DIE ERSTEN UND DIE LETZTEN
Ken Watanabe als Saigō Takamori alias "Katsumoto"
und Tom Cruise als Jules Brunet alias Nathan Algren

EDWARD ZWICK: THE LAST SAMURAI (DER LETZTE RITTER)
[Saigo Takamori, historisches Foto] [Takamori-Denkmal im Ueno-Park, Tokyo] [Kensaku Watanabe als 'Katsumoto']
[Filmplakat] [Filmplakat]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
DIE [UN]SCHÖNE WELT DER ILLUSIONEN

"Eine Mischung aus 'Der mit dem Wolf tanzt', Braveheart und Lawrence von Arabien" schrieb ein Filmkritiker; und damit ist alles gesagt, um diesen Streifen - je nachdem wie man die zuvor genannten bewertet - entweder zu verdammen oder über den grünen Klee zu loben: Zivilisationsmüder Soldat stellt fest, daß die edlen Wilden doch die besseren Krieger - oder jedenfalls die besseren Menschen - sind, stellt sich auf ihre Seite und geht am Ende mit ihnen unter... oder so ähnlich. (Einen vierten, thematisch viel näher liegenden Film - auf den dieses Strickmuster nicht zutrifft, und der ihm deshalb offenbar nicht ins Konzept paßt, hat der Kritiker nicht erwähnt: "55 Tage in Peking", eine sehr freie - und vor allem von chinesischer Seite viel geschmähte - Interpretation des "Boxer"-Aufstands aus dem Jahre 1962. Die Hauptrolle spielt einer jener nicht prägungsfähigen "Un-Helden", von denen Dikigoros in seiner Einleitung zu "Die [un]schöne Welt der Illusionen" schrieb, nämlich Charlton Heston - deshalb fehlt jener Streifen auch bei ihm; aber erwähnt haben wollte er ihn wenigstens.) Was Dikigoros von der Geschichte hält, die dem Drehbuch zugrunde liegt, kommt allerdings besser in der hier von ihm gewählten Überschrift zum Ausdruck - es ist der Titel der Memoiren des Jagdfliegers Adolf Galland; und wenn Ihr die nicht kennt, liebe Leser, dann solltet Ihr als Einleitung wenigstens diese Webseite von Dikigoros gelesen haben, damit Ihr eine ungefähre Vorstellung bekommt, wo er die Parallelen suchen wird zwischen einem der dunkelsten Kapitel der jüngeren japanischen Geschichte und einem der dunkelsten Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte.

Es ist schade, daß dieses Thema ausgerechnet von einem Regisseur verfilmt wurde, der als Amerikaner und Jude von klein auf gelernt hat, ganz andere Kapitel der deutschen und japanischen Geschichte als "dunkel" zu empfinden und deshalb diese Parallelen nicht sehen konnte. [Ein David Griffith hätte sie gesehen; aber das war nach seiner Zeit; er hätte vielleicht auf eine andere Parallele abgestellt, eine aus der amerikanischen Geschichte, und das Schicksal der aufständischen Samurai mit dem der Konföderierten im Sezessionskrieg verglichen: Es waren die beiden letzten (Bürger-)Kriege, aus denen die militärisch Geschlagenen als die moralischen Sieger in die Herzen der Nachwelt eingingen - die Propaganda-Maschinerie der Sieger war damals eben noch nicht so perfekt wie heute.] Umso mehr hat Zwick seiner eigenen blühenden Fantasie freien Lauf gelassen - und das tut einem Film, dessen Ereignisse noch nicht gar so lange zurück liegen, nie gut. Damit meint Dikigoros nicht nur, daß Zwick aus dem japanischen Nationalhelden Saigō Takamori einen "Katsumoto" gemacht hat (der letztere würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, wofür sein guter Name herhalten muß - wenn man schon einen anderen Namen wählt als den historischen, dann sollte man ihn wenigstens frei erfinden, und keine unbescholtenen Zeitgenossen mit hinein ziehen!), sondern auch und vor allem, daß er die zweite (für amerikanische Zuschauer: erste) Hauptrolle, die des zivilisationsmüden Soldaten, mit einem zwar bekannten und beliebten, aber völlig ungeeigneten Schauspieler besetzt (vielleicht weil er meinte, daß Tom Cruise - der ja beim Publikum bereits durch mehr als eine "Mission impossible" bestens eingeführt war - diese Rolle besonders gut zu Gesicht stehen würde :-) und dazu noch völlig verzeichnet hat: Die Instrukteure der modernen japanischen Armee der Meiji-Zeit waren nie Amerikaner, sondern bis zum preußisch-französischen Krieg 1870/71 Franzosen, danach Preußen; und der Gaijin [Ausländer, Außenseiter], der für den amerikanischen Captain "Nathan Algren" Modell gestanden hat, war der französische Premierlieutenant Jules Brunet.

