Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros
1906
11. Juli: Herbert Richard Wehner wird als erster von zwei Söhnen eines
Schuhmachers in Dresden geboren. Bereits sein Vater war Kommunist.
1921-1924
Wehner absolviert ein Praktikum im Verwaltungsdienst. Nebenher besucht er die
Volkshochschule. Später behauptet er, die "Mittlere Reife" erworben zu haben.
1923
Wehner wird Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), die ihm jedoch bald nicht
mehr linksradikal genug ist.
1924
Wehner wechselt zur anarcho-syndikalistischen "Arbeiterföderation" des jüdischen
Kommunisten Erich Mühsam.
Er beginnt eine kaufmännische Lehre, die er jedoch - angeblich aus politischen Gründen -
abbricht.
1925-1926
Wehner schreibt für die Zeitschrift "Revolutionäre Tat" und für Mühsams Zeitung
"Fanal".
1927
Wehner tritt der KPD bei und heiratet die Schauspielerin Lotte Loebinger (1905-1999).
Wehner wird Sekretär der Revolutionären Gewerkschaftsopposition in Ostsachsen.
1930
Wehner wird stellvertretender politischer Sekretär der KPD in Sachsen.
1931
Wehner wird in den sächsischen Landtag gewählt und stellvertretender Vorsitzender
der KPD-Fraktion.
1932
Wehner wird technischer Sekretär des Politbüros der KPD in Berlin. Als solcher arbeitet
er dem Parteivorsitzenden
Ernst Thälmann zu.
1933
Nachdem Reichspräsident
Paul v. Hindenburg den Führer der
Mehrheitspartei im Reichstag,
Adolf Hitler, zum Reichskanzler berufen hat,
geht die KPD in den Untergrund. Wehner leistet illegale Parteitätigkeit ("Widerstand")
für die bald verbotene KPD im In- und Ausland; wiederholt entgeht er nur knapp der
Verhaftung.
1935
Wehner emigriert nach Prag. Auf der so genannten Brüsseler Parteikonferenz wird Wehner zum
Kandidaten des Politbüros und in das Zentralkomitee (ZK) der Exil-KPD gewählt.
Wehner beteiligt sich in Paris als Vertreter der KPD an den Verhandlungen diverser
Linksparteien über die Bildung einer gemeinsamen "deutschen Front". Für die "Sozialistische
Arbeiterpartei (SAP)" nimmt
Herbert Frahm alias "Willy Flam[m]e" teil, der
sich später "Willy Brandt" nennen wird.
1936
Wehner geht nach Paris, wo er für die Auslandsabteilung der KPD arbeitet. Während dieser
Zeit gibt er u.a. die "Informationen von Emigranten" heraus.
1937
Wehner wird von der KPD nach Moskau geholt. Dort wird er Referent für deutsche Fragen im
Sekretariat der Kommunistischen Internationale ("Komintern"). Wehner wird im Zusammenhang
mit der Verhaftung Thälmanns durch die Nationalsozialisten einem Untersuchungsverfahren
unterworfen. Das Verfahren wird 1939 eingestellt, nachdem er zahlreiche Genossen als
"Abweichler" denunziert und damit ans Messer geliefert hat.
1941
Wehner reist im Parteiauftrag nach Schweden, um von dort aus den Wiederaufbau der
kommunistischen Partei in Deutschland zu organisieren.
1942
Die schwedische Polizei verhaftet Wehner. Er wird wegen Gefährdung der schwedischen
Freiheit und Neutralität verurteilt und inhaftiert.
1942
6. Juni: Wehner wird, um seine Freilassung zu bewirken, pro forma als "Verräter" aus der KPD
ausgeschlossen; er wird denn auch bald aus der Haft entlassen.
1944-1946
Wehner arbeitet in Schweden offiziell erst in einer Fabrik, dann als "wissenschaftlicher
Mitarbeiter" in einem Archiv; tatsächlich leistet er weiter Wühlarbeit für die KPD.
1944
Wehner heiratet Charlotte Burmeister, geb. Clausen.
1946
Wehner kehrt nach Deutschland zurück. Auf Weisung der KP tritt er der neu gegründeten SPD
bei und wird in der SPD-Betriebsgruppenarbeit aktiv. Offiziell arbeitet er als Journalist
bei der SPD-Zeitung "Hamburger Echo" im Ressort Außenpolitik.
1949
Wehner gewinnt das Vertrauen des SPD-Vorsitzenden
Kurt Schumacher und wird bei den
Bundestagswahlen auf einen sicheren Listenplatz gesetzt. So wird er MdB - was er bis 1983
ununterbrochen bleibt. Durch seine rüpelhaften Pöbeleien ("Reden") entwickelt er sich zum
negativen Aushängeschild des Parlamentarismus im allgemeinen und des Bundestags im
besonderen.
Wehner wird Vorsitzender des Bundestagsausschusses für gesamtdeutsche und Berliner
Fragen.
In dieser Funktion setzt er sich für die Wiedervereinigung Deutschlands unter
kommunistischem Vorzeichen ein.
