Am Jahrestag der Tübinger Troia-Konferenz ist der
Rektor der kürzlich gegründeten türkischen Universität Çanakkale, nahe
Troia an den Dardanellen gelegen, zur Unterzeichnung eines
Kooperationsvertrags mit der Universität Tübingen in die Neckarstadt
gekommen. In die Wege geleitet wurde dies vom Troia-Ausgräber Manfred
Korfmann (SCHWÄBISCHES TAGBLATT vom 17. Februar). Auf seine türkischen
Freunde kann Korfmann sich verlassen: Sie haben ihn im Anschluss an die
Troia-Konferenz mit Ehrungen überhäuft und speziell für ihn einen neuen
Preis geschaffen: eine „Auszeichnung für die nach internationalen
Standards hervorragenden Leistungen auf wissenschaftlichem und
grabungstechnischem Gebiet“. Diese ,Bestätigung‘ hatte Korfmann bitter
nötig, denn erst kürzlich ist er in einer großen deutschen Tageszeitung
unter die Borderline-Historiker, das heißt unter jene Wissenschaftler
eingruppiert worden, „die an der Grenze von Realität und schierer Fiktion
agieren“.
Offenkundige Unwahrheiten
Wissenschaftlich steht Korfmann mit dem Rücken zur Wand. Zwar betreibt er in öffentlichen
Vorträgen hartnäckig Gesichtswahrung, wie ein vor mehreren Wochen im
SCHWÄBISCHEN TAGBLATT (16. November 2002) erschienener Artikel zeigt.
Darin suggeriert Korfmann, die Diskussion habe sich in seinem Sinne
erledigt; er versucht, seine Kontrahenten zu diskreditieren und die Schuld
an seinen Verletzungen wissenschaftlicher Standards auf Mitarbeiter
abzuschieben: Manche seiner schärfsten Gegner seien noch nie in Troia
gewesen. Seine Kontrahenten würden Troia als Dorf bezeichnen. Schuld am
Troia-Streit seien eigentlich die ,Häuslebauer‘ des Archäologischen
Landesmuseums Baden-Württemberg, denn sie hätten das übertriebene
Holzmodell in der Ausstellung zu verantworten und damit sein
ursprüngliches Konzept verdorben. „Augenzwinkernd“, so der
Berichterstatter, habe Korfmann in einem Gomaringer Dachstuhl seinen
Zuhörern erklärt, „vieles sei Episode, auch der Streit, ob es eine
Unterstadt“ (von Troia VI) gegeben habe.
Es muss sich wohl um ein
nervöses Zucken angesichts dieser offenkundigen Unwahrheiten gehandelt
haben. Besonders unlauter ist der Vorwurf an die ,Häuslebauer‘, die mit
ihrem maximal 3000 Einwohner zulassenden Modell Korfmanns Vorgabe von bis
zu 10 000 Bewohnern beim besten Willen nicht genügen konnten. ,Sein‘ Troia
ist im übrigen in der Computersimulation seines Grabungsassistenten
Jablonka auf einen Ort von etwa 1000 Bewohnern geschrumpft.
Wohl nicht mehr lange
„Zu großen Teilen erfunden“ sei die sogenannte
Unterstadt, schreibt eine ehemals enge Mitarbeiterin Korfmanns in einem
Beitrag der voluminösen Festschrift zu dessen 60. Geburtstag. Auch sonst
ist zu beobachten, dass man in Korfmanns Umkreis zwar versucht, durch
Attacken auf seine Kontrahenten ihn zu stützen, aber an seinen Positionen,
um welche der Troia-Streit entbrannt war, wird nicht mehr festgehalten:
Die Handelsstadt oder gar Handelsmetropole Troia ist beiseite gelegt. Die
angebliche Siedlungsmauer wird als ein „in der Tat . . . schwieriges
Problem” zur Disposition gestellt. Korfmanns Auffassung von
„Rekonstruktion” wird abgelehnt, seine Präsentation Troias in der
Ausstellung implizit als irreführend kritisiert. Nur am sogenannten
Verteidigungsgraben will man noch festhalten, aber wohl nicht mehr lange,
denn die neuesten Ergebnisse zeigen, dass der Graben im Westen von der
Siedlung wegbiegt und auf ein bronzezeitliches Flussbett zustrebt, wie es
sich für einen Entwässerungskanal gehört.