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Kennt Ihr Euch ein wenig in der jüngeren japanischen Geschichte aus, liebe Leser? Wahrscheinlich nicht; aber das habt Ihr mit den meisten Japanern gemeinsam, das ist also verzeihlich. Woran denkt Ihr, wenn Ihr das Wort "Tennō" hört? An den allmächtigen Gott-Kaiser, der er bis 1945 (und, wie manche meinen, auch darüber hinaus) gewesen sein soll? Den Herrn über Leben und Tod, Krieg und Frieden... Aber ach, das ist alles nur ein frommes Märchen. Wie schon das japanische Schriftzeichen (Kanji) verrät, mit dem das Wort geschrieben wird, ist der Tennō der Herrscher des Himmels (Ten), der nur ein Auge auf den weltlichen Herrscher, den König (Ō), hat, ihn so zu sagen moralisch überwacht - mehr aber auch nicht. Darf Dikigoros, da er einmal bei den Kanji ist, Eure Aufmerksamkeit auf die beiden Filmplakate in der zweiten Bilderreihe lenken? Er hat sie nicht von ungefähr ausgewählt, denn es gibt zwar welche, die von den Bildern her besser sind, auf denen aber die japanischen Schriftzeichen fehlen. Das erste - das für "letzte" steht - ist bereits eine Geschichte für sich: Es ist eine Kombination der "Radikale" (so nennt man im Westen die 214 Bildzeichen, aus denen sich das sino-japanische Alfabet zusammen setzt) Nr. 77 (anhalten, unterbrechen, beenden) und Nr. 56 (Speer, Spieß, Langschwert), wobei Ihr Euch aussuchen dürft, wie Ihr das interpretieren wollt, als Aufhören nach dem (letzten) Kampf oder als Personifizierung dessen, der den Speer oder das Schwert abbekommt, aufhält und damit seine letzte Tat vollbracht hat. Nein, das ist nicht so abwegig, wie einige von Euch glauben mögen; denn wenn Ihr die beiden Radikale trennt und zwischen ihnen noch eine Nr. 48 (Bau, Werk, Arbeit) einschiebt, dann bedeutet das "vorgeschriebene Form", und die zweite Alternative ist genau die Form der letzten Handlung, die dem Samurai vorgeschrieben ist. Aber Vorsicht - wenn man die beiden letzteren Kanji statt mit der Nr. 77 mit einer Nr. 75 (Baum, Holz) kombiniert, dann bedeutet es... den eigenen Dienstherren (oder den eigenen Vater) töten - natürlich auch in der vorgeschriebenen Form, d.h. mit jenem schönen langen Schwert, das in keiner Kombination fehlen darf. (Nein, liebe deutsche Japanologen, das findet Ihr nicht in Euren Leerbüchern und Lexika für Anfänger, denn es zählt nicht zu den "tōyō kanji".) Alles, was Dikigoros Euch hier beschrieben hat, spricht sich gleich aus, nämlich "shi". Diese Vieldeutigkeit macht ja gerade den Reiz des Japanischen (und noch mehr des Chinesischen) aus - Ihr habt die Wahl, wie Ihr es verstehen wollt.

