
Paul Heyse war der letzte "Dichterfürst" der deutschen Literatur. Er beeindruckte durch die
Umfassenheit seiner Produktion, er sei "in jedem Sattel ein firmer Reiter, der keine Provinz
der Dichtkunst ausließ," wie sein Biograf Erich Petzet schrieb. In Kunsthandlungen der
Jahrhundertwende hing Heyses Bild. Für seine "Potentatengalerie" hatte ihn der
Münchner Maler Franz Lenbach mit einer Art Heiligenschein gemalt. Heyses Drama
"Colberg" erschien bis 1914 in 180 Auflagen. Es war an vielen Gymnasien
Pflichtlektüre und gehörte zum ständigen Repertoire der Schulfeiern an Kaisers
Geburtstag oder am Sedantag. Der Dichter war einer der meistvertonten Lyriker
seiner Zeit. Allein von dem Gedicht "Im Walde" sind 32 Noten-Fassungen bekannt. Sein
erster Roman "Kinder der Welt" stand in jedem Bücherschrank. In Amerika gehörte
er zu den vielgelesenen deutschen Autoren. Sein Stück "Hadrian" erhielt in der
griechischen Übersetzung einen Bühnenpreis in Athen. Die Forscher der
norwegischen "Fram" hatten seine italienischen Novellen bei der Überwinterung im
arktischen Eis gelesen. Der Mannschaft wurden bei der Lektüre seiner Werke im
langen Polarwinter von 1895/96 die "Sinne so wunderlich hell".
Heyses Werke wurden in alle europäischen Hauptsprachen übersetzt und sogar ins Esperanto.
Dennoch mochten oder konnten ihn drei Leser- und Kritiker-Generationen nach seinem Tod 1914
nicht lesen. Um 1900 lehnten ihn die Jüngeren als einen Vertreter der älteren Dichter-Generation
ab. In den von Revanche-Gefühlen erfüllten Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg stießen sich
nationalistisch gesinnte Leser an dem Weltbürger Heyse, der zudem noch von der Mutter her
jüdischer Abstammung war. Heyses Schauspiel "Colberg" diente 1943-44 angeblich Veit Harlan als
Vorlage für den Propagandafilm Kolberg. Nach 1945 blieb Heyse in beiden deutschen Staaten
eine Fußnote in literatur-geschichtlichen Abhandlungen zum 19. Jahrhundert bzw. zur
Novellentheorie; er erschien fast nur noch als Briefpartner unvergessener Autoren wie Fontane
oder Storm. Nur selten fand sich ein Verleger bereit, das Werk des bayrischen Berliners,
wenigstens in einer Auswahl, heraus zu bringen; noch immer ist sein umfangreicher Nachlaß nicht
vollständig erschlossen.
Heute erinnert sich kaum noch jemand an den ersten deutschen
Schriftsteller, der 1910 - nur zwei Jahre vor dem zu allen Zeiten hochgerühmten
Gerhart Hauptmann - für sein belletristisches Werk den Literatur-Nobelpreis
erhielt. Mit Heyse wurde schon damals eine bereits vergangene Literaturepoche
geehrt. Bei der Preisverleihung betonte der Sekretär der Schwedischen Akademie,
daß unter den "lebenden älteren Dichtern Deutschlands"
Heyse "allgemein fast unbestritten als der größte anerkannt" werde.
Aufhorchen läßt, daß neben den unvermeidlichen Lobeshymnen bei der
Nobelpreis-Verleihung von einer "Goethe-ähnlichen Künstlerschaft" Heyses
gesprochen wurde und der Redner auf die umstrittene Stellung des Dichters
anspielte: "Die parteiische Abneigung des Naturalismus hat wohl bewirkt, daß man
ihn von seinem Vaterland aus nicht schon früher für den Weltpreis vorgeschlagen
hat." Der Münchner Literatur-Professor Franz Muncker sprach in diesem
Zusammenhang sogar von einem "manchmal sogar einseitigen Einsatz" Heyses "für
den Idealismus in der Literatur". Der Vorschlag war von 82 "anerkannt
urteilsfähigen Männern Deutschlands" unterstützt worden. Hätte man eine ältere
Leserjury berufen, wäre das Votum damals kaum anders ausgefallen.
Noch um 1890, als längst die Stürmer und Dränger des Naturalismus Literatur
und Theater aufregten, war er einer der meistverlegten Schriftsteller in
Deutschland. Zeitschriften wie die "Deutsche Revue" oder die "Gartenlaube"
machten ihn berühmt. In- und ausländische Blätter überhäuften ihn mit Bitten um
den Vorabdruck seiner Novellen. Der Buchhandel wurde so mit Auflagen
überschwemmt, daß sich einzelne Ausgaben seiner Werke auf dem Markt gegenseitig
Konkurrenz machten.
Fontane glaubte deshalb 1890, daß Heyse "sehr wahrscheinlich" der Epoche
"den Namen geben" werde und ein "Heysesches Zeitalter" dem Goetheschen folgen
werde. "Der Vergleich mit Weimar und dem Haus am Frauenplan lag nahe",
berichtete der Dramatiker Max Halbe über Heyses Villa in der Münchner
Luisenstrasse: "Hier wie dort war es eine Hofhaltung im Kleinen. Viele Jahre,
weit über ein Menschenalter hindurch, war man in München zu Heyse gepilgert wie
vordem nach Weimar zu Goethe."
Heyse residierte gegenüber der Villa des "Malerfürsten" Franz Lenbach. 1874
hatte er sich das Haus im Stil der Neorenaissance umbauen lassen. Einer der
Besucher, der Schriftsteller Richard Voß, erinnerte sich: "Als ich endlich die
Pforte öffnete und durch das Gärtlein dem Hause zuschritt, war mir ganz
feierlich zu Muthe. In meiner Stimmung schien mir alles symbolisch. Die
säulentragende Vorhalle, die Wipfel des hohen Parkes, die herüberdunkelten - mein
im Tiefsten erregtes Gemüth überkam etwas von der Weihe, die über ein Heiligthum
ruht." Im Inneren setzte sich diese Atmosphaere fort. Am Eingang wurde man von
der Statue eines betenden Knaben begrüßt. "Es war ein mit Bildern, Büsten,
Antiken, Kunstgegenständen und Erinnerungen eines langen Lebens angefülltes
Dichterheim", schrieb Max Halbe, und der Kunsthistoriker Hermann Uhde-Bernays
berichtete: "Des Dichters Arbeitszimmer war nicht eigentlich der täglich den
Vormittag einnehmenden schriftstellerischen Tätigkeit zugewiesen, nicht das
Allerheiligste, sondern ein lose mit ihm in Verbindung befindlicher, in der
Ausstattung bis auf das Stehpult am Fenster eher als eine Art Audienz-Zimmer des
Olympiers eingerichteter Salon. Gemälde hingen in reicher Auswahl und Schönheit
an den Wänden. Böcklins Landschaft aus den Pontinischen Sümpfen in der Mitte,
eine feine Studie Gottfried Kellers und viele Bilder und Skizzen des Freundes
Lenbach, die dem mit Teppichen in allen Formaten belegten, mit
Erinnerungsstücken und kunst-gewerblichen Gegenständen gefüllten Raum die
behagliche Stimmung eines Ateliers verschafften. In dieser etwas preziösen
Umwelt fehlte die Neigung zu einer weichen, koketten Empfindsamkeit nicht, die
mehr dem dichterischen als dem persönlichen Wesen Heyses entsprach."
Dank seines Talents zur Freundschaft war Heyse zum Gastgeber größerer
Gesellschaften geradezu prädestiniert. Besonders die Frauen sollen begeistert
an seinen Lippen gehangen haben. Er sei ein "schöner und gewinnend
liebenswürdiger Mann" gewesen, schrieb die Schriftstellerin Isolde Kurz, ein
"Meister der Rede", von hoher Kultur und mit "wunderbar diplomatischem
Auftreten". Fontane bemerkte 1867, "auch der Eitelste empfand es als ein
Vergnügen, ihn sprechen zu hören." Die zahllosen Aphorismen, die in seinem
Gesamtwerk gesammelt sind, geben einen Eindruck von dieser Seite seines Wesens.
