaschen sucht, aber in den Punkten, die er nicht mit Aussicht auf Erfolg leugnen kann, als einziger der als "Hauptkriegsverbrecher" Angeklagten seine Schuld eingesteht und Reue zeigt.*
1946
1. Oktober: Speer wird schuldig gesprochen und zu 20 Jahren Haft verurteilt.
Speer wird mit sechs weiteren "Hauptkriegsverbrechern" in das ehemalige Militärgefängnis Berlin-Spandau überführt, das unter der Kontrolle der vier Besatzungsmächte steht.
Zahlreiche Gnadengesuche der Familie und verschiedener Politiker scheitern vor allem am Einspruch der UdSSR.
1966
30. September: Speer wird aus der Haft entlassen.
1969
Speer veröffentlicht seine "Erinnerungen", die er während der Haft verfaßt hat. Er beschreibt darin seinen Aufstieg als Architekt und Politiker und berichtet über Rivalitäten innerhalb der nationalsozialistischen Hierarchie. Sich selber schildert er als unpolitischen Technokraten, der Hitlers Anziehungskraft erlegen sei. Das Buch wird zu einem der größten
Memoirenerfolge der Bundesrepublik, wiewohl am Wahrheitsgehalt seiner Aussagen bald fundierte Zweifel laut werden.
1975
Speers Aufzeichnungen aus der Haft, die "Spandauer Tagebücher", erscheinen.
1981
Adelbert Reif veröffentlicht "Technik und Macht" in Form eines längeren Interviews mit Speer. Dieser spricht darin von "der Megalomanie [Größenwahn] der national-sozialistischen Bauten und Bauvorhaben", beklagt aber auch die Manipulation des Hitler-Bildes in der deutschen "Forschung", die Hitler - den er selber als "mauvais génie [böses Genie]" bezeichnet - lediglich diabolisiere, während man im Ausland - wo kaum noch jemand die deutschen "Historiker" ernst nehme - längst versuche, Hitler menschlich und psychologisch zu analysieren. [Die Affäre um die im
Stern abgedruckten
"Hitler-Tagebücher"
bestätigt zwei Jahre später diese Kritik.] U.a. sagt Speer: "Wenn wir zurück gehen bis zu der Zeit, die dem Sturz Napoleons folgte, dann können wir feststellen, daß auch sein Bild in der damaligen zeitgenössischen Geschichtsschreibung zunächst ein ebenso negatives war wie das Adolf Hitlers heute. Auch Napoleon wurde als eine Art Monster angesehen (...) Im Verlauf der nächsten Jahrzehnte machte die Rehabilitierung des Korsen allgemein große Fortschritte, und schließlich wurde er im Invalidendom in Paris beigesetzt." Hinsichtlich der Falschaussagen in seinen "Erinnerungen" räumt er ein, sich dabei die Erinnerungen
Winston Churchills
zum Vorbild genommen zu haben. Er rechtfertigt dessen (und damit indirekt auch seine eigenen) Taten mit dem Satz:
"Außergewöhnliche Umstände eines Krieges erfordern oft außergewöhnliche Maßnahmen." Das Buch ist heute zwar nicht offiziell verboten, aber Anathema.
Speer veröffentlicht "Der Sklavenstaat", eine Analyse der Strukturen des NS-Regimes aus Sicht der Beteiligten.
1. September: Albert Speer stirbt während eines Besuchs in London.
* * * * *
1982
Der Historiker Matthias Schmidt (FU Berlin) veröffentlicht "Albert Speer. Das Ende eines Mythos". Er legt schlüssig dar, daß Speer nicht nur in vielen Punkten gelogen hat, sondern sogar schon vor 1945 so weit gegangen ist, die Akten seines Ministerium systematisch zu fälschen, um sich selber in ein besseres Licht zu rücken. Dem Buch haftet allerdings der
Beigeschmack an, erst nach Speers Tod veröffentlicht worden zu sein, so daß sich dieser gegen die von Schmidt erhobenen Vorwürfe nicht mehr verteidigen konnte.
1995
In New York erscheint die Speer-Biografie der von Ungarn nach England geflüchteten Jüdin Gitta Sereny, die bis heute als Standardwerk gilt.
1999
In Deutschland erscheint die Speer-Biografie von Joachim Fest (1926-2006), die sich weitgehend auf Speers eigene Memoiren stützt und schon kurz nach ihrem Erscheinen als überholt gilt.
2004
Bernd Eichinger stellt in dem Film "Der Untergang" (basierend auf Joachim Fest) das Ende des "Dritten Reichs"
weitgehend aus der - fragwürdigen - Sicht Speers dar.
2005
"Das Ende eines Mythos" wird neu aufgelegt.
2006
26. Mai 2006: Nach zehn Jahren Bauzeit wird der neue Hauptbahnhof Berlin eingeweiht, der in puncto Megalomanie
(450x450 m Areal, Hauptgebäude 321x160x46 m L/B/H, zwei Bürotürme mit Laser-Leuchten im FlAK-Scheinwerfer-look) und Kosten (ca. 1 Mrd. Euro) alles in den Schatten stellt, was sich Hitler und Speer jemals für die Hauptstadt des "Großgermanischen Reichs" ausgedacht hatten.
*Ursprünglich hatte sich auch Hans Frank schuldig bekannt mit dem im Nachhinein oft und gerne zitierten Satz: "Tausend Jahre werden vergehen und diese Schuld von Deutschland nicht wegnehmen." Weniger oft und gerne wird dagegen sein Schlußwort zitiert, mit dem er dieses Geständnis am Ende des Prozesses widerrief: "Ich muß noch ein Wort von mir berichtigen. Ich sprach von tausend Jahren, die die Schuld von unserem Volk wegen des Verhaltens Hitlers in diesem Krieg nicht nehmen könnten. Nicht nur das sorgsam aus diesem Prozeß ferngehaltene Verhalten unserer Kriegsfeinde unserem Volke und seinen Soldaten gegenüber, sondern die riesigen Massenverbrechen entsetzlichster Art, die, wie ich erst jetzt erfahren habe, vor allem in Ostpreußen, Schlesien, Pommern und Sudetenland verübt wurden und noch verübt werden, haben jede nur mögliche Schuld unseres Volkes schon heute restlos getilgt. Wer wird diese Verbrechen gegen das deutsche Volk einmal richten?" Für diese Worte wurde Frank - dem sich sonst keine Verbrechen im Sinne der Anklage nachweisen ließen - zum Tode verurteilt und hingerichtet. Das Zueigenmachen ihres Inhalts ist auf dem Gebiet der alliierten Besatzungszonen - BRD und RÖ - noch heute als "Relativierung des Holocaust" strafbar.