Zurück zum Tennō: Was immer er theoretisch einmal gewesen sein mag - praktisch war er vom 9. bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Hampelmann, der etwa so viel weltliche Macht hatte wie der Papst heute, eine Marionette in den Händen des mächtigen Shōgun. Das muß aber nicht heißen, daß darum etwas faul gewesen wäre im Staate Japan - es war halt Arbeitsteilung: Der Tennō saß in seinem Palast in Kyōto und betete zu den Göttern (Kami); der Shōgun saß in seiner Burg am "Tor zur Bucht" (Edo) und regierte die Menschen; der Militär-Adel (Bushi), zu dem auch die Lehensritter (Shi - das zweite Zeichen auf den Filmplakaten) gehörten (die im Westen meist ungenau als "Samurai" bezeichnet werden; darunter verstehen die Japaner aber eher den nicht-militärischen Adel, den sie anders, nämlich mit den Kanji für "Mensch" und "Tempel" schreiben), saß in den Provinzen (Han) - die Ihr Euch als eine Art Bundesländer vorstellen könnt - und kämpfte bzw. sorgte dafür, daß nicht gekämpft wurde (nein, das ist kein Widerspruch in sich, liebe Wehrdienstverweigerer!), damit die Bauern in Frieden ihre Reisfelder bebauen, die Handwerker ihre Teeschälchen töpfern und die Händler das alles gut verteilen konnten. Ja, so sollte eine funktionierende Gesellschaft aufgebaut sein. Im Großen und Ganzen funktionierte das auch ganz gut, zumal sich die Japaner gegen schädliche Einflüsse von außen so weit wie möglich abschotteten. Sie hatten alles, was sie brauchten, und wenn es wirklich mal Ausnahmen gab, welche die Regel bestätigten, dann ließen sie sich das von den Holländern besorgen, die auf Deshima, der kleinen Insel vor Nagasaki, ein Handelskontor betrieben. (Ja, liebe Historiker, die Ihr jetzt die Stirne runzelt, es gab auch mal Mißernten, Hungersnöte und Aufstände, aber sicher nicht öfter als in Europa oder anderswo in Asien. Das spricht nicht gegen das System als solches!) So weit, so gut. Aber wie schrieb schon Schiller im Wilhelm Tell: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Die bösen Nachbarn, das waren ausnahmsweise mal nicht die Chinesen, sondern die, die jenseits des großen Teichs saßen und ganz andere Interessen hatten, als mit Wölfen zu tanzen (so heißt es richtig, im Original steht der Plural - "Dancing with Wolves" -, nicht der Singular). Im Jahre 1853 waren sie zum ersten Mal aufgetaucht, mit ihren schwarzen Schiffen, um Japan zu zwingen, sich dem Außenhandel zu öffnen, mit anderen Worten: sich in wirtschaftliche Abhängigkeit zu begeben. Wie das enden konnte, hatten die Japaner schon gesehen, bei ihren chinesischen Nachbarn, die sich von den Engländern praktisch zur Kolonie hatten degradieren lassen - aber das ist eine andere Geschichte.

Wir schreiben das Jahr 1868. In Japan gärt es. Die Alliierten (vier europäische Mächte und die USA) haben ihm auf Grundlage der vom amerikanischen Präsidenten verkündeten "14 Punkte" (nein, das hat sich Dikigoros nicht einfach so ausgedacht - er kann doch nichts für die Parallelen!) nach sechs Jahren Krieg in Shimonoseki einen Vertrag diktiert, der seine Souveränität sagen wir einmal erheblich einschränkt und es wirtschaftlich verkrüppelt. Die Erfüllungs-Politiker des Shōgunats haben ihn unterschrieben, ohne den Tennō zu fragen. (Wozu auch? Der ist doch weit weg, in Kyōto :-) Vor drei Jahren ist er unter dem Druck der Alliierten, die gedroht haben, Japan zu besetzen und seine Städte in Schutt und Asche zu legen, ratifiziert worden. Einige Leute - nein eigentlich alle Leute - haben erkannt, daß es so nicht weiter gehen kann, wenn Nippon seine Eigenständigkeit, d.h. seine politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit und seine eigene Kultur bewahren will; aber nur wenige sind bereit, ihr Leben dafür einzusetzen. Bezeichnender Weise sind das nicht etwa hohe Adelige, Priester, Politiker oder Beamte, reiche Großgrundbesitzer oder Wirtschaftsmagnaten, sondern - ja, wie soll Dikigoros das Euch, liebe westliche Leser, am besten beschreiben? Krautjunker und Subalternoffiziere, könnte man boshaft sagen; die Japaner nannten sie "Shishi", was im Westen meist mit "entschlossene Männer" übersetzt wird; wörtlich bedeutet es "beherzte Rittersleut'" (es wird mit den Kanji für "Lehensritter" und "Herz" geschrieben). Ihr Führer ist ein Soldat aus Kageshima in der Provinz Satsuma; sein Name ist Saigō Takamori (den Ihr doch bitte auf der drittletzten Silbe betonen wollt, wie das im Japanischen die Regel ist bei zusammen gesetzten Wörtern, auch bei Nagasaki - dem "langen Kap" -, bei Hiroshima - der "breiten Insel" - und bei Katsumoto - seinem Namen im Film). An einem schönen Tag im Januar treten er und seine Anhänger zum Marsch auf Edo an, besetzen die Feldherrnhalle, pardon den Shōgun-Palast und erklären die Regierung für abgesetzt. Die Machtergreifung gelingt ohne Blutvergießen. Das ganze Volk erwartet nun, daß die Revolutionäre das Programm durchziehen werden, unter dem sie angetreten sind: Wiedereinsetzung des Tennō als Herrscher (Sonnō), Gleichschaltung durch Abschaffung der Provinzen und Einteilung des Staats in Gaue (Ken) [westliche Historiker übersetzen das, um keine peinlichen Parallelen ziehen zu müssen, mit "Zentralisierung" und "Präfekturen" - aber gemeint ist das gleiche], Gleichberechtigung aller Volksgenossen vor dem Gesetz durch Aufhebung der Adels-Privilegien, staatliche Lenkung der Wirtschaft (Fukoku), Aufrüstung (Kyōhei) und dann Vertreibung der alliierten Besatzer (Jōi). Das erste tun sie auch, indem sie einen 14-jährigen Bengel namens Mutsuhito auf den Thron setzen (der auf Dikigoros eher wie ein Äffchen in Circus-Uniform wirkt, gar nicht wie ein richtiger Japaner). Die Gleichschaltung wird von einem Kollegen, Freund und Landsmann Saigōs, einem gewissen Ōkubo Toshimichi, durchgeführt - den Ihr im Film als "Ōmura" wieder findet. Schnitt.