Im Hause Heyse trafen sich fast alles, was Rang und Namen hatte im
literarischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Leben Münchens. So zählte
Heyse den National-Ökonomen Max Haushofer und den Rechtsanwalt Max Bernstein zu
seinen Freunden. Beide waren weniger Literaten als literarisch ambitionierte
Bildungsbürger. Mit Michael Bernays hatte sich Heyse bis 1897 fast täglich
getroffen. Bernays wurde 1873 der erste ordentliche Professor in Deutschland für
neuere deutsche Literatur-Geschichte. Seine treuesten Freunde waren Maler. Heyse
ist zu den frühen Förderern Buonaventura Genellis, Franz Lenbachs und Arnold
Böcklins zu rechnen. Er selbst hat in dieser Kunst erfolgreich dilettiert und
auf seinen Reisen viel gezeichnet. Mit dem Kunsthistoriker und
Musikschriftsteller Heinrich Riehl einte ihn nicht nur eine lebenslang enge
Beziehung, sondern auch die Frontstellung gegen Wagner. Heyse gehörte mit zur
Fraktion des "Fugenseppls" Joseph Rheinberger. Der Freundschaft mit dem
Wagner-Dirigenten Hermann Levi tat das keinen Abbruch. Von der Münchner Presse
waren Redakteure der auflagenstärksten und zugleich liberalen Blätter vertreten.
Baron Fritz von Ostini, Autor und jahrelang Literatur-Kritiker der wichtigsten
Regionalzeitung, der "Münchner Neuesten Nachrichten", danach Chefredakteur der
legendären Zeitschrift "Jugend", konnte als einer der Starjournalisten des
damaligen Münchens gelten.
Bei Heyse sprachen häufig junge Autoren vor, die den Einfluß
des "Künstlerfürsten" und seines Kreises wohl zu schätzen wußten. Zu den
"Bittstellern" gehörten Frank Wedekind, Isolde Kurz und Joachim Ringelnatz. Der
Dichter nahm sich für seine Gäste stets viel Zeit, gab etliche Ratschläge und
versuchte zu helfen. Seinen Einladungen folgten auch der frühnaturalistische
Dramatiker Max Halbe oder der Schriftsteller Ernst von Wolzogen, der Gründer des
ersten literarischen Kabaretts in Berlin.
Heyses Villa neben dem Propyläen-Wäldchen am Königsplatz wurde durch alliierte Bombenangriffe
im Zweiten Weltkrieg zerstört. In literarischen Stadtführern von heute findet sich kaum noch ein
Hinweis. Derzeit erinnert an dieser Stelle nichts an den einstigen Mittelpunkt der Literatur in
München.
Von hier aus spazierte Heyse mit seinem Hündchen an jedem Tag durch Schwabing [fast wie Rudi
Moshammer, Anm. Dikigoros], für ihn das "Feindesland" der literarischen Stürmer und Dränger der
Bohème. Der Schriftsteller Hans Carossa erinnerte sich, wie respektvoll die Spaziergänger Paul
Heyse im Englischen Garten grüßten. Selbst Kinder wurden mit Ehrfurcht auf den größten Dichter
der Stadt hingewiesen.
Die Stadt München kannte den Berliner Heyse nur als fertigen Dichter und
großes literarisches Talent. Als junger Mann war er bereits nach seinen ersten
Veröffentlichungen mit Ehrungen überhäuft worden. Zwar hatten auch seine ersten
Auftritte im Berliner Dichterzirkel "Tunnel über der Spree" Aufmerksamkeit
erregt. Mit der Ballade "Das Tal von Espigno" setzte sich Heyse 1851 bei einem
Wettstreit im "Tunnel" gegen Fontanes "Tag von Hemmingstedt" und gegen Bernhard
von Lepels "Dänenbrüder" durch. Seine Gedichte konnten sich in den Augen der
sachverständigen Dichterkollegen mit den gleichfalls sehr geschätzten Balladen
Fontanes messen, was die poetischen Meisterschaft und die Handlungsführung
betraf. Aber erst hier, in "Isar-Athen", wurde er schnell vom Nobody in der
Literatur zum "zweiten Goethe".
Noch größere Bewunderung erregten seine Novellen, die er als ein weniger
ernst zu nehmendes Nebenprodukt seines Schaffens hinstellte. Heyse erkannte
völlig richtig in dieser Gattung die innovative Leistung seiner Generation.
"Denn auf dem Gebiet der Novelle hatten wir nicht wie auf anderen von unseren
Vätern aus der klassischen Zeit ein reiches Erbe übernommen, das wir hätten
'erwerben müssen, um es zu besitzen'. Seitdem aber haben wir uns gemüht, an
die Novelle höhere Forderungen zu stellen, als daß sie ein müßiges
Unterhaltungs-Bedürfnis befriedige und durch eine Reihe bunter Abenteuer uns
ergötze." Der Dichter verlangte für die Novelle nach "bedeutenden Schicksalen"
und Konflikten. Seine Thesen, die Heyse 1871 in der Einleitung zum "Neuen
Deutschen Novellenschatz" zum ersten Mal zusammen gefaßt hatte, werden in
Anspielung auf die Novelle "Der Falke" von Bocaccio "Falkentheorie" genannt. Sie
ergeben keine wirklich neue Theorie, die etwa das Handwerkliche lehrt. Mit der
Selbstgewißheit eines populären Autors erläuterte Heyse hier lediglich seine
Ansichten zum Schreiben und Lesen einer effektvoll vorgetragenen Erzählung.
Originell ist dabei die Einführung von zwei Kategorien. Der "Falke" ist bei
Heyse das spezifische Problem jeder Novelle, die "Silhouette" die Konzentration
auf das Grundmotiv. Der Inhalt der Novelle sollte sich also in wenigen Zeilen in
der Art von Zwischenüberschriften zusammenfassen lassen. Die Theorie blieb
unbefolgt. Heyse selbst hat sich als Autor und als Herausgeber des
"Novellenschatzes" nicht an ein starres Gerüst gehalten. "Andrea Delfin" oder
"Die Stickerin von Treviso" gehören auch deshalb neben den Novellen Storms und
Kellers überhaupt zu dem Besten, was in dieser Gattung je hervor gebracht wurde.
Heyse kann als der Wiederentdecker Italiens in der deutschen Literatur des
19. Jahrhunderts gelten. Besonders seine italienischen Mädchengestalten machten
ihn berühmt. Bis heute erfreuen sich Laurella aus "L'Arrabbiata" oder "Nerina"
der Sympathie der Leser. Mit seinen Novellen hat es Heyse immer wieder
verstanden, den Deutschen, Land und Leute, Sprache und Geschichte näher zu
bringen. Er vermittelte seine enorme Landeskenntnis unterhaltsam, nämlich in der
Form der Erzählung. Ebenso phantasievoll nutzt er sein Wissen über die
Troubadour-Literatur zu einer Novellenfolge. Seine Dissertation hatte den Refrain
in der provenzalischen Dichtung behandelt. Die neuere italienische Literatur des
letzten Jahrhunderts ist durch seine Vermittlung in Deutschland bekannt
geworden. In den Jahren von 1889 bis 1905 erschien seine Anthologie mit
italienischen Dichtern seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in fünf Bänden. Darin
finden sich Übersetzungen von Gedichten Manzonis, Leopardis und D'Annunzios. Mit
den von ihm nacherzählten italienischen Volksmärchen sicherte auch dieser
Literatur einen Platz in Deutschland. Vor 90 Jahren ist kein an Italien
Interessierter an Heyse vorbei gekommen. Viele der jüngeren Autoren, von Thomas
Mann bis Isolde Kurz, gehörten zu seinen Lesern. Der Konflikt Andrea Delfins, die
Geschichte vom gerechten Rächer, der neues Unrecht schafft, reicht bis in die
Gegenwart. Die Sehnsucht nach dem "letzten Centaur" ist auch heute noch nicht gestillt.
Als unermüdlicher Übersetzer aus dem Italienischen und als Herausgeber des
"Novellenschatzes des Auslandes" (1872/1903) hat Heyse viel zum kulturellen
Austausch beigetragen. Ihn verband eine Freundschaft mit Turgenjew und er war
einer der ersten, der in Deutschland Dostojewskij bekannt machte.
Trotz seiner Begeisterung für Bismarck vermied Heyse weitgehend das
Nationale. Italien und Deutschland nannte er seine beiden Vaterländer. Für
Chauvinismus war er nicht empfänglich.
