RUTH BENEDICT
(geb. Ruth Fulton)
1887 - 1948
![[Ruth Benedict - Briefmarke von 1995]](benedictstamp.jpg)
"The trouble with life isn't that there is no answer - it's that there are so many answers."*
(Ruth Benedict)
*Der Ärger mit dem Leben ist nicht, daß es keine Antwort gibt, sondern daß es
so viele Antworten gibt.
Ein Kapitel aus Dikigoros' Webseite
LÜGEN HABEN SCHÖNE BEINE
Wenn Frauen eine Reise tun . . .
Sie war das, was man eine "Spätzünderin" nennt: Erst mit 37 Jahren, angeregt durch die Bücher von Laurence Sterne ("Eine sentimentale Reise durch Frankreich und Italien") und Jacob Meister ("Erinnerungen einer Reise nach England") begann auch sie zu reisen, nach Italien und Deutschland, und darüber zu schreiben. Ihr Buch "Corinne und Italien" wurde prompt ein Bestseller - in Deutschland, wohin sie nicht ganz freiwillig reiste, denn in Europa war wieder einmal Krieg ausgebrochen; und der Kaiser der Franzosen hatte sie verbannt. (Die Historiker fragen sich bis heute, warum; und sie haben darauf nicht etwa zu viele Anworten, sondern gar keine gefunden. Dikigoros glaubt, eine gefunden zu haben, die ziemlich banal ist: Germaine Necker de Staël-Holstein, unglücklich verheiratete Gattin eines schwedischen Diplomaten, millionenschwere Tochter eines Schweizer Bankiers, der sowohl unter dem Ancien Regime Ludwigs XVI als auch unter der republikanischen Revolutions-Regierung Finanzminister von Frankreich gewesen war, hatte die Wendehalsigkeit ihres Vaters geerbt und nicht nur mit ihm, sondern mit so ziemlich jedem ein Verhältnis, der in Europa Rang und Namen hatte, einschließlich des Kaiser-Bruders Joseph. Nur mit dem Kaiser hatte sie keine; und das nahm er - der ja nicht gerade ein Kostverächter war, wenn es um Frauen ging - ihr wohl übel.) 1810 schrieb sie ein Buch, das man wahrscheinlich als "Pionierschrift des Kulturdeterminismus" bezeichnet hätte, wenn es diesen Ausdruck damals schon gegeben hätte: "De l'Allemagne [Von Deutschland]". Darin versuchte sie nachzuweisen, daß, obwohl die Deutschen den Krieg verloren hatten, obwohl ihr Reich aufgelöst und geteilt worden war - in den Rheinbund, Preußen, das Großherzogtum Warschau und Österreich -, man ihnen darob nicht allzu böse sein könne. (Jawohl, das bedurfte der eingehenden Beweisführung, denn einen Krieg verloren zu haben, begann damals schon als Verbrechen zu gelten, jedenfalls wenn es sich um Deutsche handelte - hatten sich diese reaktionären Dickköpfe [auf Französisch "caboches" - daraus wurde bald das verkürzte Schimpfwort "boches"] nicht der Befreiung durch die fortschrittlichen, demokratischen Franzosen widersetzt?) Denn sie waren ja durch Landschaft, Klima usw. geprägt und zu dem geworden, was sie eigentlich waren: das Volk der Dichter und Denker (eine Formulierung, die übrigens nicht von Madame de Staël stammte, die sie vielmehr von Jean Paul Richter übernommen hatte). Dreimal dürft ihr raten, liebe Leser, was Napoléon Bonaparte (wie sich der Korse Napoleone Buonaparte in Frankreich nannte, um zu demonstrieren, daß er ein 150%iger war) mit jenem Buch anstellte: Richtig, er ließ die komplette 1. Auflage einstampfen und die Autorin zur Fahndung ausschreiben. Sie floh über Deutschland, Rußland und Schweden nach England, wobei sie schließlich die Koalition zustande brachte, die Napoleon besiegen sollte. Vier Jahre nach der Entstehung kam die 2. Auflage von "De l'Allemagne" heraus - und wurde ein Bestseller.
