1. Das Schiller Jahr 1934
Der 10. November 1934 war der Tag, an dem sich der
Geburtstag Friedrich Schillers das 175. Mal jährte. Deshalb kommt dem Jahr
1934 herausragende Bedeutung für die Erforschung der Wirkung und Rezeption
Schillers zu.
Die Feiern, die in diesem Jahr zu Ehren Schillers
veranstaltet wurden, heben sich aus der Menge ähnlicher Veranstaltungen durch
die besondere Aufmerksamkeit hervor, die die Staatsorgane und die der
herrschenden Partei ihnen widmeten.1
Öffentliche Feiern, Staatsakte und
Massenveranstaltungen hatten eine wichtige Funktion in der Regie des
öffentlichen Lebens im nationalsozialistischen Staat zu erfüllen.2 Neben der
Befriedigung eines den Volksmassen unterstellten Wunsches nach »circenses«
sollten sie vor allem das Gemeinschaftsbewußtsein der Volksgemeinschaft wecken
und stärken. Die Empfindung, die viele Teilnehmer an einer Massenveranstaltung
ergriff, war die der Zugehörigkeit, womit ein Ziel der Veranstalter erreicht
war: der einzelne sollte sich mit der nationalsozialistischen
Volksgemeinschaft identifizieren. Diese politischen Absichten überdeckten oft
den eigentlichen Anlaß der Veranstaltung, so daß sich Feiern, die aus
verschiedensten Anlässen veranstaltet wurden, nach äußerem Rahmen und Inhalt
der Festreden dennoch sehr ähnelten.
Einige Veranstaltungen, die 1934
zu Ehren des Schiller-Geburtstages stattfanden, lassen die politische
Prioritätensetzung der Veranstalter deutlich erkennen. Gewisse gigantomanische
Züge, die vielen nationalsozialistischen Massenveranstaltungen eigen waren,
prägten auch die Schiller-Feiern.
Die erste größere Schiller-Feier des
Jahres fand am 21. Juni in Marbach am Neckar statt. 3 An diesem Tag huldigte
die Jugend Deutschlands einem, wie der >Völkische Beobachter< schrieb,
»Paten des 3. Reiches«. Eine Stafette von 18 000 Jungen aus allen deutschen
Gauen trug Blumen zum Marbacher Schiller-Denkmal. Eine andere Stafette aus dem
Ruhrgebiet trug zur Entfachung eines Holzstoßes, der »zum Zeichen der
Wiederauferstehung des heldischen deutschen Geistes Schillers in unserer Zeit«
entflammen sollte, ein Feuer nach Marbach, das an der »ewigen
Schlageterflamme« entzündet worden war.4
In den folgenden Monaten, vor
allem aber im November, fanden in allen größeren Städten des Deutschen Reiches
Feiern unter starker Anteilnahme der örtlichen Prominenz aus Staat und Partei
statt. Berlin ehrte den Dichter mit einer von bekannten Schauspielern
gestalteten Morgenfeier und einer über den Tag verteilten vielstündigen
Aufführung des gesamten Wallenstein; Frankfurt als »Stadt des Schillerfreundes
Goethe« beging eine Festwoche, die der anwesende Präsident der
Reichstheaterkammer, Otto Laubinger, in das Zeichen des revolutionären und
politischen Schiller stellte; die Schiller-Woche in Bochum stand unter dem
Motto »Schillers deutsche Sendung«; Erfurts Bühnen führten zu Ehren Schillers
nationalsozialistische Tendenzstücke und Wagners Tristan und Isolde auf;
München ehrte die »2 hohen Feiern«, nämlich den »Tag der Feldherrnhalle« (am
9. November 1923 unternahm
Hitler
seinen Putschversuch) und den Schiller-Geburtstag, mit Wilhelm Tell.