Heyse verfaßte auch eine der spannensten Schriftsteller-Autobiografien des 19. Jahrhunderts.
Der Dichter, selbst ein Prominenter, der viel in den arrivierten Kreisen verkehrte, lieferte in
den "Jugenderinnerungen und Bekenntnissen" genau beobachtete Charakteristiken der berühmtesten
Männer seiner Zeit. Hier finden sich unter anderem literarische Porträts der Freunde Adolph
Menzel und Emanuel Geibel, Theodor Fontane und Hermann Kurz, Ernst Wichert und
Ludwig Laistner. Ähnlich wie Goethe in "Dichtung und Wahrheit" hielt auch Heyse
sich nicht mit privaten Episoden auf, sondern legte, im Bewußtsein seiner
öffentlichen Rolle, eine als allgemeingültig zu verstehende Bilanz des 19.
Jahrhunderts vor. Diese Erzählung seines Lebens ist zugleich eines der
aufschlußreichsten Dokumente über die Verhältnisse im alten Berlin und München.
Von München aus bot Heyse den besten Autoren seiner Zeit Hilfe und Freundschaft. Er war es,
der den schwäbischen Dichter Hermann Kurz immer wieder ermunterte und schließlich, nach dessen
Tod, 1874/75 die Gesamtausgabe zusammen stellte. Storm verdankte ihm den Maximiliansorden von
1883, die wichtigste Auszeichnung, die der Schriftsteller zu seinen Lebzeiten
entgegen nehmen konnte. Für Fontane versuchte er, bei dem bayrischen König
Maximilian II. einen Posten zu vermitteln.
Diesen beiden Älteren war Heyse bis zu deren Tod ein ebenbürtiger Partner.
Manuskripte wurden ausgetauscht und kritisch begutachtet. Anregungen für neue
Novellen, aber auch literaturtheoretische Diskussionen finden sich in vielen der
Briefe. Dem Umfang nach wurde er Fontanes zweitwichtigster Briefpartner und der
wichtigste für Storm und den Dichter Emanuel Geibel. Jakob Burckhardt und
Gottfried Keller korrespondierten mit ihm in der Schweiz. Die Kontakte reichten
in alle literarischen Provinzen Deutschlands.
Die Achtung vor seinem vielfältigen Werk konnten ihm auch viele jüngeren
Schriftsteller nicht versagen: "Vielleicht nur noch Maupassant gab mir technisch
und stilistisch so viel Vorbildliches wie Paul Heyse", schrieb Ludwig Ganghofer:
"Vor mancher Seite seiner Bücher, auf der ich einen erregten Vorgang geschildert
fand, konnte ich halbe Tage lang sitzen und nachgrübeln, wie er das fertig
brachte: mit den ruhigsten Worten die stärkste Bewegung zu schildern." Der
Philologe Heyse nutzte die Wirkung der Worte. Er mied alles Oberflächliche und
verzichtete auf langatmige Beschreibungen. Er schuf rund 150 Novellen, acht
Romane, bis 1912 68 Dramen, zahllose Gedichte. Die Ausgabe seiner Werke, die
Erich Petzet 1924 besorgte, umfasst drei Reihen à fünf Bände, von denen jeder
rund 700 Seiten zählt. Darin sind noch nicht einmal alle seine Werke enthalten.
"Es sei nachgrade zu viel", scherzte er selbst über seine Produktion.
Heyse war ein Vorbild, ein Anwalt aller Dichter, der sich für die juristischen und sozialen
Fragen seines Standes engagierte. Er war Kunstpapst und Mäzen. Zum eigenen Werk kam stets noch
die Beschäftigung mit den Manuskripten anderer hinzu.
Als ein Mittelpunkt des literarischen Lebens in Deutschland hat Heyse viel
bewirkt, aber nicht nur in München und nicht nur für die Literatur. Allein darin
besteht eine bleibende Leistung dieses "Dichterfürsten".
Einen "Liebling der Musen" , hatte ihn Fontane einmal genannt. Noch mehr war
Heyse ein Liebling Fortunas. Mit einem preußischen Staatsstipendium verlebte er
ein glückliches Studienjahr in Italien. 1854, mit 24 Jahren, erhielt Heyse,
damals noch ein talentierter, aber unbekannter Anfänger, vom bayrischen König
Maximilian II. ein Angebot zur Übersiedelung nach München. Heyse bekam gegen
eine jährliche Pension von zunächst 1000 Gulden lediglich die Auflage, in den
Zeiten des Jahres, in denen sich der König in seiner Hauptstadt aufhielt, nach
München überzusiedeln und zu dichten.
Vorausgegangen war seine Bekanntschaft mit dem damals populären Dichter Emanuel Geibel,
dem er als Schüler 1846 in Berlin seine Gelegenheits- und Liebesgedichte vorgezeigt hatte.
Zwischen beiden entwickelte sich ein freundschaftliches Lehrer-Schüler-Verhältnis, das sich für
kurze Zeit lockerte, als der Lübecker Geibel 1852 zum literarischen Ratgeber Maximilian II. von
Bayern berufen wurde. Geibel überredete den König zur Einladung an den jungen Heyse. Er sollte
in München möglichst viel dichten und an den "Billard"-Abenden, den als Symposien berühmt
gewordenen, königlichen Gesprächsrunden teilnehmen. Bei diesen Treffen saß der junge Dichter
gleichberechtigt neben Geibel und Friedrich Bodenstedt, neben den besten Wissenschaftlern
Münchens wie dem Chemiker Justus von Liebig, dem Philologen Friedrich Wilhelm Thiersch, den
Historikern Heinrich Sybel und Wilhelm Heinrich Riehl oder dem Arzt Max Pettenkofer.
Wie sich später zeigte, hatte Heyse noch andere Aufgaben zu erfüllen. Er mußte seinen
Dienstherrn auf Reisen zu begleiten und bei den Teeabenden der Königin lesen. Bei diesen
Gelegenheiten wurde er nicht viel besser behandelt als jeder Domestik. Nach den Mißerfolgen
seiner Dramen aus der bayrischen Geschichte wie "Ludwig der Bayer" blieb er wenigstens von
Auftragswerken weitgehend verschont.
Mit der überraschenden Berufung durfte sich der 24-jährige zur geistigen Elite des
drittgrößten deutschen Teilstaates zählen. Er gehörte zu denen, die nach dem Wunsch des Königs
dem bayrischen Volk das Dichten lehren sollten. Maximilian selbst zählte zu den eifrigsten
"Studenten". Er ließ die Sitzungen protokollieren, um die Themen anderntags noch einmal
gründlich durchzugehen.
Die Symposiasten verkehrten häufiger und zwangloser mit dem König als mancher
Minister. Neid und Mißgunst auf die Bevorzugten mußte unter diesen
Voraussetzungen die einheimischen und berufenen Dichter auf Distanz halten. Die
Münchner Presse zeigte mit ihren Angriffen gegen die Berufenen offen, daß der
Landesvater ihrer Meinung nach vom protestantischen Bazillus infiziert sei und
deshalb dringend andere Ratgeber brauche.