*****

Kennt Ihr Euch ein wenig in der jüngeren deutschen Geschichte aus, liebe Leser? Wahrscheinlich nicht; und obwohl Ihr das mit den meisten Eurer systematisch verdummten Landsleute gemeinsam habt, ist das unverzeihlich. Woran denkt Ihr, wenn Ihr das Wort "Führer" hört? An den allmächtigen Führer und Reichskanzler, der er bis 1945 war? Den Herrn über Leben und Tod, Krieg und Frieden, der an allem alleine schuld war, damit sich alle anderen die Hände in Unschuld waschen konnten... Zum Glück liegt wenigstens über seiner Vergangenheit kein tabuisierender Schleier wie über der des Tennō: Jeder weiß, daß er vor 1933 ein nichts war, bevor ihm die "braunen Bataillone" der SA den Weg an die Macht ebneten. (Ihr meint, er sei doch "friedlich", d.h. durch Wahlen, an die Regierung gekommen, nicht durch Straßenschlachten? Ja, was glaubt Ihr denn? Die roten Mörderbanden der KPD und der SPD, der "Rotfrontkämpferbund" und das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" - beide um keinen Deut besser als die Straßenkampfverbände der Nazis - hätten ihn im Wahlkampf tot geschlagen wie einen räudigen Hund, wenn er nicht seine Sturmabteilungen und Schutzstaffeln gehabt hätte!) Aber halt, so weit sind wir noch nicht.

Wir schreiben das Jahr 1923. Im Deutschen Reich gärt es. Die Alliierten haben ihm auf Grundlage der vom amerikanischen Präsidenten verkündeten "14 Punkte" nach sechs Jahren, pardon, das war ja der andere, nach vier Jahren Krieg in Versailles einen Vertrag diktiert, der seine Souveränität sagen wir einmal erheblich einschränkt und es wirtschaftlich verkrüppelt. Die Erfüllungs-Politiker der Republik haben ihn unterschrieben, ohne den Kaiser zu fragen. (Wozu auch? Der ist doch weit weg, in Doorn :-) Vor vier Jahren ist er unter dem Druck der Alliierten, die gedroht haben, Deutschland zu besetzen und seine Städte in Schutt und Asche zu legen, ratifiziert worden. Einige Leute - nein, eigentlich alle Leute - haben erkannt, daß es so nicht weiter gehen kann, wenn das Reich seine Eigenständigkeit, d.h. seine politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit und seine eigene Kultur bewahren will; aber nur wenige sind bereit, ihr Leben dafür einzusetzen. Bezeichnender Weise sind das nicht etwa hohe Adelige, Priester, Politiker oder Beamte, reiche Großgrundbesitzer oder Wirtschaftsmagnaten, sondern - ja, wie soll Dikigoros das Euch, liebe Leser des 21. Jahrhunderts, am besten beschreiben? "Krautjunker und Subalternoffiziere" trifft es nicht, denn immerhin zählten sogar der ehemalige Kronprinz von Preußen und gestandene Feldherren wie der General a. D. Ludendorff dazu. Die Historiker von heute nennen sie "Verbrecher"; die Deutschen von 1923 nennen sie "Patrioten". Ihr Führer ist ein Soldat aus der Provinz, pardon dem Freistaat Bayern. An einem schönen Tag im November treten er und seine Anhänger zum Marsch auf München an, besetzen das Hofbräuhaus und erklären die Regierung der "Novemberverbrecher" für abgesetzt. Der versuchte Staatsstreich mißlingt und endet in einem Blutbad; seine Anführer - die naiv genug waren zu glauben, wenn sie unbewaffnet daher kämen, würde man nicht auf sie schießen - werden vor Gericht gestellt und fast alle zu Freiheitsstrafen verurteilt (außer Ludendorff, der hat Narrenfreiheit und wird deshalb freigesprochen :-). Schnitt.