Die Universität zu Jena wurde in
»Friedrich-Schiller-Universität« umbenannt; Stuttgart weihte ein Schiller-Haus
ein (das Haus, in dem Schiller bei einem Besuch in der Heimat im März 1794
Quartier nahm). Eine Jubiläumslotterie erinnerte ebenso an den Geburtstag wie
zwei nach einer Steinzeichnung Karl Bauers (1905) angefertigte
Sonderbriefmarken der Reichspost, die ein Porträt Schillers im Lorbeerkranz
zeigen.
Der Rundfunk machte Schillers Schauspiele zu Hörspielen und
trug sie so in die Wohnstuben. Insgesamt wurden 1934 von den einzelnen Sendern
sämtliche Stücke Schillers übertragen.5
Am Sonnabend, dem 10. November
1934, übertrugen ab 20.15 Uhr alle Sender des Reiches eine zweistündige
Schiller-Feier. Die im folgenden wiedergegebene Sendefolge kann als Beispiel
für eine große Zahl überall im Deutschen Reich veranstalteter ähnlicher Feiern
gelten:
1. Das Lied an die Freude, im Volkston
2. Ouvertüre zu <Iphigenie in Aulis<, von Gluck -Wagner<br>
3. Vorspruch von Heynicke6
4. Dichter der Nation (Von Walter von der Vogelweide bis Friedrich Schiller)
5. Der Pilgrim, von Schubert
6. An die Hoffnung, Chorsatz von Reichardt (1752-1814)
7. Die Worte des Wahns
8. Die Worte des Glaubens, Chorsatz von Reichardt
9. Die Teilung der Erde
10. Jupiter-Sinfonie, 4. Satz, von Mozart
11. Huldigung, von Hans Heinrich Ehrler7
12. Morgenlied, vertont für Männerchor, von Becker
13. Die Macht des Gesanges
14. An den Frühling, Männerchor von Schubert
15. Ewige Worte (Aus dem Werke Schillers)
16. Reiterlied aus <Wallensteins
Lager<, Männerchor mit Feldmusik, von Zahn<br>17. Aus der Pastorale
(Sinfonie Nr. 6), von Beethoven
18. Widmung zu >Wilhelm Tell<
19.
<Wilhelm Tell<: Rütli-Szene<br>20. Ausklang
Mitwirkende: Gustaf Gründgens, Paul Hartmann, Friedrich
Kayßler, Eugen Klöpfer, Hermine Körner, Lothar Müthel, Emmy Sonnemann, Julius
Patzak, Margarete Teschemacher.8
In der zur besten Sendezeit am
Samstagabend unter Mitwirkung bekannter Künstler von Theater und Film von der
Stuttgarter Liederhalle aus verbreiteten Schiller-Feier wurde nicht auf die zu
dieser Zeit am meisten zitierten Texte aus Schillers Werk verzichtet.
Texte von »Dichtern der Nation« (Programmpunkt 4) wurden kommentarlos
vorgetragen und mit einem Sprechchor Ans Vaterland ans teure, schließ dich an
umrahmt. Unter »Ewige Worte« (Programmpunkt 15) faßte man Textstellen aus dem
Werk zusammen, in denen von der »Ehre des Krieges« und vom »Glück des
Friedens« die Rede ist.9 Das Reiterlied fehlt ebensowenig wie das Karl Theodor
von Dalberg gewidmete Gedicht zum Wilhelm Tell und der Rütlischwur. Zum
"Ausklang" wurde nochmals der Sprechchor Ans Vaterland wiederholt und beide Nationalhymnen
gesendet. (Das Horst-Wessel-Lied wurde als zweite Nationalhymne bezeichnet.)
Am Vormittag desselben Tages hatte der Rundfunk bereits
die Schiller-Feier aus Marbach übertragen, die nach den Feierlichkeiten in
Weimar das herausragende Ereignis dieser Tage darstellte.10 Die Marbacher
Feier, an der einige Tausend mit Sonderzügen der Reichsbahn angereiste
Festgäste teilnahmen, trug betont politischen Charakter, wofür nicht zuletzt
die Ausgestaltung der Feier durch das Reichsministerium für Volksaufklärung
und Propaganda verantwortlich war.