Als Gegenreaktion zogen die "Nordlichter" Geibel, Riehl und Heyse einen
eigenen literarischen Salon auf. Dies wurde 1854 die Keimzelle des seinerzeit
wichtigsten Dichtervereins in Deutschland, des "Krokodils". Der seltsame Name
geht auf den "Helden" eines Gedichts von Hermann Lingg zurück, wie Heyse in
seiner Autobiografie erklärte: "Der erhabene Charakter dieses Amphibiums schien
uns trefflich zum Vorbild idealistischer Poeten zu taugen, und wir hofften, in
unserem Münchener "heiligen Teich" dermaleinst ebenso gegen die schnöde
prosaische Welt gepanzert zu sein, wie jener uralte Weise, der nur noch für den
Wechsel der Temperatur empfindlich war." Von Heyse war die Idee ausgegangen, in
diesem Verein die jüngeren süddeutschen Dichter an den Kreis der Berufenen
heran zu führen, sie zu fördern und damit die Spannungen abzubauen. Er war es, der
den "Donnerer" Geibel überzeugte, mitzutun. In kurzer Zeit entwickelte sich aus
dem "Krokodil" ein reger literarischer Kreis. In diesem männerbündischen Verein
wurden noch all jene an Freimaurerlogen erinnernde Sitten befolgt, die man
damals für gesellig hielt. Mit Weinlaubkränzen im Haar scherzten die Dichter in
einer verschlüsselten, nur Eingeweihten verständlichen Clubsprache. Vorträge und
Diskussionen wurden stets als weihevolle Momente behandelt. Die Protokolle
wurden, wenigstens zum Teil, in einer Geheimschrift verfasst. Trotz dieser
hemdsärmeligen Ausgelassenheit entwickelten die Beteiligten einen gewissen
Ehrgeiz, wenn es darum ging, das ausgestopfte Krokodil herein tragen zu dürfen
oder die Papp-Pyramide, in der das Vereinsbuch aufbewahrt wurde, zu verwalten. Die
akademische und zugleich polyglotte Ausbildung ermöglichte es diesen
Intellektuellen, die verschiedensten Stoff- und Formtraditionen zu nutzen. Die
"Krokodile" schätzten die komplizierteren lyrischen Formen und suchten sich ohne
die damals häufig anzutreffenden nationalen Vorbehalte poetische Vorbilder in
der Antike und in den romanischen Literaturen. Im Rückblick behauptete Heyse,
daß sich die Begabteren unter den süddeutschen Schriftstellern dem Verein
angeschlossen hätten. Andrerseits waren immer wieder Austritte zu verzeichnen,
unter anderem von Heinrich Leuthold , der dem Kreis zornige Nachrufe widmete.
Felix Dahn , der im "Krokodil" erstmals als Schriftsteller hervortrat, fand nach
seinem Austritt den Humor der "Krokodile" immer etwas frostig. Rivalitäten
zwischen Geibel und Friedrich Bodenstedt um die erste Stelle bei König
Maximilian wurden nie ganz ausgeräumt.
Daß "München leuchtete", wie Thomas Mann 1902 in seiner Novelle "Gladius Dei" schrieb,
ist diesen Schriftstellern zu danken, Über deren Werke sich die literarische Jugend von 1900
nur noch lustig machte, sie als langweilig abtat und für unlesbar hielt.
Es waren diese von König Maximilian II. um 1850 berufenen Dichter, die
München nach Jahrhunderten provinzieller Rückständigkeit wieder zu einem Ort
gemacht hatten, an dem eine über die Stadtgrenzen hinaus beachtete Literatur
geschrieben wurde. Selbst Theodor Fontane kam 1859 hierher, um die Möglichkeiten
einer Anstellung zu prüfen. Er gab bei seinem Besuch zu, hier einen anregenderen
Kreis vorgefunden zu haben als in Berlin.
Von den Müchner Dichtern der älteren Generation genoss zunächst der Lyriker
Emanuel Geibel die größte Autorität. Mit dem Weggang Geibels 1868 wurde Paul
Heyse unbestritten zum Kopf der "Krokodile". Das Zusammengehörigkeitsgefühl ging
jedoch unter seiner Leitung schnell verloren. Die Gruppe fiel in den Jahren 1878
bis 1882 auseinander.
Geibels Einfluß auf die jüngeren Dichter des "Krokodils" sollte jedoch nicht
überschätzt werden. Von einer wirklichen Münchner Dichterschule, wie es in
manchen Veröffentlichungen heißt, kann keine Rede sein. Die produktivsten
Mitglieder des Vereins - Lingg, Riehl, Heyse, Dahn - wurden keine erfolgreichen
Lyriker, sondern Romanciers und Novellisten. Wenn Heyse dennoch als
Meisterschüler Geibels angesehen werden kann, dann nicht, weil er den
Geibelschen Ton nachahmte, sondern weil er dessen Kunstprogramm hoch hielt und
dabei sogar noch seinen Lehrer überbot.
Während Geibel seit den sechziger und siebziger Jahren von Lübeck aus
patriotischen Verse wie "Und es mag am deutschen Wesen/ Einmal noch die Welt
genesen" ins Land schickte und offen zum politischen "Tendenzdichter" wurde,
hielt Heyse in München noch immer an dem eher unpolitischen Konzept eines dem
Ewig-Menschlichen verpflichteten, künstlerischen Idealismus fest. Die Kunst
sollte vergolden, veredeln, das Zeitliche "im Licht des Ewigen" darstellen. In
seiner Autobiografie erinnerte sich Heyse, "daß es uns völlig an Geschick und
Neigung fehlte, in die Zeit hinein zu horchen und uns zu fragen, welchen ihrer
mannigfachen Bedürfnisse, sozialen Nöte, geistigen Beklemmungen wir mit unserer
Poesie abhelfen könnten. Da auch wir mitten in der Zeit lebten, konnten wir uns
denselben Influenzen, die den Zeitgenossen zu schaffen machten, nicht entziehen,
und auch unsere künstlerische Arbeit trug gelegentlich die Spuren ihres Einflusses."
Er wollte als ein Autor gelten, der scheinbar nur der Schönheit und der Sittlichkeit
verpflichtet war. In der Wirklichkeit konnte er dieses Ideal nicht durchgehalten. Der
erfolgreiche "Künstlerfürst" mochte in seinem Werk keine Stiche zulassen.
Schon das Jugenddrama "Francesca von Rimini" wurde wegen einiger angeblich
freizügigen Passagen in den literarischen Kreisen Berlins lebhaft besprochen.
Heyse, der 1869 eine Sammlung extra unter dem Titel "Moralische Novellen"
herausgab, blieb zeitlebens ein "unmoralischer", ein erotischer Skandalautor. Er
schrieb einmal seiner zweiten Frau Anna aus Berlin: "Übrigens ist es sehr
drollig, wie ich überall wegen meiner Unsittlichkeiten beschrieen werde und
dabei die Erfahrung machen muß, daß große Städte in solchen Dingen die
kleinstädtischsten sind." Anschließend zitierte er einen Ausruf der Ehefrau
Fontanes über eine seiner Novellen: "Theochen sie ist wunderschön! Du schreibst
lauter langweilige Bücher, aber ich danke doch Gott, daß Du so was nicht
schreibst, was unsre Martha nie lesen darf." Dieser Ruf steigerte eher seine
Reklamewirkung und tat der Nachfrage der Familieblätter trotz deren Angst vor
"Nuditäten" keinen Abbruch. Im Brief eines Redakteurs von "Westermanns
Illustrierten Monatsheften" ist über eine Heyse-Novelle zu lesen: "[Es] wäre zu
bedauern, wenn wir sie ablehnten und sie erschiene dann in der Rundschau. Paul
Heyse interessiert eben immer ein großes Publikum bester Art."
Aber nicht nur wegen der damals gewagten erotischen Passagen kam Paul Heyse
in Konflikt mit der staatlichen und kirchlichen Zensur. Zeitlebens zeigte er
einen bemerkenswerten "Männerstolz vor Königsthronen". Allerdings konnte Heyse
sich diese Unabhängigkeit auch leisten. Der prominente "Künstlerfürst" kam nie
in die Gefahr, für seine kritischen Äußerungen "sitzen" zu müssen. Im Gegenteil.
Als sein Drama "Maria von Magdala" 1901 verboten wurde, setzte eine große
Solidaritäts-Bewegung zugunsten des Dichters ein. In München, wo die mächtige
ultramontane Zentrumspartei das Theaterleben restriktiv kontrollierte, wurde
sogar, um sich von Berlin abzugrenzen, eine Aufführung erlaubt. Seinerseits
zögerte Heyse nie, wenn es darum ging, die Rechte der Autoren einzuklagen und
das Selbstbewußtsein des Berufsstandes zu stärken.
Ab 1855 konnte Heyse als führendes Mitglied der "Schillerstiftung", der
damals wichtigsten Standesorganisation deutscher Autoren, über die finanzielle
Unterstützung bedürftiger Schriftsteller mitentscheiden. 1871 initiierte er die
"Genossenschaft deutscher Bühnenschriftsteller und Komponisten", die vor allem
die Willkür und Rechtlosigkeit der Autoren beenden sollte. Er beteiligte sich am
Aufruf zu einer Nationalspende für Freiligrath und unterstützte die Errichtung
eines Heine-Denkmals in Düsseldorf. Im Jahre 1900 wurde der Münchner Goethebund
zur Abwehr der Lex Heinze, eines verschärften Zensurgesetzes, gegründet. Heyse
wurde damals Ehrenvorsitzender und galt kurzzeitig auch den ehemaligen
Naturalisten um Michael Georg Conrad als Gewährsmann einer gemeinsamen
freiheitlichen Kunstauffassung.