1952
Nach Schumachers Tod wird
Erich Ollenhauer neuer SPD-Vorsitzender.
Wehner wird Mitglied des SPD-Parteivorstandes und des SPD-Präsidiums (bis 1982).
1957
Wehner wird Vorsitzender des Arbeitskreises für Außenpolitik der SPD.
1958
Wehner wird zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD gewählt.
1959
November: Angesichts der verheerenden Niederlagen der SPD bei den Bundestagswahlen von
1953 und 1957 heckt Wehner das Godesberger Programm aus. Darin distanziert sich die SPD pro forma
vom Marxismus-Leninismus (dem Wehner u.a. Genossen aber weiterhin anhängen), um sich als
"Volkspartei" zu gerieren und naive Wähler in anderen als der Arbeiterschicht zu
gewinnen.
1960
30. Juni: Auf der gleichen Linie liegt auch eine Bundestagsrede, in der Wehner die
angeblichen neuen außenpolitischen Ziele der SPD bekannt gibt, nämlich die - bis dahin immer
scharf bekämpfte - Integration in das westliche Bündnissystem. Unbedarfte politische
Beobachter fallen tatsächlich auf diesen Trick herein; andere erkennen in Wehner den neuen
Lügenbaron Münchhausen.
1961
23. April: Wehner verkündet öffentlich die Koalitionsbereitschaft der SPD mit der CDU -
angesichts der absoluten Mehrheit, über welche die CDU/CSU damals im Bundestag verfügt,
wird das aber lediglich als ein verspäteter Aprilscherz angesehen.
1966
Der FDP-Vorsitzende
Erich Mende stürzt in völliger Verkennung der
politischen Stimmung im Lande Bundeskanzler
Ludwig Erhard und hofft auf Neuwahlen.
Angesichts des Erstarkens der NPD bei mehreren Landtagswahlen ziehen es CDU/CSU und SPD
jedoch vor, Wehner beim Wort zu nehmen und eine "Große Koalition" unter
Kurt-Georg Kiesinger und Willy Brandt
einzugehen.
Wehner wird Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen (bis 1969). Als solcher setzt er sich
u.a. für die Anerkennung einer eigenen DDR-Staatsbürgerschaft ein.
1969
Oktober: Nach den Bundestagswahlen wird eine "Kleine Koalition" unter Willy Brandt als
Kanzler und dem neuen FDP-Vorsitzenden
Walter Scheel als Vizekanzler gebildet.
Wehner wird Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag (bis 1983). Sein geradezu
stalinistisches Gebaren trägt ihm wenig schmeichelhafte Beinamen wie "Zuchtmeister" und
"Kärrner" ein.
1970
Wehner reist mit einer SPD-Delegation nach Jugoslawien, wo er von
Tito empfangen wird.
1971 und 1972
Wehner reist nach Polen, um politische Scherben aufzukehren: Das Verhältnis zwischen BRD
und VRP hat sich, obwohl - oder weil - die SPD-FDP-Regierung die Oder-Neiße-Linie ohne
jegliche Gegenleistung als "Grenze" anerkannt hat, nicht gebessert; die Polen sind ganz im
Gegenteil noch unverschämter geworden und verlangen nun über die geraubten Gebiete mit all
ihren ungeheuren Werten - die sie inzwischen "verfrühstückt" haben - hinaus noch weitere
"Reparationen" von den Deutschen.
1973
Wehner besucht in Ost-Berlin seinen Genossen
Erich Honecker.
Wehner nimmt an der ersten Reise einer Bundestags-Delegation in die UdSSR teil. Er versucht,
den Status von Westberlin im Sinne der KP aufzuweichen, kann sich jedoch damit innerhalb der
SPD nicht durchsetzen.
1974
Nach der Enttarnung des DDR-Agenten Günter Guillaume zwingt Wehner Bundeskanzler Brandt zum Rücktritt.
Wehner veröffentlicht seine Memoiren unter dem Titel "Zeugnis".
1983
Wehner zieht sich aus der aktiven Politik zurück. Er heiratet in dritter Ehe seine
Stieftochter Greta, geb. Burmeister.
1989
11. November: Wehner muß den Fall der "Berliner Mauer" miterleben, bald darauf auch den
Zusammenbruch der DDR. Auch das Ende der ruhmreichen Sowjetunion zeichnet sich ab. Für
den alten Kommunisten bricht eine Welt zusammen.
1990
19. Januar: Herbert Wehner stirbt an gebrochenem Herzen in Bonn und wird in Godesberg
begraben.
1997
Der ehemalige Leiter des Spionagedienstes der DDR,
Markus Wolf, veröffentlicht seine Memoiren unter dem Titel
"Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen", die Herbert Wehner als Einflußagenten der
DDR ausweisen. Auf massiven Druck anderer westlicher Politiker, die ebenfalls für die DDR
gearbeitet haben und fürchten, selber enttarnt zu werden, widerruft Wolf dies zwar nach
außen; seine ursprünglichen Darlegungen sind jedoch - im Gegensatz zu seinem späteren
Dementi - schlüssig und glaubhaft.