Saddam Hussein - wie ein Menetekel lastet dieser Name auf dem Irak-Bild der westlichen Medien,
und nur wenige wissen mehr über den Staat im Zweistromland als das, was sich mit diesem Mann
verbindet. Schon immer war es schwierig, im Irak unter die Oberfläche der komplexen
gesellschaftlichen Verhältnisse zu blicken. Einen Anhaltspunkt gibt die heutige - durch
Flugverbotszonen markierte - Dreiteilung des Landes. Sie spiegelt den historisch dominierenden
Konflikt zwischen den kurdischen, sunnitischen und schiitischen Bevölkerungsgruppen wider.
Als der Irak 1921 als Königreich ins Leben gerufen
wurde, war er ein künstliches Gebilde des Imperialismus. 1917
hatten britische Truppen das Land erobert, das sich aus den
osmanischen Provinzen Basra, Bagdad und Mosul
zusammensetzte. Um ihre Militärausgaben nach einem blutigen
Aufstand 1920 zu reduzieren, beschlossen die Briten, das Land
in die Selbstverwaltung überzuführen. Der Völkerbund übergab
Grossbritannien das Mandat, den Irak auf dem Weg zu Demokratie
und Unabhängigkeit zu begleiten. 1921 fiel im Zuge der Kairoer
Konferenz die Entscheidung, Faisal, den Sohn des Scherifen von
Mekka, zum irakischen König von Englands Gnaden zu krönen. Im
Ersten Weltkrieg war Faisal Anführer der von den Briten
unterstützten arabischen Revolte gegen die Türken gewesen. Der
neue König brachte eine bereits formierte politische Elite in
den Irak, die irakischstämmigen sogenannten
Scherifenoffiziere. Sie waren an osmanischen Offiziersschulen
in Istanbul ausgebildet worden und hatten sich während des
Krieges der arabischen Revolte angeschlossen.
Der Irak erhielt eine parlamentarische Verfassung,
1930 wurde ein Unabhängigkeitsvertrag besiegelt, der den Irak
1932 mit der Aufnahme in den Völkerbund in die
Eigenstaatlichkeit entliess. In Wirklichkeit war er jedoch ein
sehr unstabiles Gebilde. Über Jahrhunderte war er Streitobjekt
zwischen der sunnitisch-osmanischen Macht des Sultans in
Istanbul und dem schiitischen Iran gewesen. Erst nach dem
17. Jahrhundert wurde das Zweistromland dauerhaft Teil
des Osmanischen Reiches. Die urbanen Verwaltungszentren wurden
sunnitisch-osmanisch dominiert, während weite Teile des Landes
von Stammesherrschaften geprägt waren. Im bergigen Norden
übten Kurden die faktische Macht zwischen dem heutigen Irak,
Iran und Anatolien aus. Im Süden bildeten Schiiten die
Mehrheit der Landbevölkerung, nachdem sich seit dem späten
18. Jahrhundert zahlreiche Stämme um die schiitischen
heiligen Städte niedergelassen hatten und zur Schia
übergetreten waren.
Bei der Gründung des irakischen Königreichs
bildeten die Schiiten eine Mehrheit im Irak. Klientelpolitik
formte in den ersten zwei Jahrzehnten des Königreiches aus der
scherifischen Elite, den städtischen Notabeln und den
schiitischen Grossgrundbesitzern eine neue Klasse, die sich
von der Bevölkerung abhob. König Faisal war sich der
Zentrifugalkräfte durchaus bewusst, die seine Herrschaft
bedrohten. Eine arabisch-nationalistische Staatsdoktrin sollte
seine Herrschaft im Irak auf sicheren Boden stellen. Der
arabische Nationalismus war weitgehend ein Produkt des Ersten
Weltkriegs, der die Entfremdung der Araber von der
türkisch-osmanischen Herrschaft vertieft hatte. Im Irak sollte
der arabische Nationalismus vor allem über das neue staatliche
Bildungssystem und eine Wehrpflichtarmee verbreitet werden.
Kurden und Schiiten lehnten jedoch einen sunnitisch
dominierten Panarabismus mit säkularen Tendenzen ab. Die Pläne
einer nationalistischen Integration erhielten einen schweren
Schlag, als 1933 König Faisal unerwartet starb und damit die
Symbolfigur irakischer Staatlichkeit verschwand. Sein Sohn
Ghazi I. war jung und unerfahren, ein Lebemann, der sich
wenig um die Staatsgeschäfte kümmerte. Als er 1939 bei einem
Autounfall umkam, folgte ihm sein minderjähriger Sohn
Faisal II. auf den Thron.
