LENI RIEFENSTAHL, 1902 geboren, gehört zu den umstrittensten Künstlern
des 20. Jahrhunderts. Ihre Propagandafilme unter den Nazis führten
zu einer moralischen Schuldbezichtigung, der sich die Filmemacherin
selber jederzeit vehement entzog. Eine Debatte, die sich bis heute
erstreckt, während die Riefenstahl in den USA als bahnbrechende
Künstlerin verehrt wird. In der kommenden Woche begeht die
Regisseurin, die als Schauspielerin begann, ihren 100. Geburtstag.
Geniale Filmschaffende oder Inbegriff der durch Macht verführten
Künstlerin? Diese Frage stellt auch die erste umfassende Biografie
der Riefenstahl von Jürgen Trimborn, die im Aufbau-Verlag Berlin
vorgelegt und die im folgenden Beitrag kommentiert
wird.
Müssen wir das feiern, wenn Leni Riefenstahl
am 22. August hundert Jahre alt wird? Die Süddeutsche Zeitung
schrieb schon vorab: auf keinen Fall! Sie stellte ihren Text unter
die Überschrift »Die Schmierfilmerin«. Das ist die moralische
Lesart. Sie besitzt ihr Recht. Bloß weil jemand sehr alt wird,
müssen wir nicht alle Kritik beiseite lassen. Über das moralische
Versagen wird noch zu reden sein.
Also nicht feiern, aber zum
Anlass nehmen, über die – allgegenwärtige – »Macht der Bilder«
nachzudenken. Denn künstlerisch stimmt »Schmierfilmerin« eben nicht,
auch nicht im Propagandafilm »Triumph des Willens« von 1935. Die
Sache war schmierig, die Bilder aber glänzten klar und rein. In
dieser Schizophrenie liegt ja gerade das Verhängnis. Eine kleine
miese Sache wird uns als groß und schillernd gezeigt. Das ist die
Logik des Medienzeitalters. Die Bilder sind eine eigene Realität
geworden. Ohne jene Distanz zuzulassen, in der Rationalität erst
möglich wird. Ein mythisches Bewusstsein. Es nimmt gefangen, macht
unfrei. Die Herrschaft der Manipulation. Wir sollen Bild- Gläubige
sein.
Leni Riefenstahl folgt der Logik des Mediums, sucht ihre
stärkste Wirkung: die Suggestivität. Denkt man diese mythische Logik
zu Ende, gibt es keine Einzelnen mehr, nur Massenpartikel, keine
Menschen, nur Heroen hier und ornamentale Masse da, die ihrem Führer
zujubelt.
Kitsch ist nicht harmlos, denn er
bebildert kleinbürgerliche Seelenroheit
Das ist
faschistische Ästhetik, die nicht anti-modern, sondern (wie wir an
den Folgen sehen) sehr modern, sogar avantgardistisch sein kann. In
Italien war Marinetti der erste Avantgardist, der im Futurismus die
Verbindung von Technik und Masse feierte, der Gedichte über
Rennautos schrieb und vom neuen Herrenmenschen (dem Bezwinger der
Technik) träumte. Und auch Riefenstahls Filme sind totale
Mobilmachungen von Filmtechnik – äußerer Fortschritt mit
barbarischem Kern. Liest man die fast tausendseitigen Memoiren Leni
Riefenstahls, so muss man wohl sagen, dass sie viel zu unintelligent
ist zu erkennen, was sie eigentlich getan hat. Wer nur schöne Bilder
zeigt, nur die geschlossene Form zulässt, der wandelt am Rande des
Kitsches. Und Kitsch ist nicht harmlos, weil er kleinbürgerliche
Seelenroheit bebildert.
Riefenstahls herzige Art, ihr Leben zu
erzählen, kontrastiert das Pathos der Bilder. Keine Ecken und Kanten
sind hier zugelassen. Kein Raum für Fragen. Die Antwort auf alle
Fragen, sie kommt wie in der Eingangssequenz von »Triumph des
Willens« erlösergleich aus den Wolken herab auf das Nürnberger
Parteitagsgelände der NSDAP, von unten schallt ein »Heil! Heil!«
herauf. Die Riefenstahl filmt die Ankunft eines Gottes auf Erden.