Die offizielle Rednerliste wies nur
einen Namen auf, dessen Träger nicht wenigstens ein Parteiamt innehatte; aber
auch der Geheimrat Prof. Dr. Otto von Güntter betonte in seiner Rede wie seine
Vor- und Nachredner die Bedeutung Schillers für die nationalsozialistische
Gegenwart und wies auf die Übereinstimmung von Schillers Weltanschauung und
der des Nationalsozialismus hin. Im Verlauf der Marbacher Schiller-Feier, die
außerhalb des offiziellen Teiles Volksfestcharakter trug, wurde oft
»vieltausendstimmig« das Reiterlied gesungen. Den Höhepunkt der
Veranstaltungen zu Ehren Schillers aber bildete die »Reichsschillerwoche« in
Weimar.
b) Der Staatsakt der Reichsregierung in
Weimar
Die »Reichsschillerwoche« in Weimar begann am 7. November
mit einer Freilichtveranstaltung, während der Wallensteins Lager aufgeführt
wurde, ein 600köpfiger Knabenchor das Reiterlied sang, der thüringische
Minister Wächtler eine Rede hielt (Schillers Wort >Und setzet ihr nicht das
Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein< muß mit Adolf Hitlers Ruf
>Du bist nichts, dein Volk ist alles< leuchtendes Geleitwort für die
deutsche Jugend sein.«) und ein Fackelzug zur Fürstengruft führte.
An diese Eröffnungsfeierlichkeiten schlossen sich zahlreiche Theateraufführungen,
Festreden, Kranzniederlegungen und Gedenkakte an. Im Mittelpunkt aller
Festlichkeiten stand der Staatsakt der Reichsregierung am 10. November im
Weimarer Nationaltheater.
Viel Prominenz aus Staat und Partei fand sich
zu diesem Tag in Weimar ein, an ihrer Spitze der Führer und Reichkanzler, der
so »Friedrich von Schiller ehrte, in dem der deutsche Genius des 20.
Jahrhunderts sich beugt vor dem Genius des 18. Jahrhunderts«. 11 Der
>Völkische Beobachter< berichtete über den Ablauf des Staatsaktes an
hervorragender Stelle auf der ersten Seite. Das nebenstehende Foto zeigt
Hitler beim Verlassen des Schiller-Hauses - in Zivil, Hut in der Hand -, dem
er einen Besuch abstattete. Hitler - im Frack - war auch beim Staatsakt am
Abend des 10. November im Weimarer Nationaltheater anwesend. Höhepunkt des
Staatsaktes war die Rede des Ministers für Volksaufklärung und
Propaganda.12
In dieser Rede stellt
Goebbels
zunächst eine Beziehung
zwischen der Gegenwart und Schiller her und nennt Schiller - die Bibel
zitierend - »Blut von unserem Blut und Fleisch von unserem Fleische«.13
Zweifellos wäre nach Meinung des Ministers Schiller, hätte er im 20.
Jahrhundert gelebt, ein Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung
geworden. Mit dieser Äußerung befindet sich Goebbels in Einklang mit später
von ihm zurückgewiesenen Bestrebungen, nach denen die deutsche Vergangenheit
mit nationalsozialistischen Maßstäben gemessen werden sollte. Das aus Goethes
Epilog zu Schillers Glocke stammende »Denn er war unser« wird auch am Schluß
dieser Rede zitiert; der oft angeführte Satz könnte als Überschrift über der
gesamten Rede stehen.