Die dreissiger Jahre waren gekennzeichnet von
Klientelpolitik, wechselnden Allianzen und gewaltsam
ausgetragenen politischen Konflikten. Die Armee wurde zum
tragenden Symbol des Nationalismus und Ort vermehrter
arabisch-nationalistischer Agitation. Eine Gruppe von jüngeren
Intellektuellen bildete sich in den Städten und trug die
Konflikte um Ideologien und Staatsformen in die
Öffentlichkeit. Widerstreitende Ansichten darüber, ob der Irak
eher das Land der Iraker oder doch Kern einer arabischen
Nation sein sollte, wurden in die Armee getragen. Von 1936 bis
1941 griff das Militär in mehreren Putschen in die
Regierungsbildung ein, und die Kabinettsmitglieder wurden zu
Marionetten der Offiziere.
Ein Teil des politischen Establishments förderte
weiterhin eine loyale Haltung gegenüber Grossbritannien,
dessen Einfluss auf die irakische Politik entscheidend blieb.
Eine andere Fraktion optierte für eine Abwendung von
Grossbritannien und stärkere nationale Unabhängigkeit. Diese
Fraktion wurde unterstützt von jüngeren Intellektuellen und
Offizieren der Armee. Im Zweiten Weltkrieg führte schliesslich
die Entfremdung der militärischen Führung von Grossbritannien
und seinen Anhängern dazu, dass Anfang April 1941 das Militär
die probritische Fraktion mitsamt dem Regenten zur Flucht aus
dem Land zwang. Über geheime Kanäle knüpfte die neue Regierung
unter Premierminister Rashid Ali al-Kailani Kontakte zum
«Dritten Reich». Churchill entsandte daraufhin Truppen, die
binnen eines Monats im Mai 1941 die ungeliebte Regierung
verjagten. Auf irakischer Seite kamen deutsche Flieger zum
Einsatz. Rashid Ali und der im Bagdader Exil lebende Mufti von
Jerusalem, Amin al-Husseini, flohen nach Berlin.
Der Niederlage von 1941 folgte die zweite
britische Besetzung des Iraks, die bis 1945 dauerte. Aber auch
nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges blieb der Irak ein enger
Verbündeter Grossbritanniens. Die alte Elite wurde wieder
eingesetzt; ihr Hauptvertreter, Nuri al-Said, wurde zur
bestimmenden Figur der Nachkriegszeit. Die Zeit bis zur
Revolution von 1958 war geprägt von wachsenden sozialen und
politischen Konflikten. Die junge Generation, zumal die der
Schiiten, erlebte, dass sie vom politischen Prozess abgetrennt
war. Die Vetternwirtschaft dauerte fort, und steigende
Landflucht verschaffte den politischen Strömungen, die in den
dreissiger Jahren entstanden waren, eine breite Basis, wovon
besonders die kommunistische Partei profitierte. Die
Baath-Partei, in den vierziger Jahren in Syrien gegründet,
etablierte Anfang der fünfziger Jahre eine Zweigstelle im
Irak. Ideologisch entwickelte sie eine Synthese aus arabischem
Nationalismus und gemässigtem Sozialismus, die zwar säkular,
aber nicht antireligiös war. Eines ihrer Hauptziele war die
gerechtere Verteilung des Landbesitzes.
Nach der ägyptischen Revolution von 1952 wurde
Nasser auch im Irak zum Idol, zumal das Offizierskorps nach
der Niederlage im arabisch-israelischen Krieg von 1948 das
Vertrauen in die militärische und politische Führung verloren
hatte. Am 14. Juli 1958 holte die Armee unter der Führung
von General Abd-al-Karim Qassem und Abd-al-Salam Arif zum
entscheidenden Schlag gegen die Monarchie aus. Der
mittlerweile 23 Jahre alte König Faisal II wurde mitsamt
seiner Familie umgebracht, ebenso Nuri as-Said, Symbolfigur
der Bindung des Iraks an Grossbritannien. Im darauf folgenden
Machtkampf behielt Qassem die Oberhand, indem er die
kommunistische Partei für sich gewann und Arif ausbootete. Die
Zusammenarbeit mit den Kommunisten war jedoch von kurzer
Dauer, und binnen kurzem errichtete Qassem ein Militärregime.
Der Einfluss der kommunistischen Partei schwand
auch deswegen, weil sich die schiitische Geistlichkeit gegen
säkulare Strömungen stellte. Die Baath-Partei gewann hingegen
an Einfluss in der Armee und unterstützte Arif, der 1963
Qassem stürzte und umbringen liess. Als jedoch Verhandlungen
mit Syrien und Ägypten über eine Vereinigung der drei Staaten
zu einer panarabischen Republik scheiterten und dies in
Führungskämpfe innerhalb der Baath-Partei mündete, drängte
Arif in einem erneuten Staatsstreich wenige Monate später die
Partei aus der Regierung und regierte zunehmend wie ein
Diktator. Arif kam drei Jahre später bei einem
Helikopterabsturz ums Leben, und sein Bruder Abd-al-Rahman
rückte nach.