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Sie war das, was man eine "Spätzünderin" nennt: Erst vom erfolgreichen Vorbild ihrer um fast eine Generation jüngeren Doktor-Schwester Margaret Mead's ließ sie sich animieren, auch ihre eigenen Reiseberichte zu "wissenschaftlichen Arbeiten" hoch zu stilisieren. Mit 27 Jahren, angeregt durch Bücher, die sie als Angestellte der städtischen Bibliothek in Buffalo las, unternahm sie ihre erste Reise nach Europa, von wo sie nicht ganz freiwillig zurück kehrte, denn dort war wieder einmal Krieg ausgebrochen. Mit 32 Jahren begann Ruth Fulton Benedict, unglücklich verheiratete Gattin eines Pharmazie-Professors (deren Vater kein Millionär war, so daß sie sich keine Seitensprünge leisten konnte - vielleicht machte sie sich aber auch gar nichts daraus :-) ein Studium der Ethnologie. Zunächst beschränkte sie sich - wie es für eine Amerikanerin nahe lag - auf Reisen zu und Feldforschungen bei den eigenen Ureinwohnern: den Serrano, Zuñi und Cochiti in Kalifornien ("Erzählungen der Cochiti-Indianer", 1931, "Mythologie der Zuñi", 1935), den Mescalero-Apachen in Arizona und den Blackfoot. Aus den dort gemachten Beobachtungen (und vor allem aus den dort gehörten Märchen und Erzählungen) glaubte sie verallgemeinernd universelle "Kultur-Muster" ableiten zu können - ihr so betiteltes Buch wurde 1934 prompt ein Bestseller in den USA. Was war an ihren Thesen eigentlich so besonders oder neu? Nichts, wenn man sie auf die Beobachtung reduzieren will, daß ein menschliches Individuum eben bis zu einem gewissen Grad auch von seiner Umwelt geprägt wird, und daß diese eben nicht nur aus Landschaft und Klima besteht, sondern auch aus dem, was die anderen Menschen im Umwelt daraus damacht haben, kurz die "Kultur". Aber Benedict ging noch viel weiter: Sie behauptete, daß das Verhalten der einzelnen Menschen durch diese kulturelle Umwelt unweigerlich vorher bestimmt, "determiniert" werde. Heute, im Zeitalter der Gentechnik und der "Psycho-Biologie" glauben wir zu wissen, daß das nicht einmal die halbe Wahrheit, sondern gänzlich Unfug ist, daß vielmehr der alte Bismarck (ausnahmsweise einmal :-) richtig lag, als er sagte, daß ein Pferd, das in einem Schweinestall geboren sei, dennoch ein Pferde bleibe, weil das Verhalten eines Menschen weitestgehend nicht durch seine Umwelt, sondern durch seine Erbanlagen vorher bestimmt wird. Aber damals war das mit dem "Kulturdeterminismus" eine reizvolle These, die vor allem in den USA gut ankam, deren Bevölkerung ja mangels gemeinsamer genetischer Wurzeln darauf angewiesen war, durch "kulturelle" Einflüsse zu einer Nation zu werden und gerne an deren Wunderwirkung glauben wollte. Ganz so neu war das freilich auch nicht; denn schon der deutsche Filosof Friedrich Nietzsche hatte in einem zunächst wenig beachteten (oder allenfalls belächelten) Buch mit dem Titel "Die Geburt der Tragödie" versucht, unterschiedliche Kulturmuster zu determinieren, und Benedict borgte sich sogar seine beiden Grundmuster aus: das "apollinische" und das "dionysische" - denen sie noch ein drittes, das "bösartige" hinzufügte (das sie den Kannibalen der Südsee verlieh). So weit, so gut - einige Anthropologen und Ethnologen glaubten und folgten ihr, andere nicht; aber vorerst blieb das eine (bestenfalls populär-)wissenschaftliche Auseinandersetzung unter Fachidioten, pardon Spezialisten ohne große praktische, geschweige denn weltbewegende Auswirkungen.
Weltweit bekannt wurde Ruth Benedict erst, nachdem sie 1945 im Gefolge der amerikanischen Besatzungstruppen kurz nach Okinawa gereist war. Sie hatte während des Krieges für das amerikanische Kriegs-Propaganda-Ministerium (jawohl, das gab es, und es arbeitete sehr erfolgreich!) gearbeitet und sollte nun bei der Re-education der japanischen "Eingeborenen" helfen. Dabei gelang Ruth Benedict nach kurzen, oberflächlichen, von vielen Vorurteilen und Mißverständnissen geprägten "Feldforschungen" an Japanern in den USA (meist Kriegsgefangenen, aber auch internierten "Nisei") und der Auswertung erbeuteter japanischer Propagandafilme (in Japan selbst ist sie nie gewesen) ein Welt-Bestseller, für den sie drei Jahre später zur Professorin ernannt wurde, der in den USA bis heute nachgedruckt wird, und der bis vor kurzem ebenso Pflichtlektüre für Studenten der Japanologie war wie Margaret Mead's "Erwachsen werden in Samoa" für Studenten der Ethnologie: "Die Chrysantheme und das Schwert. Japanische Kultur-Muster."