Nein, sie inszeniert, reißt den chronologischen Ablauf auseinander,
komponiert die Bilder neu, gibt ihnen einen Rhythmus, eine
Spielfilm-Dramatik. Eine neue Technik des Dokumentarfilms,
bahnbrechend. Damals war die Medienskepsis gering, der
Überrumpelungseffekt enorm.
Die Riefenstahl bedient das
Bedürfnis nach gefangen nehmender Schönheit, nach dem filmischen
Dabei-Sein. Ihre Effekte sind immer die gröbsten, die
massenwirksamsten. Sie ist eine berechnende Technokratin mit
sentimentalem Gemüt. Und damit sehr aktuell. Wäre sie sechzig Jahre
jünger, sie hätte eine gloriose Hollywoodkarriere vor sich, und
nicht George Lukas, sondern Leni Riefenstahl drehte den »Krieg der
Sterne«.
Sind ihre Filme – ästhetisch gesehen – also Dokumente
eines schlechten Geschmacks, der Schritt vom röhrenden Hirsch überm
Sofa zum gottgleichen Führer, der aus den Wolken zu uns
herabgestiegen ist? Einerseits ja. Im Grunde treffen sich Hitler und
Riefenstahl in dem, was sie für Kunst halten: im monumentalen
Pseudo-Klassizismus. Andererseits erwächst aus dieser Ästhetik eine
bestimmte – auch produktive – Form der Pop-Kultur, die von Idolen
(Bilderverehrung!) lebt. Helmut Newtons Bilder: undenkbar ohne
Riefenstahl-Ästhetik. Körperkult ist Teil unserer Alltagskultur
geworden. Aber jedes Bild produziert auch seine eigenen Antikörper,
zieht nicht nur an, sondern stößt auch ab. Schafft im glücklichsten
Falle Symbole, die einen Wahrheitsgehalt besitzen, der sich dem nur
Diskursiven verschließt. Siehe Jean Cocteaus surrealer
Mythen-Avantgardismus.
Cocteau nannte die Riefenstahl ein »Genie
des Films«. An ungewöhnlichen Verteidigern hat es ihr ohnehin nie
gefehlt. Alice Schwarzer sieht in ihr eine von Männern verfolgte
Unschuld. Das mit der Unschuld ist sicherlich stark übertrieben,
aber dass gerade eine Frau in der Nachkriegsrestauration West mit
Speer, Globke, Filbinger (sogar »Jud Süß«-Regisseur Veit Harlan
arbeitete wieder!) unter Berufsverbot stand und bis heute den ewigen
Sündenbock geben muss, ist schon merkwürdig. Mick Jagger von den
Rolling Stones jedenfalls wollte nur von ihr fotografiert werden –
er wird schon wissen, warum. Denn, wer der Riefenstahl ins Bild
gerät, der sieht hinterher immer schön und mächtig aus. Alles eine
Frage von Kamerastandpunkt, Objektiv und Licht.
Geboren wird
Helene Riefenstahl 1902 in Berlin. Sie ist eine erfolgreiche
Ausdruckstänzerin, bis sie sich am Knie verletzt. Ihren Ehrgeiz
stoppt das nicht. Sie versucht sich als Schauspielerin in fünf
Bergfilmen, zeigt sich kaltblütig, ist erfolgreich. Sie beginnt,
selbst Regie zu führen. »Das blaue Licht« (1932) wird Hitler sehen
und das »Fräulein Riefenstahl« nach seinem Geschmack finden.
Die Riefenstahl als ewiger Sündenbock für alle
Deutschen?
Ist sie uns näher, als uns lieb ist?
Das Fräulein mit dem eisernen Willen hat keine
Schwierigkeiten, »Mein Führer« zu sagen. Ihr erstes Auftragswerk für
die Nazis heißt »Triumph des Glaubens« und zeigt ein überaus
realistisches Bild von »der Bewegung«. Parteitagschaos mit
rivalisierenden Gruppierungen. Neben – oder vor Hitler – steht immer
Röhm, Chef der SA. Nichts klappt, es sieht, wie Lutz Kinkel in
seinem Buch »Die Scheinwerferin« schreibt, »eher komisch als
feierlich« aus. Zwei Führer, das ist wie aus einer Kabarettnummer.