An zwei Stellen seiner Rede bescheinigt der
Minister Schiller »nicht nur Genie, sondern auch Charakter«, der es ihm
ermöglicht habe, zeitnah zu sein, ohne in der Zeit unterzugehen.14 Diese
Feststellung gibt Goebbels Gelegenheit für einen Seitenhieb gegen die nach der
Machtübernahme entstandenen Theaterstücke der sogenannten »Konjunkturritter«,
die aus Opportunismus eine Vielzahl politisch tendenziöser Stücke
produzierten. Das Fehlen nationalsozialistisch ausgerichteter Theaterstücke,
die sowohl künstlerischen wie ideologischen Ansprüchen genügt hätten, war ein
von der Kulturführung ständig beklagter Mißstand.
Früheren und
gegenwärtigen Dilettanten hält Goebbels mit einem Jesus-Wort den »berufenen
und auserwählten« (Matth. 20,16) Schiller entgegen. Dieser habe die Fähigkeit
besessen, aus zeitlich und räumlich entfernt liegenden Stoffen zeitnahe
Kunstwerke zu schaffen. Auch für die gegenwärtige Epoche sei Schiller der
zeitnächste dramatische Gestalter, weil seine Figuren den Zug des ewig
Menschlichen an sich trügen.
Nach diesem Rückgriff auf einen Topos aus
der »liberalistischen« Schiller-Deutung vergißt Goebbels nicht, die
Schiller-Deutung vor 1933 zu schmähen (»Heer der Schwätzer«). Anschließend
zeichnet Goebbels in schwungvoller und bilderreicher Rede ein Porträt des
Dichtergenies Schiller, der in seinem leid- und arbeitsvollen Leben »mit
seinem Pfunde wucherte« (Luk. 19, 12). Im neuen Deutschland erlebe Schiller
eine Wiedergeburt, zu ihm bekenne sich das ganze deutsche Volk durch den Mund
des Propagandaministers.
c) Die Bedeutung der Schiller-Feiern für
die Staats- und Parteiführung
Die Presse begleitete die Feiern zu
Schillers Geburtstag mit zahlreichen Artikeln über Schiller, zu denen auch
noch eine kaum übersehbare Menge von Theaterkritiken zu rechnen ist.15 Auch
der >Völkische Beobachter<, das Zentralorgan der NSDAP, räumte 1934
Schiller viel Platz in seinen Spalten ein. Am 13. November erschien eine
Schiller-Würdigung an einer Stelle, die sonst der Besprechung aktueller
politischer Ereignisse vorbehalten blieb. Kein anderer Literaturproduzent hat
nach 1933 eine derartige Herausstellung durch dieses Blatt
erfahren.16
Betrachtet man den Artikel aber im Rahmen der politischen
Dimension der Schiller-Ehrung von 1934, so verliert er seinen
Ausnahmecharakter auf dem Platz in der Zeitung, der der Erörterung für wichtig
gehaltener politischer Aktualitäten vorbehalten war.
Sämtliche
Presseorgane der NSDAP hatten Schiller-Würdigungen in ihr redactionelles
Programm aufzunehmen. Unter der Überschrift »Rufen wir ihn zu neuem Leben!
Schiller und die Gegenwart« widmete die >Nationalsozialistische Partei
Korrespondenz. Pressedienst der NSDAP< ihre 265. Folge dem 10. November
1934.17
Das so durch die Parteipresse bekundete große Interesse der
nationalsozialistischen Führung an Schiller ist nicht allein ableitbar aus den
Erklärungen nationalsozialistisch orientierter Schiller-Deuter, nach denen man
Schiller als einen Urahnen des Nationalsozialismus verehren müsse. Da in den
ersten Jahren nach der Machtergreifung der Ruf nach Politisierung aller
Volksschichten und Lebensbereiche besonders laut war, wird man die Gründe für
den Aufwand um die Schiller-Feiern auch im politisch-taktischen Kalkül der
Führung zu suchen haben.