Wenn man aufrüsten und Besatzer vertreiben will, die einem militärisch überlegen sind, hilft es bisweilen nur, von diesen Feinden zu lernen, um sie dereinst mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. (Ihr, liebe Ossis, kennt doch sicher noch den Satz: "Von der Sowjet-Union lernen heißt siegen lernen!" - oder habt Ihr den etwa schon vergessen?) Und wenn man umgekehrt selber Angehöriger militärisch überlegener Streitkräfte ist oder war und nicht mehr befördert - oder überhaupt nicht mehr gebraucht - wird, dann macht man sich schon mal Gedanken, ob man sein Wissen und sein Können nicht in den Dienst eines Landes stellen sollte, wo man so etwas noch zu schätzen weiß. Über diese Art von "Entwicklungshilfe" mögt Ihr denken, wie Ihr wollt, liebe Leser, sie ist längst nicht so ungewöhnlich in der Geschichte wie Ihr glauben mögt. Schiller irrte, als er im Demetrius schrieb: "Durch fremde Waffen gründet sich kein Thron." Er bezog das speziell auf Rußland; doch gerade - aber nicht nur - dort gilt das nicht: Peter der Große - der bei den Russen besonders unbeliebt war, schon weil er im wahrsten Sinne des Wortes alte Zöpfe abschnitt - holte jede Menge ausländische Offiziere ins Land, um die russische Armee aufzubauen; unter Friedrich dem Großen bestand mehr als die Hälfte des preußischen Officierscorps aus französischen Hugenotten (die er bevorzugte, weil er selber besser Französisch als Deutsch sprach); George Washington baute die U.S. Army mit Ausländern auf (schon mal von Friedrich Wilhelm Steuben gehört, liebe deutsche Leser?); und selbst die chinesische "Volksbefreiungsarmee" wurde von sowjet-russischen Instrukteuren aus der Roten Armee aufgebaut. Warum hätte es anderswo anders sein sollen? Auch in Japan machte man sich - gut zweieinhalb Jahrhunderte nach Peter dem Großen - daran, alte Zöpfe abzuschneiden, und auch da dachte man an Hilfe von außerhalb: In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts galt die französische Armée als die beste der Welt, in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts die deutsche. Was lag also für die Japaner der Meiji-Restauration näher, als sich ein paar gute Offiziere aus Frankreich kommen zu lassen? Und was lag für die Bolivianer - die noch immer nach Rache für den verlorenen Salpeter-Krieg dürsteten - näher, als sich ein paar gute Offiziere aus Deutschland kommen zu lassen? Beginnen wir bei letzteren. Der ehemalige Hauptmann der königlich bayrischen Armee, Ernst Röhm, hatte nach Kriegsende das Glück, von der Reichswehr der "Weimarer Republik" - einer Spielzeug-, pardon Berufsarmee von 100.000 Mann, welche die Alliierten den Deutschen 1919 großzügig zugebilligt hatten - übernommen zu werden. In ihrem (natürlich inoffiziellen) Auftrag baute er in Bayern Bürgerwehren (damals sagt man noch "Einwohnerwehren") und andere paramilitärische Verbände auf: den "Deutschen Kampfbund", die "Reichskriegsflagge" und den "Frontbann". Außerdem half er "Gleichgesinnten" beim Aufbau ähnlicher Einrichtungen, so auch der NSDAP, deren Führer, einen gewisser Adolf Hitler, er besonders protegierte. (Ja, liebe Leser, so war das, auch wenn das nach 1934 tot geschwiegen wurde.) Doch nach dem mißglückten Marsch auf Edo, pardon München wird Röhm, der daran teilgenommen hat, aus der Reichswehr entlassen, vor Gericht gestellt und verurteilt - auf Bewährung. (Das Wahlvolk ist von dieser seiner Heldentat so begeistert, daß er nach den nächsten Parlamentswahlen in den Reichstag einzieht.) Dann widmet er sich wieder den "Soldaten" der NSDAP, die er in "Sturmabteilungen [SA]" organisiert. Darüber verkracht er sich mit Hitler, dem das Auftreten der SA-Männer allmählich zu rabaukenhaft wird (wie war das: "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß!"); und als die bolivianische Regierung davon Wind bekommt, flattert ihm ein Schreiben ins Haus, ob er nicht statt dessen lieber die bolivianische Armee aufbauen wolle. Röhm will.