Hitler legt einen Blumenstrauß, den er von einem kleinen Mädchen
gereicht bekommt, achtlos neben sich ab: seinem Stellvertreter Heß
in den Schoß. Ernst Röhm ist zu sehen, wie er sich die Hose über dem
prallen Bauch öffnet, und Baldur von Schirach schiebt beim
Vorbeigehen mit dem Hintern Hitlers Mütze vom Tisch. Leni
Riefenstahl leidet unter so viel unvollkommener Realität. Ihr
nächster Film wird ganz anders, verspricht sie Hitler. Dafür aber
muss sich der ganze Parteitag nach ihrem Drehbuch richten. Vor
allem: nur noch e i n Führer.
Hitler hatte begriffen – das
Fräulein Riefenstahl ist fähig und willens, einen Film ganz aus
seiner gottgleich erhöhten Person zu bauen. Das Parteitagsgelände
wird zum Filmstudio. Um Hitlers Rednerpult werden Schienen verlegt,
und eine Kamera fährt immer im Kreis um ihn herum. Das sieht in der
Realität lächerlich aus, aber das Kamera-Auge macht Hitler nun zum
alleinigen Mittelpunkt, um den alles kreist. Die gläubige Masse wird
als in mathematische Formen aufgelöstes Instrument des
Führer-Willens inszeniert. Ein Götzen-Dienst.
Aber wer wollte
übersehen, dass nach dem Ende des Naziregimes diese Bild-Macht immer
weiter gewachsen, ja dass sie geradezu explodiert ist? Jürgen
Trimborn will in seiner Riefenstahl-Biografie »Eine deutsche
Karriere« diese Macht der Bilder, die den »Führer« erst schufen,
abgeschwächt sehen. Der »Führerkult« sei 1935 längst etabliert
gewesen. »Auch wenn ihre Filme mit Sicherheit nicht ohne Wirkung
blieben und dazu beitrugen, das Volk auf Hitler einzuschwören, kam
ihnen für die Anfangsphase der Diktatur nicht die zentrale,
einzigartige Bedeutung zu, die ihnen im Rückblick wiederholt
zugeschrieben wird.«
Riefenstahls propagandistischen Wert für
die Nazis abzuschwächen, bedeutet paradoxerweise zugleich, filmische
Qualität zu schmälern. Denn nur wegen dieser wurde sie ja gebraucht.
Sie, die nie Mitglied der NSDAP war, die direkte Rassen- oder
Kriegshetze in »Stürmer«-Manier wohl nicht mitgemacht hätte, sondern
die immer nur Größe verherrlichen wollte, schöne Bilder suchte, die
faszinieren. Deswegen wurde sie ein so erfolgreiches Aushängeschild
der Nazis, auch bei der unpolitischen Masse, auch im Ausland, wo sie
mit Preisen überhäuft wurde. Ihr zweiteiliger Olympiafilm »Fest der
Völker« und »Fest der Schönheit« gilt als Geburt der modernen
Sportreportage – auf pseudoantike Folien projiziert.
Nimmermüde
Künstlerin – oder einfach nur Hitlers willige Helferin? Beides. Eine
passionierte Filmemacherin, die für ihren Erfolg einfach alles tat,
auch sich mit dem Teufel einlassen. Eine sehr deutsche Eigenschaft.
Aber an deren folgenreichen Bedeutungsmetamorphosen wir bis heute
wir nicht vorbeikommen. Der Künstler und die Macht. Ein ewiges
Thema. Erliegt er der Versuchung, zum Propagandisten der Macht zu
werden, wenn diese ihn nicht nur leben, sondern sogar hoch-leben
lässt? Leni Riefenstahl ist zum Symbol des moralischen Versagens
eines Künstlers in Zeiten der Diktatur geworden. Nicht irgendeiner
Diktatur, sondern jener, die sich Rassenhass und Welteroberungskrieg
ins Programm geschrieben hat: Hitlers NSDAP, die Politik gewordene
Barbarei im 20. Jahrhundert. Andere gehen in die Emigration, Leni
Riefenstahl, persönliche Freundin Hitlers, macht bei den Nazis
Karriere. Erst in ihrer Bildinszenierung verwandelt sich der
armselige Adolf in den großen Führer.