Der Tag vor Schillers Geburtstagsjubiläum, der
9. November, galt als heiligster Tag in dem an Gedenktagen reichen
nationalsozialistischen Jahreslauf.18 An diesem Tag wurde alljährlich an die
»Blutzeugen der Bewegung«, die getöteten Teilnehmer am Hitler-Putsch von 1923,
erinnert. Am 9. November 1934 wurden die Gedenkfeierlichkeiten in München
jedoch nicht von der gleichen Begeisterung begleitet wie im Vorjahr; die
Erinnerungen der versammelten Parteimitglieder, besonders der SA-Männer, an
die Ereignisse vom 30. Juni desselben Jahres waren noch frisch. Hitlers
Vorgehen im Sommer gegen die angeblichen Verschwörer um Röhm und sonstige
Regimegegner hatte 150-200 Menschenopfer gefordert, auf die Hitler in seiner
Rede auch als »Blutzeugen« anspielte.19
Die Aktionen vom Juni waren
blanker Terror, ein Hohn auf alle Rechtsstaatlichkeit gewesen. Indem sich die
für den Terror verantwortliche Regierung aber zu einem prominenten Vertreter
klassischer deutscher Humanität bekannte, hoffte sie wohl auch, die durch das
staatlich sanktionierte Morden hervorgerufene Skepsis in bürgerlichen Kreisen
etwas neutralisieren zu können. Die zeitliche Nachbarschaft des
Schiller-Geburtstages zum größten nationalsozialistischen Feiertag erlaubte es
dem reisefreudigen Hitler, sich an dem einen Tag in München uniformiert in der
Eigenschaft als Führer seiner braunen Armee auszustellen, um am nächsten Tag
als seriöser Staatsmann im Frack seine Verehrung für Schiller in Weimar zu
bekunden. Schon in diesen Äußerlichkeiten wird der Versuch spürbar, eine
direkte Verbindungslinie zu ziehen zwischen Schiller und den Protagonisten des
Nationalsozialismus.
Die stetige Berufung auf Schiller durch
Publizisten und Festredner, die leitende 'Funktionen in Staat und Partei
innehatten, legt daher den Schluß nahe, daß es den Veranstaltern der
Feierlichkeiten vor allem um propagandistische Effekte ging bei jenen, für die
Schiller noch eine maßgebende politische und moralische Instanz
war.20
Ein weiteres Ziel, auf das sich die propagandistischen
Bemühungen richteten, lag im westlichen Ausland. Dem Vorwurf, der in der
ausländischen Presse und von Emigranten gegen die nationalsozialistische
Kulturpolitik im Anschluß an die Bücherverbrennungen und die Verfolgung
nichtarischer und politisch andersdenkender Künstler, Wissenschaftler und
Schriftsteller erhoben wurde, der Nationalsozialismus sei barbarisch und
ungeistig, versuchte man durch den Hinweis auf die Ehre, die man Schiller und
damit dem kulturellen Erbe erweise, zu begegnen. Sogar auf die problematische
außenpolitische Situation des Deutschen Reiches erhoffte sich ein Festredner
günstigen Einfluß durch die Schiller-Ehrung. »Wenn heute ein gewisser Teil der
Welt glaubt, uns nicht anerkennen zu müssen, so appellieren wir an diese Welt
draußen im Namen des Genius Friedrich Schillers.«21
Wie bei keiner
anderen Gelegenheit zeigte sich während der Schiller-Feiern von 1934 das
Bemühen der herrschenden Partei, sich als würdige Erbin deutscher
Kulturtradition auszuweisen. Die Feiern vom November 1934, besonders der
Staatsakt der Reichsregierung in Weimar, und der am 21. März 1933
veranstaltete »Tag von Potsdam« sind in Zielsetzung und Durchführung
wesensgleich. Hier wie dort ging es der nationalsozialistischen Führung darum,
sich als Folgeglied in Traditionsketten darzustellen, die eng mit zwei
Ortsnamen, Potsdam und Weimar, verbunden sind.