Die so genannten "Opium-Kriege" gegen China waren zwar hauptsächlich auf Englands Mist gewachsen, aber das heißt nicht, daß sich nicht auch andere europäische Mächte daran beteiligt hätten - schließlich wollte jeder ein Stück vom Kuchen, nicht wahr? Einer dieser jemands hieß Napoléon, seines Zeichens Kaiser von Frankreich. Er hatte eine Besatzungstruppe nach China geschickt; aber nun wird die blöderweise nicht mehr gebraucht, und ihr schönes Potential liegt brach. Da trifft es sich gut, daß die Japaner nach dem Diktat-Frieden von Shimonoseki angekrochen kommen und in Paris um die Entsendung einiger tüchtiger, fernost-erfahrener Militär-Instrukteure bitten. Napoléon schickt ihnen prompt 15 Officiere, 10 Sergeanten und 2 Poilus (als Stiefelputzer - auch das will gelernt sein :-). [Auf dem Foto oben seht Ihr natürlich nur die Herren Officiere.] Einer von ihnen ist der Premier-Lieutenant der berittenen Garde-Artillerie Jules Brunet, dessen Carriere sich irgendwie festgefahren hatte, obwohl er im mexikanischen Krieg tapfer - aber glücklos - kämpfte: fast 30, und immer noch nicht zum Capitain befördert. Aber jetzt wird er es endlich.
(...)
Habt Ihr Euch mal Gedanken gemacht, liebe Leser, wo und bei wem die Loyalität solcher "Militär-Instrukteure" liegen könnte/sollte/müßte? Was vermutet Ihr?
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Dikigoros hat ein anderes Kapitel seiner "Reisen durch die Vergangenheit" den großen Verrätern des 20. Jahrhunderts gewidmet; aber wenn Ihr genau hin schaut, dann steht das ganze dort stets im Zusammenhang - wie könnte es anders sein bei Dikigoros - mit einer Reise, genauer gesagt einer Auslandsreise, entweder des Verräters oder der Verratenen. Deshalb fallen Mutsuhito, der spätere Tennō Meiji (der ja ohnehin ins 19. Jahrhundert gehört), und der Führer des "Dritten Reichs" durch jenes Raster, denn sie haben Japan bzw. Deutschland nie verlassen. (Nein, liebe Besserwisser, das "Reichskommissariat Ukraine", in dem vorübergehend das Führer-Hauptquartier lag, war in diesem Sinne kein "Ausland"!) Sie ließen reisen. Und sie schickten diejenigen auf die letzte Reise, denen sie am meisten verdankten...
Oh, da hat Dikigoros ja ganz anders herum gedacht als Edward Zwick. Ja, seht Ihr, liebe Leser, die Ihr den Spruch "Meine Ehre heißt Treue" nicht mehr kennt, zu einem Treueverhältnis gehören immer zwei Seiten, denn es beruht auf Wechselseitigkeit (nein, nicht auf Gegenseitigkeit - wenn die Beteiligten gegeneinander stehen, ist es schon keine Treue mehr); und wenn die nicht mehr gegeben ist, darf sich der Auftraggeber nicht wundern, wenn der Auftragnehmer die Seiten wechselt.
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Aber Dikigoros hat in Gedanken vorgegriffen; kommen wir zurück zur Chronologie.