Der Sechstagekrieg von 1967 bedeutete für die
arabischen Militärregime einen tiefgehenden
Glaubwürdigkeitsverlust. Abd-al-Rahman Arif hatte es zudem
versäumt, das Netzwerk von persönlichen Beziehungen und
Abhängigkeiten in der Armee zu pflegen, auf dem die Macht
seines Bruders geruht hatte. Im folgenden Jahr führte dies zu
einem erneuten Militärputsch, nachdem sich die Baath-Partei in
den vorangehenden Jahren eine Basis in der Armee geschaffen
hatte. Der starke Mann der Partei, General Ahmad Hasan
al-Bakr, wurde Präsident. Seine rechte Hand war Saddam
Hussein. Er hatte seit Mitte des Jahrzehnts die Partei neu
organisiert und die Kontrolle über die Strasse gewonnen.
Saddam Hussein musste besonderes Geschick beim Ausbau seiner
Machtposition an den Tag legen, da er von einfacher Herkunft
war und keinen militärischen Hintergrund besass. Durch die
Kontrolle über die Geheimdienste und die Parteimiliz trug er
mit brachialer Gewalt entscheidend zur Konsolidierung der
Macht der Baath-Partei bei. Seine Seilschaften beruhten
weitgehend auf der gemeinsamen sunnitischen Herkunft aus der
Gegend um die Stadt Tikrit, aus der sowohl Bakr als auch
Saddam stammten.
In der Folgezeit ging es lediglich um den Erhalt
der Macht eines kleinen elitären Zirkels. Ideologien wie
Panarabismus oder Sozialismus dienten als Feigenblätter für
Günstlings- und Vetternwirtschaft. 1979 stiess Saddam seinen
Mentor al-Bakr vom Präsidentenstuhl und sicherte sich so auch
die nominelle Macht im Staat. Die Stabilisierung der
Baath-Herrschaft in den siebziger Jahren ging mit einem
massiven wirtschaftlichen Aufschwung einher. Es hatte schon
unter der Monarchie und in den sechziger Jahren Ansätze zu
Industrialisierung und Sozialreform gegeben, aber erst der
erhebliche Anstieg der Einkünfte aus der Ölförderung in den
siebziger Jahren machte es möglich, den öffentlichen Sektor
weit auszudehnen und eine breite, verhältnismässig gut
verdienende Mittelschicht zu schaffen. Saddam Husseins
Günstlingswirtschaft erhielt so eine neue Basis. Das
staatliche Gesundheitssystem, Schul- und Universitätsbildung
funktionierten auf hohem Niveau. Dennoch blieben die inneren
Widersprüche bestehen.
Das Verhältnis der Zentralregierung zu den Kurden
war seit der Staatsgründung geprägt von Konflikten. Kurdische
Aufstände brachen in regelmässigen Abständen aus mit der
Forderung nach mehr Autonomie. Kurden kontrollierten die
Bergregionen des Nordiraks ebenso wie die Schmuggel- und
Fluchtrouten in die Nachbarstaaten. Die Spaltung der Kurden in
zwei rivalisierende Parteien seit den siebziger Jahren, deren
wechselnde Allianzen mit der türkischen, der iranischen oder
auch der eigenen Regierung hielten den Konflikt am Schwelen.
Gipfel der Repressionen gegen die kurdische Zivilbevölkerung
waren die Gasangriffe während des Iran-Irak-Krieges.
Ebenso bildeten die schiitischen Geistlichen der
Pilgerstädte im Süden immer einen Herd der Opposition gegen
das Regime. Sie spielten eine politische Rolle als Agitatoren,
die sich gegen die säkular-sozialistischen Tendenzen der Baath
richteten. Saddam Hussein unterdrückte diese Opposition durch
eine rücksichtslose Verfolgungspolitik, die mit der
Niederschlagung des schiitischen Aufstands nach dem Golfkrieg
1991 und den Repressalien der Folgejahre ihre Höhepunkte
erreichte.
Über ein Jahrzehnt zuvor hatte Saddam Hussein den
Angriff auf Iran befohlen, doch die Erwartung eines schnellen
Sieges erwies sich bald als Fehleinschätzung, die bis heute
Folgen zeigt. Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch im Zuge
der Kriege blieb Saddam vor allem das informelle
Beziehungsnetz als Machtbasis. Heute ist deshalb eine innere
Umstrukturierung des Iraks unübersehbar, die wieder
Stammesloyalität als Garantin der Macht zum Zuge kommen lässt.
Damit kehrt der Irak in gewisser Weise zu seinen Anfängen
zurück, als König Faisal seine Autorität in einem Territorium
etablieren musste, in dem Macht und Kontrolle vor allem in der
Hand von Stammesfürsten lagen.
Peter Wien
Der Autor forscht am Zentrum Moderner Orient in Berlin.
Neue Zürcher Zeitung, Ressort Feuilleton, 15. Februar 2003, Nr.38, Seite 57
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