Bei vielen Anlässen setzte Heyse seine Autorität, sein Talent, aber auch
seine Geldmittel ein. Der "Dichterfürst" war sich nicht zu schade, bei kleineren
Anlässen seine Stimme zu erheben. Er verfasste einen "Prolog zum Besten der
Wärmstuben in München" oder verwandte sich mit dem Gedicht "Das Hundegrab von
Oxia" für einen wirksamen Tierschutz ein.
Trotz seiner Dankbarkeit für seine königlichen Gönner bewahrte Heyse stets
eine gewisse Distanz, die eine eigene Meinung zuließ. Den Ehrungen, die ihm vom
Hof zuteil wurden, hat er erstaunlich wenig Bedeutung beigemessen. Sein "von"
benutzte er selber nie. Nachdem Geibel 1868 wegen des Gedichtes "An König
Wilhelm", das den preußischen König als zukünftigen Kaiser feierte, von Ludwig
II. die Pension entzogen wurde, verzichtete auch Heyse. Er begründete diesen
Entschluss mit dem in München gewiß freimütig klingenden Bekenntnis, er sei der
gleichen Meinung wie der Gemaßregelte.
Als 1887 sein Vorschlag, Ludwig Anzengruber in den bayrischen
Maximiliansorden aufzunehmen, in München am Einspruch klerikaler Kreise
scheiterte, trat Heyse aus dem Kapitel aus und gab damit die ehrenvollste
Auszeichnung zurück, die das königliche Bayern zu vergeben hatte.
Immer wieder griff er in seinen Werken das klerikale Dunkelmännertum an und
kritisierte eine bigotte Frömmelei. Mit der Zeit wurde er immer mehr zum
selbstbewussten Kritiker der deutschen Kulturpolitik. Ein Beispiel ist sein
Verhalten in der Schillerpreis-Komission. Wilhelm I. hatte 1859 diesen Preis für
das beste dramatische Werk der jeweils letzten drei Jahre gestiftet. Die von
Heyse mitgetragenen Vorschläge 1887 (Richard Voß) und 1890 (Sudermann) wies
Wilhelm II. zurück. Als aber 1893 Fuldas "Talisman" offensichtlich wegen der
jüdischen Abstammung des Autors abgelehnt wurde, verzichtete Heyse, der sich
nicht zum "Recruten" machen lassen wollte, ab 1896 freiwillig auf das Ehreamt.
Heyse war ein Mann der Mitte, ein liberal denkender Bismarckianer. Wie viele
seiner Schriftstellerkollegen setzte er in die Reichsgründung die größten
Hoffnungen Er sah darin zunächst die Erfüllung der Ziele der 48er Revolution,
die er kurze Zeit bei den Berliner Studentengarden mitgemacht hatte. "Nach
Bismarcks Entlassung war Heyse unversöhnlich und lehnt alles Entschuldigen
hierüber ab, auch gegen die besten Freunde. [...] Heyse erblickt in
Wilhelm II. den Verderber Deutschlands," heißt es in einer zurück gehaltenen
Notiz des Heyse-Biografen Erich Petzet. Als der Fürstkanzler 1892 auch München
besuchte, jubelte auch Heyse im Gedicht dem Ehrengast zu. Er war Teilnehmer des
geselligen Abends mit dem Fürsten in der Lenbachvilla. Er rechnete dies zu den
stolzesten Erlebnissen seines Lebens. Die Begeisterung für Bismarck hinderte
Heyse nicht, dessen Politik teilweise abzulehnen. In der Zeit des
Sozialistengesetzes soll er umfangreiche illegale Sendungen der Sozialdemokratie
gedeckt haben. Er tat dies wohl aus einer allgemeinen Sympathie für die
Unterdrückten und Benachteiligten. Sonst muß man jedoch davon ausgehen, daß
Heyse gegenüber den Sozialdemokraten, die in München ja eine starke
Mitgliederbasis hatten, eher skeptisch war. Exemplarisch dafür ist sein
"Sozialist" Franzelius in seinem ersten Roman "Kinder der Welt" (1873). Heyse
zeichnete ihn durchaus positiv als jemanden, der für seine Ideale eine
bürgerliche Karriere aufgibt, schränkte aber durch die Urteile seiner Hauptfigur
Edwin, der von einer "etwas schrullenhaften Weise" und dem "dogmatisch so
verschanzten Geist" des Agitators spricht, dies wieder ein. Die Utopie dieser
Gesellschaft aus Freidenkern, die keinen Trost von "oben" mehr suchen, traf das
Lebensgefühl der in das neue Reich eingetretenen jungen Generation. Besonders
durch diesen Roman, der ihn als einen modern denkenden Dichter auswies, wurde
Heyse international bekannt.
Der Schriftsteller Richard Voß erinnerte bereits 1900 daran, daß sich kaum
noch jemand vorstellen könne, wie sehr das Buch beim Erscheinen auf die Jugend
gewirkt habe. Eine "große geistige That", sei dies gewesen, so Voß weiter. In
seiner Begeisterung hatte er sich zur Villa Heyse begeben, um dem Dichter
persönlich zu danken. Heyse neigte später weniger zu überschwenglichen
"heroischen Illusionen", sondern mehr zu einer depressiven Sicht auf eine für
ihn "kranke und ästhetisch confuse" Zeit. Das Grundmotiv vieler seiner
Erzählungen liefert schon ein Novellentitel von 1864 - "Die Reise nach dem
Glück". Die Figuren seiner Romane und Novellen sind häufig vorbildliche, edle
und künstlerisch empfindende Jünglinge oder zurückgezogen lebende "Idealisten",
selbstlos handelnde "Tat-Frauen" oder "schöne Seelen". Der empfindsame, geistig
hochstehende Mensch erweist sich jedoch bei ihm als ungeeignet, den Kampf mit
dem Niederen und Gemeinen aufzunehmen. Schweigen und Entsagen sind oft die
Reaktionen dieser Aristokraten des Geistes. Seine Leser identifizierten sich
nicht nur mit diesen zurückgezogen, in einer "schönen" Welt der Kunst lebenden
Figuren, sondern lehnten wie der Autor die unmoralische und bigotte Gesellschaft
leidenschaftlich ab, in der solche Naturen zerbrechen.
Heyse war deshalb seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts ein
Lieblingsautor der Deutschen. Für das deutsche Bürgertum war er der Garant für
eine formvollendete Poesie, die den klassischen Ideale des "großen" Goethe
nachfolgte und sie zugleich für die Gegenwart bewahrte. Er war auch ein gern
gelesener Autor für die Arbeiterschaft, die Franz Mehring in einem Aufsatz
ausdrücklich vor dem in seinen Klassenschranken befangenen Dichter warnte.
Dagegen hatte man in den literarischen Journalen Deutschlands Heyse zwar
wähend seiner produktivsten und erfolgreichsten Schaffensphase zur Kenntnis
genommen, aber auffällig wenigen Rezensionen einzelner Werke stehen eine Unmenge
von Glückwünschen und Laudatien gegenüber. Werner Martin dokumentierte zum 70.
Geburtstag Heyses (1900) 112 Beiträge, zum 80. (1910) 99, wozu noch 17 Artikel
anläßlich der Nobelpreis-Verleihung zu rechnen sind.
Trotz gelegentlicher Kritik setzte der eigentliche Stimmungsumschwung gegen
Heyse erst 1885 mit dem Wirken der naturalistischen Autoren um die Zeitschrift
"Gesellschaft" ein. Die Kritiker dieser Zeitschrift waren es, die Heyse in das
Zentrum literarischer Debatten rückten und so nicht unwesentlich zu seiner
Bekanntheit beitrugen. Für das Jahr 1885 verzeichnet die Heyse-Bibliographie
erstmals zehn Aufsätze über den Dichter, davon allein sieben in der
"Gesellschaft", der bis 1889 wichtigsten frühnaturalistischen Zeitschrift. Der
in München lebende Schriftsteller Michael Georg Conrad forderte hier ein Ende
der "Surrogatfabrikation" der sogenannten Familienblätter. Obwohl Conrad selbst
dem Jahrgang 1846 angehörte, war der Generationskampf - die Ablösung Heyses -
eines der Generalthemen der "Gesellschaft". Zwar haftete auch anderen Autoren
als Heyse der Ruf an, sie entzögen sich der Wirklichkeit, aber hier in München
war der erfolg- und einflußreiche "Künstlerfürst" Heyse das sichtbarste
Beispiel für das, was nach Ansicht der Naturalisten bekämpft werden mußte.