Aber, so fragt Biograf
Jürgen Trimborn, ist das nicht zu einfach – die Riefenstahl als
ewiger Sündenbock für alle anderen Deutschen? Ist sie uns vielleicht
näher, als uns lieb ist? Denkverbote produzieren Mythen. Trimborn
will keinen Riefenstahl-Mythos. Er differenziert, legt Wert auf
Details und Nuancen, die aller Biografie erst Kontur geben. Sein
Fazit: »Sie war eine große Künstlerin und eine willfährige
Propagandistin des NS-Regimes.« Den Widerspruch gilt es auszuhalten.
Trimborn sieht die Riefenstahl als eine Karrieristin, die sich
von der verbrecherischen Macht verführen lässt – und mit ihren
Filmen selbst zur Verführerin wird. Ein Einzelfall? Kaum. Wichtig
ist heute, was, über persönliche Schuld hinausgehend, von der
Riefenstahl bleibt. Die Macht der Bilder – und die Ohnmacht des
Zuschauers als Konsument. Bilder manipulieren, sie täuschen Größe
und Perfektion vor. Jede Werbeagentur produziert heute massenhaft
Riefenstahl-Nachahmungen. Was hilft gegen diese neuen – faustgroben
bis subtilen – Verführungen? Sehr viel Skepsis.
Es wäre wohl
ungerecht, die Riefenstahl auf den »Triumph des Willens« reduzieren
zu wollen. Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten einiges gebüßt,
aber wenig eingesehen. Sie hat gegen Kriegsende »Tiefland« gedreht
und darin selbst eine Zigeunerin gespielt. Aber die anderen, die
echten Zigeuner, sie kamen hinterher ins KZ, und viele wurden
ermordet. Sie will davon nichts gewusst haben und sagt heute, sie
halte das Schicksal dieser Menschen für schlimm.
Sie
ist immer noch auf Suche nach heiler Welt.
Was sie nicht findet,
das inszeniert sie
Schlimm findet sie ebenso, dass
»Tiefland«, als es 1954 doch noch in bundesdeutsche Kinos kam, ein
Misserfolg wurde. Der Krieg und die immer brutalere Judenverfolgung
haben Leni Riefenstahl unerwartet tief getroffen. Es gibt Bilder von
1939, als sie beim Überfall auf Polen mit der Kamera dabei war und
selbst fotografiert wurde: ein fassungsloses, schreckensverzerrtes
Gesicht. Nein, dieser Krieg war nicht schön, kein Fest, sie sah
Massaker an Zivilisten. Auch wenn sie es nicht zugibt, wir wissen
beim Betrachten dieser Fotos: hier fällt sie das Entsetzen an. Nicht
nur über ihren »Freund« Hitler – auch über sich selbst?
Nun also
hat ihr letzter Film Premiere. Sich selbst zu seinem hundersten
Geburtstag mit einem Film zu beschenken, dazu gehört Kraft, Trotz
und Hingabe – Respekt! Sie hat mit ihren Fotos der Nuba im Sudan die
Frage nach Körperkult und faschistischer Ästhetik ebenso konsequent
provoziert wie mit ihrer schwelgerischen Unterwasserfotografie. Leni
Riefenstahl ist immer noch auf der Suche nach heiler Welt und
Erbauung. Was sie nicht findet, das inszeniert sie. Sie ist Mitglied
bei Greenpeace geworden und lernte mit 72 Jahren noch tauchen. Das
Resultat können wir nun besichtigen. Es heißt sehr schlicht
»Impressionen unter Wasser« und zeigt sie auf der Suche nach
Schönheit und Größe der Unterwasserwelt. Aber diesmal ist sie wohl
auch auf der Suche nach Frieden mit sich selbst. Um den zu finden,
muss sie aber schon sehr tief tauchen.
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