Ein Ausgräber aus der hiesigen Landesarchäologie formulierte es kürzlich im Gespräch mit
unübertrefflichem schwäbischen Humor: Die Ergebnisse der Troia-Grabung
könne eine Katze auf ihrer Schwanzspitze wegtragen. Die Vorstellung von
einer Handelsmetropole und altanatolischen Palaststadt Troia und des
Kaisers neue Kleider sind vom Sturmwind der Wissenschaft
fortgeblasen.
Seit Ausbruch des Troia-Streites im Juni 2001 harren
wir denn auch vergebens auf neue ,spektakuläre‘ Entdeckungen, die zuvor
nach jeder Grabungskampagne präsentiert wurden. Deshalb versucht der
nackte Kaiser, sich im Kostümverleih der Politik neue Glitzerkleidung zu
besorgen. Insbesondere Fez und Pluderhosen bieten sich für den in der
Türkei ,Osman Bey‘ Genannten an, da sie wohl seiner Meinung nach die
eigentliche europäische Tracht darstellen. Denn in der Türkei, in
Anatolien und besonders auch auf dem Grabungshügel von Hisarlik hat er die
wahren Wurzeln der europäischen Zivilisation entdeckt.
Angebliche Verwurzelung
Diese Erkenntnis bewegt ihn dazu, durch Deutschland zu reisen und mit einem Vortrag über
,Troia, Anatolien und die Vergangenheit der Zukunft‘ kräftig die
Werbetrommel für die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union zu
rühren. Und seine Argumente sind wahrhaft ,rührend‘. Ausgehend von der
angeblichen Verwurzelung Troias in Anatolien, werden auch Homer, die
vorsokratischen griechischen Philosophen, der Historiker Herodot und
andere griechische Geistesgrößen ,Anatolien‘ zugewiesen und das antike
Anatolien wird zu einem „europäischen kulturellen Kerngebiet“ befördert.
Anatolien habe „mindestens 1 500 Jahre Antike und Christentum voll
mitbekommen“ und „bezüglich der Blutcharakteristika“ unterschieden sich
„die heutigen Bewohner Anatoliens von den Europäern in
nichts“.
Nach Korfmann rechtfertigen die Vermischung der aus
Zentralasien eingewanderten nomadischen Türken mit den in Anatolien
ansässigen Völkerschaften sowie die kulturträchtige anatolische Erde die
Auffassung, dass die Türken die Erben der anatolischen, nicht zuletzt der
antiken Kulturen seien und damit Europäer. Er preist die in der türkischen
Kulturpolitik vertretene „Vorstellung von der seit Urzeiten nährenden
Mutter Erde – die Bindungen an den Boden und seine
Vergangenheit“.
Kultur- und Europapolitik
Der weitgehende Untergang der Vorgängerkulturen spielt in Korfmanns
Geschichtskonstrukt keine Rolle. Die Kontinuität anatolischen Volkstums
und des Bodens sind für ihn entscheidend, und dazu kommt als weiteres
Argument die Kontinuität der Religion: Der Islam, so Korfmann, sei „nichts
anderes als eine Reformation des Christentums“. Diese „in die Tiefe der
Zeit“ eintauchenden Einsichten entstammen freilich der Kultur- und
Europapolitik des türkischen Nationalstaates, und so durfte Korfmann sich
über eine vom türkischen Außenministerium verliehene Ehrung freuen für den
Nachweis, dass es sich bei Troia um eine „frühe europäische Kultur“
handele.
Schon Mehmet II., der Eroberer Konstantinopels im Jahr
1453, hatte sich von byzantinischen Gelehrten über die Ilias Homers
belehren lassen und sich als Rächer des eroberten Troia in seiner
Herrschaft legitimieren wollen. Sein Volk erfreute sich jedoch in der
Folgezeit nicht an Homer, sondern an den Epen aus Ergenakon, der
sagenhaften Urheimat der türkischen Nomaden. Erst Atatürk, der Gründer des
türkischen Nationalstaates, hat unter Abkehr von pantürkischem und
panislamischem Gedankengut den neuen Staat auf Anatolien bezogen. Die
Völker und Kulturen Anatoliens sollten als historische Vorläufer der
Türken betrachtet werden, und Atatürk begründete die türkische
Spaten-Archäologie als Instrument für die Suche nach der türkischen
Vergangenheit in anatolischem Boden. Entsprechend der...[...weiter]