Conrad zielte hier besonders auf Paul Heyse, "dessen Bedeutung und Einzigkeit
nur in einem bestimmten Münchener Milieu von eng beschränktem Schönheitsempfinden
und duseliger Behäbigkeit sich zu entfalten vermochte". Da die lokale
Konstellation mit einem sich allgemein vollziehenden Wechsel in der Literatur
zusammen traf, wurde die Heyse-Feindschaft auch von den Berliner Mitarbeitern der
"Gesellschaft, Conrad Alberti und Karl Bleibtreu, übernommen. Im gleichen Jahrgang, in dem
die Naturalisten Heyse mit seinem "Quark" "[i]ns Weinland am Xenil" schicken wollten, wurden
Lingg und Schack, also ebenfalls zwei ehemalige "Krokodile", gelobt.
Heyse seinerseits war bereits ein hitziger Gegner des Naturalismus, ehe diese Richtung in
Deutschland überhaupt Fuß fassen konnte. Im "Neuen Münchner Dichterbuch" gab er schon 1882 "Den
Naturalisten" auf den Weg: "Im Leben pflegt es uns zu frommen,/ Wenn wir in gute Gesellschaft
kommen,/ Und sollen uns in der Kunst bequemen,/ Mit der Crapüle vorlieb zu nehmen?" Auffallend
ist, daß Heyse zu Beginn noch eine gewisse Gerechtigkeit wiederfuhr. Bleibtreu handelte ihn
1886 in seiner Programmschrift "Revolution der Litteratur" als einen immerhin bedeutenden,
erotischen Epiker ab. Nachdem Conrad und seine Mitarbeiter bald den Wert eines "Feindbildes
Heyse" für die eigene Profilierung erkannt hatten, galt Heyse bei den Münchner Naturalisten
bald nun nur noch als Epigone ohne eigene Kreativität, seine Sprache sei "geistesarm", die
Figuren "flach und reizlos", die psychologische Technik "roh und leichtfertig". Konrad Alberti
kritisierte ihn als "Fälscher der schlimmsten Sorte". Bemängelt wurden Heyses Stoffwahl
und seine Motivierungen. Er sei angeblich mitleids- und interessenlos, seine Sprache wirke
feminin und altersschwach. [Joachim Fernau, ebenfalls Preuße und Italienfreund, nannte ihn
"langweilig", Anm. Dikigoros.]
Es blieb nicht bei einer ästhetischen Debatte über bessere Literatur. Die Person des
"Künstlerfürsten" - seine teilweise jüdische Herkunft, seine "Unmännlichkeit", seine
Charakter-Eigenschaften, seine "Honorargeilheit" - wurden angegriffen.
In den berechtigten kritischen Einwänden schwang immer eine gehörige Portion Neid mit. So
heißt es bei Bleibtreu mit Bezug auf Heyse: "Wißt ihr, worauf es ankommt, daß heutzutage ein
Goethe sich entwickelt? Auf den Beutel desselben oder auf sein Strebertalent, auf weiter nichts."
Alberti sah in Heyse 1889 ausdrücklich nicht nur den einzelnen Menschen, sondern ein "Symbol".
Seine Kritik mündete in dem viel zitierten, später von ihm selbst zurück genommenen Satz: "Heyse
lesen, heißt ein Mensch ohne Geschmack sein - Heyse bewundern, heißt ein Lump sein."
Der Münchner Naturalismus war weniger eine neue literarische Richtung als ein von
Intellektuellen geführter Kampf gegen neureiche Gründerzeit-Mentalität, kulturelle Stagnation
und Schöngeisterei, gegen Philistertum, falsche Frömmigkeit und Verlorgenheit der öffentlichen
Moral. Der Kreis um Michael Georg Conrad stellte viel weniger literarischen Neuanfang dar, als
seine Sprecher glauben machen wollten. Ein halbwegs geschlossenes Programm oder ein literarisches
Werk, an dem die geforderte Erneuerung sichtbar werden würde, ging aus diesem Kreis nicht hervor.
Stilistisch und formal boten die Texte kaum etwas Neues gegenüber den so heftig befehdeten
traditionellen Erzählweisen. Neu war der aggressive Ton, mit dem die Gruppe - bald auch gegen
die Berliner Naturalisten um Gerhart Hauptmann - auf sich aufmerksam machte.
Dennoch wirken die heftigen und zum Teil mit viel Witz vorgetragenen
Schmähungen nach. Das Heyse-Bild in literatur-geschichtlichen Darstellungen der
Gegenwart wird nicht selten durch die Einwände seiner Gegner bestimmt. Ein
besonderes Phänomen ist auch, daß nach 1890, als bereits andere, über den
Naturalismus hinaus gehende Konzepte die literarischen Kreise aufregten, die
Fehde zwischen Heyse und Conrad andauerte. In seinem 1892 veröffentlichten Roman
"Merlin" schimpfte Heyse seitenlang auf die "Mistgabelkunst" der Moderne. Eine
Äußerung seiner Hauptfigur Georg Falkner wurde viel zitiert: "Aber man mag das
Ideal, das Heimweh nach dem Schönen und Großen mit der Mistgabel des
Naturalismus noch so hitzig austreiben, es kehrt immer wieder zurück." Heyse
meinte, hier eines seiner besten Werke geschaffen zu haben. Von Zeitgenossen wie
Heinrich Spiero wurde das Buch vor allem als peinlicher Tendenzroman gegen die
Naturalisten aufgefasst. Conrad wiederum nutzte seinen Roman "Majestät" (1912)
zu etlichen Seitenhiebe gegen Heyse. Die Berufenen waren für ihn noch immer
"diese grellblütigen Streber und kryptogamen Großborussen, diese
klassisch-romantischen Epigonen und vornehmen Ritter vom Zeitungsgeist". Der
Autor stellte hier, wie schon 50 Jahre zuvor die Münchner Presse, die
rhetorische Frage, ob Maximilian II. mit der Berufung der "Nordlichter" wirklich
"eine geniale patriotische That gethan".
Der Grundstein für das Vergessen-Werden war mit der langen und heftigen
Feindschaft gelegt, zumal der alternde Dichter zwar viel, aber wenig Neues
vorlegte. In seinen Gedichten finden sich Abschiede und sentimentale Rückblicke.
Ihm passierte es nun, wie Isolde Kurz anmerkte, "daß er in einer ganz späten
Novelle noch einmal die Mischheirat zwischen Adelig und Bürgerlich als ein
pathetisch zu nehmendes Problem behandelte, während längst Prinzen aus
regierenden Häusern sich Frauen aus dem Bürgerstand holten und eine Schwester
der Kaiserin in glücklicher Ehe mit einem Kliniker lebte". Im Jahre 1900 hatte
Heyse den Höhepunkt seines Ruhmes überschritten. Wilhelm Bölsche,
Georg Brandes, Maximilian Harden, Alfred Kerr widmen ihm dennoch, neben vielen
anderen, einen Geburtstags-Artikel. Wie von Jenseits wirkte der 70-jährige auf
seine Leser: "So zwischen Weltgedrähn und Weltvergehn;/ Ein Lächeln auf der
Lippe, wachest Du;/ Von hüben aber und von drüben wehen/ Dir Lieder zu",
dichtete Ludwig Fulda. Dem jungen Joachim Ringelnatz bereitete es bei einem
Besuch Probleme, dem Dichter auf die Frage, "Was kennen sie zum Beispiel?",
wenigstens dessen einst populäres "Lied von Sorrent" vorzutragen. Als Hans
Carossa um 1897 mit der Lektüre des Romans "Kinder der Welt" begann, kam er kaum
über das erste Drittel hinweg und wechselte bezeichnenderweise zu einem Drama
von Gerhart Hauptmann. In Otto Julius Bierbaums "Steckbriefen, erlassen hinter
dreißig literarischen Übelthätern gemeingefährlicher Natur von Martin Möbius"
oder im "Simplicissimus", der besten Satire-Zeitschrift vor dem Ersten Weltkrieg,
erscheint Heyse bloß noch als Karikatur.