![[Book]](benedictbooknew.jpg)
Exkurs. Wie unterschiedlich man dieses Bild interpretieren kann, seht Ihr an den beiden Bucheinbänden, die Dikigoros Euch oben abgebildet hat: In der Originalauflage durchsticht das Schwert die Blume - in der Neuauflage ein halbes Jahrhundert später wächst die Blume aus dem Schwert empor. Welches dieser Bilder ist richtig? Das kommt darauf an, wie man sie auslegt: Braucht man ein scharfes Schwert, um sich gegen seine Feinde zu verteidigen, bevor man daran denken darf, Blumen und andere "nutzlose" Kulturwerte zu schaffen? Dikigoros würde diese Frage allemal bejahen. Viel schwieriger aber ist die Frage, ob das Schwert dann notwendigerweise die Blume zerstören muß - und das erscheint Dikigoros nicht zwingend, wenngleich er die Gefahr durchaus sieht. Verbindet der Japaner mit Kiku, der Chrysantheme, denn ähnlich kriegerische Hintergedanken, wie Dikigoros sie in "Welchen Frieden bringt das Meer?" für Sakura, den Kirschblütenbaum, beschrieben hat? Nein, eigentlich nicht. Aber das Gewächs, welches die alten Griechen "Goldblume" nannten und welches die alten Chinesen zu den "vier Tugendhaften" zählten (neben der Pflaume, der Orchidee und dem Bambus), stand Modell, als die Japaner anno 1877 ihren höchsten Orden stifteten, der an eine stylisierte Chrysantheme erinnert. (Obwohl er gar nicht so genannt wurde, sondern vielmehr "Kikkashō", Blumenorden - geschrieben mit dem Zeichen für Hana, Blume, wobei freilich manche Japaner die Chrysantheme für die Blume schlechthin halten und sie "Kikka" nennen.) Und der wurde halt auch für kriegerische Verdienste verliehen. Exkurs Ende.
![[japanische Kriegsflagge]](japankriegsflagge.gif)
Da waren sie also, die Japaner, die Ikebana, das kunstvolle Blumengesteck, ebenso kultivierten wie Seppuko, den ritualisierten Selbstmord - den manche Ausländer auch "Harakiri" nennen, weil er mit den Zeichen für Bauch (hara) und [auf-]schneiden (kiri) geschrieben wird, und sie nicht wissen, daß zusammen gesetzte Wörter im Japanischen oft "chinesisch" gelesen werden. Nun war also wieder die Frage zu beantworten: Gibt es einen "Kultur-Determinismus" oder nicht? Konkret: Waren die Japaner von Natur aus so "böse" und "kriegslüstern", daß es zum 2. Weltkrieg kommen mußte? Dann wäre der Versuch einer Re-education sinnlos und man hätte sie - wie es Roosevelt und Morgenthau ja auch mit den Deutschen vor hatten - allesamt töten oder zumindest kastrieren müssen. Oder brauchte man nur die Kultur zu ändern, um aus allen ihren Angehörigen gute, d.h. den USA freundlich gesonnene, Demokraten zu machen? Würden die Japaner zu Blumenkindern werden, wenn man ihnen nur das Schwert wegnähme? Dann konnte man das besetzte Nippon getrost mit milder Hand regieren. Letzteres versuchte Ruth Benedict zu beweisen, und so unhaltbar die zu Grunde liegende These auch gewesen sein mag: für die Betroffenen sind "wissenschaftliche" Irrtümer manchmal ein Segen - so auch hier für die Japaner. Nur vier Jahre zuvor hatte es noch ganz anders ausgesehen: Roosevelt - der in puncto Rassismus seinem Gegenspieler Hitler kaum nachstand - hatte auf Anraten des Generals DeWitt (der für die Japaner hätte werden wollen, was Morgenthau für die Deutschen werden wollte, nämlich ihr Ausrotter) die Exekutions-Order 9066" unterzeichnet, aufgrund derer alle japanisch-stämmigen Personen in den USA (die bis 1952 keine US-Bürger werden konnten; das konnten nur Weiße und - seit 1870 - Afrikaner; sie konnten auch kein Eigentum an Immobilien erwerben; und seit dem Exclusion Act von 1924 durften überhaupt keine Japaner mehr in die