Indem sich der
Nationalsozialismus aber auf der einen Seite in der Rolle des Nachfahren
preußischen Deutschtums und auf der anderen Seite als Bewahrer des besten
deutschen Dichter- und Denkertums gefiel, erhob er auch den Anspruch, die
beiden - oft als Gegensätze aufgefaßten - Geisteshaltungen, die in den Namen
Potsdam und Weimar symbolisiert waren, in sich zu vereinen.
Wird bei
der Erörterung der Schiller-Feiern von 1934 dieser politische Hintergrund
berücksichtigt, so kann die Frage, ob der Nationalsozialismus sich tatsächlich
in den Ideen Schillers wiedererkannte, wie ständig behauptet wurde, nur
negativ beantwortet werden. Schiller wurde nicht in diesem überdimensionalen
Maße von der nationalsozialistischen Führung gefeiert, weil sein Gedankengut
mit der nationalsozialistischen Weltanschauung kongruent war, sondern weil die
Berufung auf den schon allein durch die zeitliche Entfernung politisch
unverdächtigen, aber innerhalb und außerhalb Deutschlands populären Klassiker
Friedrich Schiller Aussichten auf propagandistische Erfolge auch bei
skeptischen Adressaten bot.
Fünf Jahre nachdem Schillers Name in der
Verfolgung propagandistischer Ziele von der nationalsozialistischen Führung
mit großer Lautstärke angerufen worden war, zitierte der Propagandaapparat
Schiller in einer geheimen Presseanweisung zum Kriegseinsatz.
2.
Schiller in der Kriegspropaganda
Um die Kontrolle über das
Zeitschriftenwesen lückenlos zu gewährleisten, wurde seit 1936 der
vertrauliche >Zeitschriften-Dienst< monatlich und seit 1939 wöchentlich
von der Abteilung »Zeitschriften und Kulturpresse« in der Presseabteilung der
Reichsregierung in Verbindung mit dem Ministerium für Volksaufklärung und
Propaganda herausgegeben. Die im Zeitschriften-Dienst gegebenen Anweisungen
stellten »nach dem Willen der Presseführung für jede deutsche Zeitschrift das
obligatorische Informationsmaterial« dar.22
Das Lenkungsmaterial
unterlag strengen Geheimhaltungsvorschriften, auf die die Empfänger in jeder
Ausgabe hingewiesen wurden. Der Zeitschriften-Dienst war nur zum persönlichen
Gebrauch des Hauptschriftleiters bestimmt. Dieser durfte keinen Mitarbeiter
von der Existenz des Lenkungsmaterials in Kenntnis setzen; er sollte vielmehr
die Weisungen so weitergeben, als formuliere er eigene Ansichten und
Anordnungen.
Die Anweisung Nr. 917 der 23. Ausgabe des
Zeitschriften-Dienstes vom 7. Oktober erteilte Direktiven über die
Beschäftigung mit Schiller aus Anlaß seines 180. Geburtstages. Der Text der
Anweisung gibt Aufschlüsse darüber, was die nationalsozialistische Führung aus
Schillers Biographie und Werk für die eigene Propaganda für verwertbar
erachtete. Diese aber stand ganz im Zeichen des 37 Tage alten
Krieges.23
Betont werden soll laut Anweisung das Nationalbewußtsein des
Dichters; zu vermeiden seien hingegen Hinweise auf seinen Idealismus und
seinen Kosmopolitismus. Außer den bekannten Zitaten - der Tell wird noch als
»deutsche Nationaldichtung« bezeichnet - , die als Stärkungsmittel für das
eigene Nationalbewußtsein empfohlen werden, enthält der Katalog der Themen und
Anregungen Vorschläge für die Behandlung Schillers, in.denen sich die
außenpolitische Situation des kriegführenden Reiches widerspiegelt.