Der "Dichterfürst" hat sich seinerseits weiter über die Aktivitäten der
jüngeren Schriftsteller-Generation unterrichtet und im vertrauten Kreis weit
sachkundigere und gerechtere Urteile abgegeben als in seinen Romanen. Als
Literaturkritiker bewahrte er sich den Blick für das qualitativ Gute und Neue.
Ludwig Thoma erinnerte sich 1920: "Der alte Heyse sagte mir bei seinem 80.
Geburtstag, ich sei für ihn das interessanteste "Phänomen". Als Altbayer der
erste und einzige, der vollständig einen bis dahin ungehobenen Schatz gehoben
hätte, und als Repräsentant der anscheinend so schwerfälligen und wuchtigen
Rasse doch wieder von einer unglaublichen Leichtigkeit im Schaffen. Roman,
Novelle, Lustspiel und politische Lyrik sei eine Häufung von Talent, die er
unbegreiflich fände."
Heyse starb am 2. April 1914 in München. "Ihm wurde es erspart", schrieb
Isolde Kurz, "den Krieg mit Italien, den Zusammenbruch Deutschlands und den
Einsturz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft zu sehen, auf deren Wertsetzungen
er selbst mit seiner Person und seinen Werken stand. Von seinem Grabe
heimkehrend wußte man, daß man dem Begräbnis einer ganzen Ära angewohnt hatte.
Auch wer sich mit seinem Weltbild im Widerspruch befand, konnte den Eindruck
einer plötzlich eingetretenen Leere nicht abweisen, weil eine Gestalt wie die
seinige unter den Jüngeren nicht mehr möglich war."
1830: Am 15. März 1830 wird Heyse in Berlin in der Heiliggeiststraße geboren. Der Vater, Carl Wilhelm Ludwig Heyse, Professor für klassische Philologie, war in jungen Jahren Erzieher von Wilhelm von Humboldt und Felix Mendelssohn. Die Mutter, Julie Heyse, stammt aus der begüterten und kunstinteressierten Familie des preußischen Hofjuweliers Jakob Salomon (nach dessen Übertritt vom Judentum zum Christentum Saaling). In in seinem Elternhaus trifft sich die kultivierte Gesellschaft, um sich über Musik und Kunst zu unterhalten.
Heyse ist bis 1847 Schüler des renommierten Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums. Sein Reifezeugnis weist ihn als Musterschüler aus.
Durch die Mutter, die unter anderem mit der Familie Mendelssohn-Bartholdy verwandt ist, erlangt er Zutritt zu den künstlerischen Salons Berlins. Heyse, der als Gymnasiast mit eigenen poetischen Versuchen hervortritt und einen Dichterclub mitbegründet, lernt so seinen späteren literarischen Mentor, den 15 Jahre älteren Emanuel Geibel kennen, der ihn in das Haus seines zukünftigen Schwiegervaters, den Kunsthistoriker und Schriftsteller Franz Kugler, einführt.
Geibel fördert Heyse und aus dem Zusammentreffen der beiden Literaten enstehen eine lebenslange Freundschaft und einige gemeinsame Arbeiten.
1847: Nach seinem Schulabschluss beginnt Paul von Heyse 1847 mit dem Studium der klassischen Philologie in Berlin. Dort kommt er in Kontakt mit Burckhardt, Menzel, Theodor Fontane und Theodor Storm und schließt sich ab 1849 ihrem Dichterkreis "Tunnel über der Spree" an.
"Frühlingsanfang 1848", das erste gedruckte Gedicht Heyses, drückt seine Begeisterung für die 48er Revolution aus. Nach einem kurzzeitigen schwärmerischen Ausflug zu den Studentengarden zieht er sich, vermutlich auch aus Rücksicht auf seine Eltern und Geibel, wieder zurück.
1849: Nach zwei Jahren Studium in Berlin wechselt er im April zum Studium der Kunstgeschichte und Romanistik nach Bonn.
1850: Er entscheidet sich entgültig für den Dichterberuf und beginnt seine Dissertation bei Friedrich Diez, dem Begründer der romanischen Philologie in Deutschland. Wegen einer Liebesaffäre mit der Frau eines seiner Professoren kehrt Heyse Ostern nach Berlin zurück. Heyses Erstling "Der Jungbrunnen" (Märchen und Gedichte) erscheint 1850 anonym vom Vater herausgegeben. Heyse bekommt vom Verleger Alexander Duncker ein Manuskript des noch unbekannten Theodor Storm. Seine begeisterte Rezension der "Sommergeschichten und Lieder" wird der Grundstein einer dauerhaften Dichterfreundschaft.
1851: Heyse gewinnt in einem internen Balladenwettstreit des "Tunnels" mit seiner Ballade "Das Tal von Espigno".
1852: Heyses erste Novelle "Marion" wird im "Tunnel" ausgezeichnet. Das später mehrfach vertonte "Spanische Liederbuch" mit Übersetzungen von Geibel und Heyse erscheint. Es ist der Beginn einer lebenslangen Übersetzertätigkeit, in der Heyse vor allem als Vermittler der italienischen Literatur (Leopardi, Giusti) Hervorragendes leistet. Um den steifen Umgangsformen im "Tunnel" zu entgehen, finden sich einige der Mitglieder (u.a. Kugler, Lepel, Fontane, Storm, Heyse) im Dichterverein "Rütli" zusammen. Im Mai Promotion über den Refrain in der Poesie der Troubadoure, danach dank eines preußischen Staatsstipendiums Italienreise zur Untersuchung alter provenzalischer Handschriften.
1852: Heyse erhält Hausverbot in der Bibliothek des Vatikans, weil er sich Notizen von ungedruckten Handschriften gemacht hat. Heyse freundet sich mit zahlreichen Künstlern an, u.a. mit Arnold Böcklin und Joseph Viktor von Scheffel.
1853: Heyse kehrt nach Deutschland zurück. Unter dem Eindruck der italienischen Landschaft entstehen Werke, die ihn weithin als Schriftsteller bekannt machen, u.a. die Tragödie "Francesca von Rimini". Heyses berühmteste Novelle, "L'Arrabbiata", und seine "Lieder aus Sorrent" erscheinen als Beitrag in "Argo", dem Jahrbuch des "Rütli".
1854: Der Dichter Emanuel Geibel überredet den bayrischen König Maximilian II., Paul Heyse mit einer hohen Pension nach München zu berufen. Heyse erhält eine Professur in romanischer Philologie, liest jedoch niemals an der Universität. Nach der Heirat mit Margarete Kugler Ankunft in München am 25. Mai 1854. Bei seiner ersten Audienz beim König überreicht Heyse seine Verserzählungen "Hermen". Beginn eines regen geselligen Lebens mit den "Nordlichtern" Geibel, Heyse und Riehl. Gründung des geselligen Dichtervereins "Das Krokodil". Zu den bekannteren Mitgliedern des Vereins gehören neben Heyse und Geibel: Felix Dahn, Wilhelm Hertz, Hermann Lingg, Franz von Kobell, der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl, Friedrich Bodenstedt, der Reiseschriftsteller und Kunstmäzen Adolf Friedrich von Schack. Im Dezember beginnt Heyse eine langjährige Korrespondenz mit Eduard Mörike.
1855: In erster Ehe werden Heyse vier Kinder geboren, sein Erstgeborener Franz am 22. August. Mit Geibel baut er einen Dichterkreis in München auf, in dem die perfekte Beherrschung der Formen der poetisch-realistischen Lyrik gelehrt wird, und gründet die Dichtervereinigung "Krokodil", um den literarischen Austausch anzukurbeln. Gleichzeitig beginnt er mit dem Schreiben seiner Novellen. Die berühmteste seiner über 150 Erzählungen, "L'Arrabiata", wird veröffentlicht.
1857: In Zürich Beginn einer Freundschaft mit Gottfried Keller, ab 1859 reger Briefwechsel, ab 1872 gegenseitige Besuche.