USA einwandern) in Konzentrationslager verschleppt wurden. (Erst ein halbes Jahrhundert später wurden die wenigen Überlebenden mit ein paar Groschen pro Tag "entschädigt", was freilich in dem Medien-Rummel, der gleichzeitig um wiederholte deutsche Abfindungs-Zahlungen an angebliche Nachkommen angeblicher KZ-Insassen und deren Lobbyisten-Verbände in Milliarden-Höhe herrschte, ziemlich unterging.) In der offiziellen Begründung finden sich Sätze wie: "Die japanische Rasse ist eine feindliche Rasse. Eine Viper bleibt eine Viper, egal wo das Ei ausgebrütet wird. Also wird auch jemand, der von japanischen Eltern geboren wird, zum Japaner heran wachsen. Wir müssen uns vor dem Japaner sorgen alle Zeit, bis er ausgelöscht ist." (Roosevelt hatte diese Order schon seit seiner Machtergreifung 1933 im Schreibtisch; aber er hatte bis 1941 nie einen Vorwand gefunden, sie heraus zu ziehen.)
Benedict's Testamentsvollstreckerin Margaret Mead hielt bis zu ihrem eigenen Tode - 1978 - eisern die Hand auf dem "wissenschaftlichen" und literarischen Vermächtnis ihrer Freundin und gab nur einige wenige aus dem Nachlaß zusammen gestellte Werke heraus. 1984 schrieb ihre Hagiografin Judith Modell eine Biografie, die sie folgerichtig "Ruth Benedict. Lebens-Muster" nannte. 1989 wurden "Kultur-Muster" und "Chrysantheme und Schwert" neu aufgelegt. 1995 raffte sich dann eine Japanerin, Nanako Fukui, auf, den Mythos ins rechte Licht zu rücken: "Von japanischen Verhaltsmustern bis zur Chrysantheme und zum Schwert" nannte sie ihre Analyse und warf all die schönen "Kultur-Muster" als "Muster ohne Wert" auf den Möllhaufen der Wissenschafts-Geschichte. Warum auch nicht? Roosevelt und DeWitt (und Hitler und Morgenthau) waren tot; und keine Besatzungsmacht konnte die Japaner mehr ausrotten, wenn sie Ruth Benedict widersprachen. Vielleicht ist es kein Zufall, daß die seit 1989 immer wieder (zuletzt für das Jahr 2001) angekündete deutsche Übersetzung bis heute nicht erschienen ist. Ruth Benedict sollte eigentlich auch eine ähnliche Untersuchung über das besetzte Deutschland anfertigen; aber gesundheitliche Gründe ließen hinderten sie daran. Vielleicht wäre sonst die Behandlung Deutschlands weniger grausam verlaufen als sie unter dem mörderischen Besatzungs-Regime des deutsch-stämmigen Verbrechers D. David Eisenhower verlief, und wir besäßen heute ein Buch mit dem Titel "Das Sauerkraut und die dicke Bertha"?
![[und die dicke Berta]](dickeberta2.jpg)
[Nachtrag 2005: Mit 60 Jahren Verspätung hat die Deutsch-Amerikanerin Dagmar Herzog eben diesen Versuch unternommen - allerdings nicht mit dem von Dikigoros vorgeschlagenen Titel, sondern unter "Die Politisierung der Lust. Sexualität in der Geschichte des 20. Jahrhunderts". Dieser Titel ist irreführend und hinterhältig zugleich, denn man ahnt erstmal gar nicht, worum es da geht, und wenn man sich dann den Inhalt anschaut merkt man, daß da in weiten Zügen genau das betrieben wird, was Ruth Benedict in Bezug auf Japan hat, nämlich eine indirekte Rehabilitierung der "Nazi-Deutschen" jedenfalls insoweit, als die albernen, in der BRD Jahrzehnte lang gepflegten Klischees von den sexuell verklemmten Perverslingen, die ihre unterdrückten Triebe in sadistischen Antisemitismus umsetzten und ähnlicher Schwachsinn à la Theweleit & Co. ins Reich der 68er Märchen verwiesen werden, wo sie hin gehören. Das Buch hat denn auch in Deutschland - wo es nur mit Mühe einen Verleger gefunden hat - betretenes Schweigen ausgelöst; es ist eben in Deutschland nicht opportun, solch lieb gewonnene Mythen und Legenden zu zerstören.]