Neun Jahre und zwei Monate nach dem mißglückten Marsch auf München, einer Zeit, die angefüllt war mit bürgerkriegsähnlichen Straßenschlachten und "Wahl"-Kämpfen, gelingt den Nazis die Machtergreifung doch noch, sogar legal, ohne Blutvergießen. Das ganze Volk erwartet nun, daß die Revolutionäre das Programm durchziehen werden, unter dem sie angetreten sind: Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Gleichschaltung durch Abschaffung der Länder und Einteilung des Reichs in Gaue, Gleichberechtigung aller Volksgenossen vor dem Gesetz (die noch längst nicht erreicht ist, obwohl die Adelsprivilegien theoretisch schon seit 1919 aufgehoben sind), staatliche Lenkung der Wirtschaft, Wiederaufrüstung und dann Vertreibung der alliierten Besatzer. (Nun ja, eigentlich sind sie ja schon so gut wie weg; die Franzosen haben jedenfalls das Rheinland geräumt; aber die deutschen Soldaten dürfen noch nicht wieder hinein; und das Saarland ist noch immer französische Besatzungszone.) Nun ist das alles nicht so einfach. Gewiß, wenn der Staat massiv in die Wirtschaft eingreift, kann die so genannte "Öffentliche Hand" die Arbeitslosen mit Staatsaufträgen schon eine Zeit lang von der Straße weg bekommen - oder vielmehr auf die Straße, genauer gesagt auf die Autobahn, denn was heute ein paar moderne Maschinen machen, dazu mußten damals viele Arbeiter den Spaten in die Hand nehmen. Das mit der Gleichschaltung der Länder, der Gaueinteilung und der Gleichheit aller Volksgenossen (und der Ungleichheit der Nicht-Volksgenossen) ist eine Frage von Gesetzen, die man zu Papier bringt, das bekanntlich geduldig ist. Aber dann wird es schon schwieriger: Wie und mit wem soll man denn nun aufrüsten, und was? Eigentlich ist die Reichswehr eine zwar kleine, aber feine Truppe - von überwiegend adeligen Offizieren geführt, die noch aus dem Kaiserreich stammen. Soll man um diese Kerntruppe herum eine neue Wehrmacht aufbauen, mit Wehrpflichtigen? Oder entspricht es der Idee des nationalen Sozialismus nicht eher, statt dessen die Freiwilligenverbände der SA und SS als bewaffnete Macht aufzubauen, oder sie gleich geschlossen in die Reichswehr zu übernehmen? Das ist nicht nur eine Frage, was besser geeignet ist, die alliierten Besatzer los zu werden, sondern auch eine Gewissensfrage - oder sollte es jedenfalls sein.

Neun Jahre und zwei Monate nach dem geglückten Marsch auf Edo, einer Zeit, die angefüllt war mit bürgerkriegsähnlichen Kämpfen... Moment mal, wieso denn das?
(...)

Ihr dürft Euch Saigō Takamori nicht vorstellen wie Kensaku Watanabe, liebe westliche Kinogänger. Keinem Japaner würde das einfallen (weshalb der Film eben nur im Westen geeignet ist, "prägend" zu wirken), denn sein Denkmal steht ja überall herum, vor allem im Ueno-Park von Tōkyō. Er war eher gebaut - selbst diese äußerliche Parallele stimmt - wie Ernst Röhm. Wer Dikigoros kennt, weiß, daß er Vorbehalte gegenüber Leuten wie dem letzteren hat, denn er liebt die Schwulen nicht (wo kämen wir da hin? :-). Ja, klein, fett und häßlich war Röhm auch. Das muß aber nicht heißen, daß er deshalb unfähig war, irgend etwas zu leisten, auch wenn Leute, die wie Dikigoros groß und schlank sind, zu diesem Vorurteil neigen. Kleine, dicke Menschen mögen zwar Minderwertigkeitskomplexe haben, aber gerade um diese zu kompensieren, entwickeln sie oft den Ehrgeiz, etwas besonderes zu leisten, und wie die Geschichte von Caesar bis Napoleon zeigt, ist ihnen das auch manches Mal gelungen, im Guten wie (noch öfter) im Bösen. Ihr, liebe jüngeren Leser, die Ihr mit der Geschichte der Könige und Feldherren weniger am Hut habt, weil für Euch König Fußball das Maß aller Dinge ist, schaut sie Euch doch mal an, Eure Feldherren des grünen Rasens, die Regisseure (auch dieses Wort kommt übrigens von Rex, König!) und Spiel-Führer, die nicht nur ein Spiel lenkten, sondern auch noch eigenfüßig die entscheidenden Tore schossen: Puskas, Seeler, Haller, Maradona... Waren die etwa groß und schlank? Eben nicht... in einen Eliteverband wie die SS wären die nie aufgenommen worden - wohl aber in die SA, denn die nahm jeden, auch wenn er klein, dick, dumm und früher Kommunist gewesen war, wenn er nur brav mit marschierte und "Die Fahne hoch" mit sang. Aber wie dem auch sei, weder die Dickleibigkeit noch die homosexuellen Neigungen Röhms waren die Gründe, aus denen Hitler ihn 1934 in der "Nacht der langen Messer" beseitigen ließ, sondern weil er nicht mehr und nicht weniger plante als das, was Saigō Takamori ein knappes halbes Jahrhundert auch versucht hatte - allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.