1858: Heyse muß einige Mitglieder der Familie Kugler versorgen und deshalb den ungeliebten Redakteursposten beim "Literaturblatt zum deutschen Kunstblatt" annehmen. Er sagt ein verlockendes Angebot des Großherzogs Carl Alexander von Weimar ab, der ihn zur Übersiedlung nach Thüringen bewegen will. Beginn der Freundschaft mit dem schwäbischen Dichter Hermann Kurz.
1859: Mit der Tragödie "Die Sabinerinnen" gewinnt Heyse erstmalig einen vom bayrischen König ausgesetzten Literaturpreis. Theodor Fontane nimmt an einem der "Symposien" teil. Heyse versucht vergeblich, dem damals Mittellosen eine Stellung in München zu verschaffen.
1860: Angeregt durch ein Bild seines Freundes Buonaventura Genelli schreibt Heyse für "Argo" die Novelle "Der Centaur". 1870 wird sie neu bearbeitet unter dem Titel "Der letzte Centaur" herausgegeben. Außerdem erscheint die Sammlung italienischer Volkslieder "Italienisches Liederbuch".
1861: Heyse lernt in Wien Grillparzer und Hebbel kennen. Auf Heyses Zureden übernimmt der Verleger Wilhelm Hertz Fontanes Balladen in seinen Verlag.
1862: Margarete Heyse, geb. Kugler erliegt am 30. September in Meran einer Lungenkrankheit. Mit dem Schauspiel "Ludwig der Bayer" erfüllt Heyse einen lang gehegten Wunsch Maximilian II., ein bayrisches Historiendrama zu schaffen. Das Stück fällt bei der Aufführung durch. In diesem Jahr: "Ein Münchner Dichterbuch", herausgegeben. mit Emanuel Geibel "Andrea Delfin" erscheint in der Sammlung "Neue Novellen".
1864: "Gesammelte Novellen in Versen" (erweitert 1870), "Meraner Novellen" , "Hans Lange" (Schauspiel)
1865: "Hadrian" (Tragödie), "Maria Maroni" (Tragödie), "Die Witwe von Pisa" (Novelle). "Colberg" wird Heyses populärstes Stück.
1867: Heyse heiratet die blutjunge Münchnerin Anna Schubart; "Beatrice" (Novelle)
1868: "Das Mädchen von Treppi" , "Die Stickerin von Treviso" (Novellen)
1869: "Moralischen Novellen"
1870: "Die Göttin der Vernunft" (Tragödie)
1871: Heyse wird Mitglied des bayrischen "Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst". In der Einleitung des "Deutschen Novellenschatzen" (bis 1876 24 Bd., hg. mit Hermann Kurz) entwickelt Heyse seine "Falkentheorie"; "Die Stickerin von Treviso" (Novelle)
1872: "Novellenschatz des Auslandes (7 Bd. mit Hermann Kurz, vermehrt 1903, 14 Bd.) sowie "Gedichte" (vermehrt 1885)
1873: "Kinder der Welt", vorabgedruckt 1872 in der "Spenerschen Zeitung", erregt landesweite Aufmerksamkeit. Der erfolgreiche Roman festigt Heyses Ruf, ein moderner Geist zu sein.
1874: "Nerina" (Novelle)
1875: Briefwechsel mit Wilhelm Raabe, dem Autor des Romans "Der Hungerpastor". "Ehre um Ehre" (Schauspiel), "Im Paradiese" (Roman)
1877: Das Trauerspiel "Elfride" erhält begeisterte Zustimmung, u.a. von Turgenjew und Storm; "Graf Königsmarck" (Tragödie), "Skizzenbuch" (Gedichte)
1878: "Neue moralische Novellen"
1879: "Das Ding an sich" (Novellen), "Der Salamander" (Tragödie)
1881: "Die Weiber von Schorndorf" (Schauspiel), "Das Glück von Rothenburg" (Novelle)
1882: Im "Neuen Münchner Dichterbuch" faßt Heyse noch einmal die literarischen Leistungen der "Krokodile" zusammen. Auf Anraten Heyses erhält Storm den bayrischen Maximiliansorden; Troubadour-Novellen
1883: "Siechentrost" (Novelle), "Buch der Freundschaft" (Novellen), "Alkibiades" (Tragödie), "Unvergeßbare Worte" (Novellen)
1884: Heyse wird Vorsitzender der Deutschen Schillerstiftung, deren Gründungsmitglied er 1855/59 war; "Neuer deutscher Novellenschatz" (bis 1888 24 Bd., hg. mit L. Laistner)
1885: Heyse wird in den konstituierenden Vorstand der Goethegesellschaft in Weimar gewählt.Von der Gruppe der Münchner Naturalisten um Michael Georg Conrads Zeitschrift "Gesellschaft" wird er zum Symbol einer veralteten Kunstgesinnung erklärt und von nun an heftig bekämpft.
1886: "Himmlische und irdische Liebe" (Novellen).
1887: Heyse wird Mitglied der Jury für den preußischen "Schillerpreis"; "Der Roman der Stiftsdame"
1888: "Villa Falconieri" (Novellen)
1889: "Italienische Dichter seit der Mitte des 18. Jahrhunderts" (1905, 5 Bd., Übersetzungen, Studien), "Kleine Dramen".
1890: Heyse wird Ehrenbürger der Stadt Kolberg.
1891: "Weihnachtsgeschichten"
1892: "Merlin" (Roman)
1894: "In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten"
1895: "Melusine" (Novelle), "Über allen Gipfeln" (Roman).
1896: "Vanina Vanini" (Tragödie)
1897: "Das Rätsel des Lebens" (Charakterbilder), "Neue Gedichte und Jugendlieder".
1898: "Der Bucklige von Schiras" (Komödie), "Der Sohn des Vaters" (Novellen).
1899: Heyse verbringt die Winterhalbjahre des nächsten Jahrzehnts in seiner Villa in Gardone am Gardasee; "Maria von Magdala", "Neue Märchen", "Das literarische München - 25 Porträtskizzen"
1900: Heyse wird zum Münchner Ehrenvorsitzendes des "Deutschen Goethebundes zur Wahrung der geistigen Freiheit", außerdem Ehrenmitglied der Deutschen Schillerstiftung. Sonderhefte ("Jugend"), Alben und zahlreiche Publikationen zu seinem 70. Geburtstag; "Jugenderinnerungen und Bekenntnisse"
1901: "Gefangene Singvögel" (Novelle)
1902: "Novellen vom Gardasee", "Ninon" (Novelle)
1903: "Moralische Unmöglichkeiten" (Novellen), "Ein Wintertagebuch, Gardone 1901-1902"
1904: "Mythen und Mysterien"
1905: "Die törichten Jungfrauen" (Komödie), "Crone Stäudlin" (Roman)
1906: "Victoria Regia und andere Novellen"
1907: "Gegen den Strom" (Roman)
1908: "Menschen und Schicksale" (Novellen)
1909: "Die Geburt der Venus" (Roman), "Helldunkles Leben" (Novellen)
1910: Die Stadt München ernennt Heyse anläßlich seines 80. Geburtstages zum Ehrenbürger. Der Prinzregent Luitpold verleiht ihm den persönlichen Adel, von dem er jedoch nie Gebrauch macht. Am 10. Dezember erhält Heyse als erster deutscher Autor für ein belletristisches Werk den Literatur-Nobelpreis.
1914: Heyse stirbt als letzter der großen Erzähler des 19. Jh. am zweiten April, wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und wird auf dem Münchner Waldfriedhof begraben. [Über 90 Jahre lang - bis zum gewaltsamen Tod des schwulen Schickimicki-Schneiders Rudi Moshammer - soll es der aufwendigste Trauerzug in der Münchner Geschichte gewesen sein, Anm. Dikigoros.] Die "Letzten Novellen" und die "Italienischen Volksmärchen" werden die letzte Arbeiten Heyses.
Paul von Heyse entwickelte eine Novellentheorie, um der Formauflösung entgegen zu wirken. Sie ging als "Falkentheorie" in die Literatur-Geschichte ein, da Heyse sie am Beispiel jener Boccaccio-Novelle erläuterte, in der ein verliebter, aber verarmter Jüngling seiner Angebeteten seinen einzigen Besitz, einen Falken, als Essen serviert. Diese Besonderheit müsse in jeder Novelle zu finden sein, meint Heyse. In vielen seiner Novellen verwirklichte er die Falkentheorie.
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