Der
Kriegsgegner England soll anhand der Figur des Talbot aus der Jungfrau von
Orleans als materialistische, ideenfeindliche Macht hingestellt werden.24 Die
Besprechung des Demetrius soll herausarbeiten, daß Rußland ein von den Polen
bedrohtes Land sei. Ein von nicht genannter Hand ergänztes Schiller-Zitat aus
dem Dramenfragment soll der Untermauerung der Behauptung dienen, nach der
Polen den Krieg gegen Deutschland begonnen hat: »den ersten Anlaß nimmt er
[der Pole], kühnen Muts den Krieg in unseren Grenzen anzuzünden«.25 Den
politischen Hintergrund für diese Interpretationsanregung bilden der
deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt (23. 8.1939), der deutsch-sowjetische
Grenz- und Freundschaftsvertrag (28. 9.1939) und der Überfall Deutschlands auf
Polen, der als Reaktion auf einen polnischen Angriff bezeichnet wurde. (»Seit
5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!«)26
Schillers Beziehung zu
Dänemark soll hervorgehoben werden. Den Grund für die Herausstellung der
freundschaftlichen Beziehungen des Dichters zu dänischen Gönnern wird man
außer in der Absicht der Verfasser der Anweisung, auf Schillers »nordische«
Verbindung aufmerksam zu machen, auch in der Tatsache suchen müssen, daß
Deutschland einen Nichtangriffspakt mit Dänemark (31. 5.1939) geschlossen
hatte.
In der Reihe der politisch motivierten Erwähnungen von
Beziehungen Schillers zum Ausland fehlt auch das Thema »Schiller und Italien«
nicht. (»Stahlpakt« zwischen Deutschland und Italien am 22.5.1939.) Mit
Hinweisen auf das Bild des Soldaten und Führer im Wallenstein und Schillers
Opposition gegen den Machthunger der - vom Nationalsozialismus wenig
geschätzten - katholischen Kirche schließt der Katalog der politischen
Themen.
In der Liste der sozialen Themen wird ein Vergleich angeregt
zwischen der mangelhaften Existenzgrundlage Schillers und der Fürsorge und
Unterstützung, die der nationalsozialistische Staat seinen Künstlern
angedeihen läßt.
Im folgenden weist sich der - wie üblich - nicht
genannte Verfasser der Anweisung (es können auch mehrere Verfasser gewesen
sein) als Kenner literarhistorischer und philosophischer Fakten und
Zusammenhänge aus, der in die rassische Themenstellung - im Gegensatz zu
sonstigen Gepflogenheiten - nur den Aspekt des Elternerbes
einbringt.
Bemerkenswert an den anschließenden Schrifttumshinweisen
ist, daß die jüngste Veröffentlichung aus dem Jahre 1930 stammt.27 Der Grund
für die Zurückhaltung gegenüber der Schiller-Literatur der Gegenwart, aus der
viel für propagandistische Zwecke Nützliches hätte verwertet werden können,
bleibt im Dunkeln. Möglich wäre, daß der Autor die neuesten Veröffentlichungen
nicht kennt oder aber, daß er politisch neutrale und allgemein bekannte
Literatur aus dem ersten Viertel des Jahrhunderts vorzieht, um den Adressaten
die Möglichkeit zu geben, die politisch-propagandistischen Absichten zu
verschleiern.
Die Propaganda-Anweisung zeigt ebenso wie die
Schiller-Feiern vom Jahr 1934, wie hoch die nationalsozialistische Führung die
Effektivität einer mit dem Namen Schillers durchgeführten Propagandaaktion
einschätzte. Die auf höchste Wirksamkeit ausgerichtete nationalsozialistische
Propaganda gibt damit auch einen Hinweis auf den Grad der Bekanntheit
Schillers in jener Zeit und das Maß der Verehrung, das ihm entgegengebracht
wurde.