Damit wäre also alles in schönster Ordnung, nicht wahr? Ruth Benedict ist ebenso widerlegt wie Margaret Mead, und die Frage, ob das menschliche Verhalten hauptsächlich durch Erb- oder Umweltfaktoren determiniert, pardon bestimmt wird, ist entschieden. Wirklich? Darf Dikigoros dennoch den advocatus diaboli spielen und darauf hinweisen, daß zwischen diesen beiden Faktoren gar kein Widerspruch bestehen muß? Den vermeintlich "grundlegenden Unterschied zwischen Rasse und Kultur, Wirkungen rein genetischer Beziehungen und denen der sozialen Einflüsse des Milieus" hatte doch erst Franz Boas konstruiert, der Doktorvater jener beiden Damen (und des Brasilianers Gilberto Freyre - aber das ist eine andere Geschichte), und nach ihm eine ganze Reihe von Leuten, die krampfhaft in Prozenten rechneten, weiter ausgesponnen: Soundsoviel macht der Anteil unserer Erbmasse aus, soundsoviel der unserer "kulturellen" Erziehung - sonst wären all die schönen Bildungseinrichtungen, auf die wir so viel Zeit und Geld verwenden und auf die wir so stolz sind (meist zu Unrecht - aber das ist eine andere Geschichte :-) doch für die Katz, oder? Ja, das sind sie wohl, was die Grundmuster unserer Verhaltensweisen anbelangt, und auch die Ausrede des im Elternhaus anerzogenen Verhaltens hilft nichts, seit wir wissen, daß gerade dieses quasi automatisch kopierte Grundverhalten angeboren, nicht erlernt ist. Damit kann man in der Tat die These der Kulturdeterministen, daß unser Verhalten ganz überwiegend anerzogen, nicht angeboren sei, vergessen. Aber wer nur so weit denkt, denkt zu kurz und hat die wichtigsten Forschungsergebnisse der Psycho-Biologen nicht richtig verstanden - was kein Wunder ist, denn zum einen passen sie unseren herrschenden Gutmenschen gar nicht in den Kram und dürfen daher von Staats wegen nicht breit getreten werden; zum anderen versuchen die Neo-Darwinisten und Neo-Spenceristen sie als Beleg für die Richtigkeit ihrer Thesen auszuschlachten und stellen sie entsprechend einseitig dar, auch heute noch, drei Jahrzehnte nachdem die bahnbrechenden Erkenntnisse der Psycho-Biologen zum ersten Mal veröffentlicht wurden.
Die Psycho-Biologie hat viel mehr heraus gefunden als bisher in das allgemeine Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungen ist, so viel, daß die scheinbaren Antagonismen in der Verhaltensforschung sich in Wohlgefallen auflösen, ja sogar zur Deckung gebracht werden können - und so gesehen könnte Ruth Benedict im Ergebnis doch noch Recht behalten, wenn auch aus ganz anderen Gründen, die sie selber überrascht hätten. Wenn nämlich unser Verhalten genetisch vorprogrammiert ist (das ist nicht ganz das gleiche wie "determiniert", denn letzteres gibt den Handlungsstrang bis zum Ende vor, während ein Programmierung anfangs eine Reihe von mehreren Möglichkeiten zur Verfügung stellt, die dann je nach äußeren Umständen und Anpassungen unterschiedlich zuende gespielt werden können - etwa wie bei einem Schachcomputer, der ja auch auf das reagieren muß, was die Umwelt, d.h. sein Gegenspieler, an Zügen auf ihn einwirken läßt), dann sind wir darauf programmiert, uns wie unsere Eltern, Geschwister und andere mutmaßlich erste Bezugspersonen zu verhalten, weil wir mit ihnen verwandt sind, es also wahrscheinlich ist, daß ihre Handlungsmuster auch für unseren Gensatz eine brauchbare Verhaltensweise darstellen. Bis zu einem gewissen Grad sind Fehlprägungen dabei unschädlich: Wenn z.B. Dikigoros' Kater Gutfriß sich oftmals wie ein Mensch verhält, so wird ihm das nicht weiter schaden, solange er unter Menschen lebt - aber nachts, wenn er wieder in seinen ihm