Dikigoros' Großvater kannte Röhm persönlich. Nein, nicht als gleichgestellter "Bekannter", sondern mit dem gebührenden, respektvollen Abstand, wie es einem kleinen Gefreiten gegenüber einem großen Hauptmann des Weltkriegs gebührte. Bevor Röhm 1928 als Militär-Instrukteur nach Bolivien ging, bot er Urs an, mitzukommen, als Unteroffizier. Das war schon was, womöglich wäre er eines Tages sogar Feldwebel geworden! Er fing bereits an, fleißig Spanisch zu lernen; aber dann machte ihm der Arzt einen Strich durch die Rechnung: Für seine von Tbc geschwächte Lunge wäre das Klima in Bolivien Gift gewesen. Also blieb er in Deutschland und malochte weiter in der Fabrik. (Nein, "... und nährte sich redlich" kann man diesen Satz nicht fortsetzen; denn Urs mühte sich zwar redlich, aber der Lohn reichte kaum, um satt zu werden; auf den wenigen alten Fotos sieht er immer aus, als würde er gleich zusammen klappen, in den schlotternden Klamotten, die für seinen ausgemergelten Körper viel zu weit sind. Wie schrieb der Dichter: "Viel Arbeit gab's und wenig Brot...", oder so ähnlich. Das war fast wie heute: Arbeit gibt es genug - es will sie nur niemand ordentlich bezahlen, zumal man sie doch prima in die Dritte Welt verlagern kann, wo die Leute für Hungerlöhne arbeiten im wahrsten Sinne des Wortes. Aber wenn die dort [ver]hungern, sieht es hier ja zum Glück niemand.) Was blieb ihm anders übrig? Immer noch besser als arbeitslos, wie so viele andere damals, in der Systemzeit, pardon in den "goldenen" 20er Jahren (die freilich auch schon vor dem großen Börsenkrach in New York nur für Kriegsgewinnler, Schieber, Spekulanten, Zuhälter und andere halbseidene "Demokraten" wirklich "golden" waren), denn die Stütze wäre noch weniger gewesen - wenigstens etwas, das anders war als heute... Als Röhm ein paar Jahre später heim ins Reich kam und, als der Tag für Freiheit und für Brot angebrochen war, ein hohes Tier wurde, hatte er den hustenden kleinen Gefreiten aus Hamburg, den er mal bei einem Veteranentreffen kennen gelernt hatte, längst vergessen.

Wie hoch war dieses Tier wirklich? "Oberster Stabschef der SA" nannte er sich; und auf ihn traf genau das zu, was Hitler immer von sich selber behauptete: "Millionen stehen hinter mir." Hinter Hitler mögen Millionen Wähler gestanden haben (und natürlich die Millionen von Krupp und Thyssen - aber das ist eine andere Geschichte); doch hinter Röhm standen im Juni 1934 knapp vier Millionen mehr oder (meist) weniger gut bewaffneter Gefolgsleute in paramilitärischen Einheiten - seit der Machtergreifung vom Januar 1933 hatte sich ihre Zahl fast verzehnfacht. Die Reichswehr dagegen war vor Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 ein - auch nicht viel besser bewaffnetes - 100.000-Mann-Heer und eine 15.000-Mann-Marine - hatte also in etwa den Umfang des japanischen Lehensritter-Aufgebots vor der Meiji-Machtergreifung.

Wohlgemerkt, liebe Leser, es geht hier nicht um die Frage, ob Saigo und Röhm geputscht bzw. die Absicht zu putschen gehabt haben - natürlich haben sie -, sondern um etwas viel grundsätzlicheres, nämlich: Hatten die beiden ein moralisches Recht, das zu tun, mit anderen Worten: War das, was sie taten, ein Verrat an ihren Führern, oder hatten zuvor ihre Führer die Ideen verraten, für die sie einst gemeinsam angetreten waren? (Auch das ist eigentlich noch nicht alles; denn wenn man letzteres bejaht, muß man anschließend noch fragen: waren diese Ideen noch richtig und zeitgemäß, oder bestand nicht die Notwendigkeit, sie zu ändern - und wem stand die Entscheidung darüber zu?) Im Falle Röhm wird diese Frage noch dadurch besonders pikant, daß die SA bereits 1930 und 1931 unter ihrem damaligen Führer Walther Stennes - einem ausgemachten Rabauken - gegen Hitler zu putschen versucht hatte; nachdem Hitler diesen Putsch mit Hilfe der SS (und der regulären Polizei der Weimarer Republik! :-) nieder geschlagen hatte, holte er Röhm aus Bolivien zurück und machte ihn zum neuen "Stabschef" der SA, gerade damit es dort wieder etwas gesitteter zuginge. (Damit war nicht die moralische "Sitte" gemeint - Hitler wußte, daß Röhm schwul war; seine spätere Empörung darob war gespielt und nur ein Vorwand für dessen Beseitigung.)

(...)

(Fortsetzungen folgen)

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