angestammten Lebenskreis zurück kehrt, muß er sich schon wie ein Katzentier verhalten. Auch Bismarcks Pferd im Schweinestall wird es nicht weiter schaden, aus dem Schweinetrog zu fressen - vorausgesetzt allerdings, es ist Hafer drin und kein Schweinefutter. Selbst die berühmten Gänseküken von Konrad Lorenz können ihrem menschlichen Ersatzvater solange ohne Schaden folgen, wie er sie füttert und vor Schaden bewahrt. Ob das Pferd und die Gänschen allerdings jemals lernen werden, sich als Erwachsene "richtig", d.h. artgerecht zu verhalten? Die Ergebnisse mit paarungsunwilligen, da unter menschlichen Bezugspersonen aufgewachsenen und auf sie geprägten Zoo-Tieren geben da zu erheblichen Zweifeln Anlaß. (Weshalb es ein Verbrechen ist, wenn Mütter ihre Kleinkinder irgendjemand anderem zur Erziehung überlassen - womöglich gar einer staatlichen Kindergärtnerin, weil sie selber, Tante oder Oma keine "Lust" mehr dazu haben -, aber das nur nebenbei.) Und damit kommen wir zum springenden Punkt: Solange ein Lebewesen - also auch und vor allem der wegen seiner Neotenie in besonderem Maße auf bewußtes Erlernen und/oder unbewußtes Kopieren von Verhaltensmustern angewiesene Mensch - unter seines gleichen aufwächst, d.h. unter Trägern des weitgehend gleichen Erbguts, solange wird sein Verhalten in zweierlei Weise (die Natur verfährt, wie wir überall feststellen können, nach dem Motto: "doppelt genäht hält besser") genetisch bestimmt: zum einen direkt durch Vererbung, zum anderen indirekt durch Nachahmung der zum Vorbild genommenen angeborenen Verhaltensweisen der Verwandten. Mit anderen Worten: Wo eine besonders hohe Homogenität des Genpools vorhanden ist, bleibt es sich im Ergebnis ziemlich gleich, woher wir das Verhalten eines Menschen oder eines Volkes ableiten: aus vererbten Genen oder aus überlieferter "Kultur". Und welches war - und ist - das Volk mit der höchsten genetischen Homogenität auf der Welt - eigentlich das einzige, bei dem man davon überhaupt noch sprechen kann? Richtig: das japanische!
Heute ist es nicht mehr politisch korrekt, von "Reinrassigkeit" zu sprechen, da sich die ganze übrige Menschheit zunehmend bastardisiert - mit verheerenden Resultaten, wenn man sich die entwurzelten ("Rasse" bedeutet wörtlich "Wurzel"), aus allen möglichen und unmöglichen Genpools zusammen gematschten Individuen anschaut, die dabei entstehen und weder durch Vorbild noch durch Erziehung noch durch sonst irgendwelche "kulturellen" Einflüsse sozialisiert werden können. Es ist sogar gefährlich geworden, diesen Gedanken zuende zu denken, deshalb will Dikigoros ihn an dieser Stelle nicht weiter verfolgen. Er vertraut darauf, daß diejenigen seiner Leser, die genügend Grips hatten, um ihm bis zu diesem Punkt zu folgen, das auch ohne ihn hinbekommen werden.
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Nachtrag. Kürzlich hat Hilary Lapsley ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Margaret Mead and Ruth Benedict", das wohl weitgehend unbeachtet geblieben wäre, hätte sie darin nicht die These aufgestellt, daß das Verhältnis zwischen den beiden Genannten weit mehr als Freundschaft unter Kolleginnen gewesen sei. Erst als das Buch mit dem "Judy-Grahn-Preis für lesbische Schriften" ausgezeichnet wurde, begann es in Fachkreisen einige Wellen zu schlagen - wiewohl es ja heute kaum noch ehrenrührig ist, lesbisch zu sein. Ob es stimmt, was Lapsley behauptet? Dikigoros kann es nicht mehr nachprüfen; er wollte seinen Lesern diese These dennoch nicht vorenthalten.
![[Chrysantheme - Tuschezeichnung]](chrysantheme.jpg)
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