Die große Verehrung, die Schiller und seine Werke genossen,
hinderte Adolf Hitler jedoch nicht daran, 1941 ein Schauspiel des Dichters
durch einen persönlichen Befehl verbieten zu lassen.
3. Der »Fall«
Wilhelm Tell
In den ersten Jahren nach der nationalsozialistischen
Machtübernahme wurde Wilhelm Tell als National- und Führerdrama hochgeschätzt.
Neben den seit dem 19. Jahrhundert gern zitierten Worten des alten
Attinghausen »Ans Vaterland, ans teure, . . .« (II/1) gehörte nun auch der
Stauffacher-Satz »Unser ist durch tausendjährigen Besitz/Der Boden - « (11/2)
zu den am meisten gebrauchten geflügelten Worten in Reden und Aufsätzen. Der
in den Jahren 1933 und 1934 am häufigsten zitierte Schiller-Text überhaupt war
der Rütlischwur (II/1), der als mahnende Forderung gedeutet wurde, die in
Deutschland nunmehr durch den Führer gewonnene geistig-politische Einheit zu
stärken und nicht mehr aufzugeben.
Als Beispiel für zahlreiche
Veranstaltungen, in denen der Rütlischwur eingeflochten ist in eine politische
Kundgebung zu Ehren Adolf Hitlers, darf die »Sonderveranstaltung der NSDAP« am
20. April 1933 im Landes-Theater zu Braunschweig gelten, die mit der
Programmfolge endete: »... Horst-Wessellied./ Wilhelm Teil. Rütli-Szene./
Deutschlandlied.«28
Auf den Bühnen des Deutschen Reiches war der »Teil«
in den Spielzeiten 1933/ 34, 1934/35 und 1938/39 das meistgespielte Stück von
Schiller. Die Zeitschrift >Die Literatur< forderte 1937 einen
»Denkmalschutz für Wilhelm Tell« wegen zu häufiger Aufführung und wegen zu
»Plattheiten« herabgewürdigter Sentenzen aus dem Stück.29
In den
Oberschulen und Mittelschulen war der Tell das erste, in den Volksschulen
meist das einzige von den 14- bis 15jährigen Schülern zu lesende Drama. Einige
Lieder und »Kernsprüche« aus dem Tell waren in den Lesebüchern für alle
Schularten zu finden.
Trotz dieser starken Präsenz des letzten
vollendeten Schiller-Dramas im öffentlichen Leben des nationalsozialistisch
regierten Deutschland meldeten außer den radikalen Schiller-Gegnern auch
Schiller-Verehrer schon früh ihre Bedenken gegen den »Teil« an. Neben
Einwänden gegen den individualistisch handelnden und im Grunde unpolitischen
Titelhelden30 begegnete man auch Kritik an der im Schauspiel verherrlichten
Loslösung eines Reichsgebietes vom Reich.
Es sei Schiller als ein
Versagen anzurechnen, daß er ein Stück geschaffen habe, das »den Verlust eines
wertvollen Gebietes für das deutsche Reich« zum Gegenstand habe und daher für
den »deutschen Gedanken ganz unfruchtbar« sei.31 Der »Abfall eines deutschen
Stammes vom Reich« dürfe nicht mit Freude, sondern müsse mit Schmerz
betrachtet werden.31a Der Dramatiker Eberhard Wolfgang Möller wies darauf hin,
daß schon Bismarck dieses »Drama des Separatismus« wenig gemocht
habe.32
Die politisch motivierten Bedenken gegenüber dem Tell äußerten
sich auch in einem Sinken der Aufführungsziffern in den Spielzeiten 1939/40
und 1940/41. Diese Aversionen spürend beschwor der Schiller-Biograph Reinhard
Buchwald die »Unersetzlichkeit« der Tell-Dichtung.33 Seine Sorgen um den Tell
erwiesen sich als berechtigt.
Am 3. Juni 1941 verließ ein von
Reichsleiter Martin Bormann persönlich unterzeichnetes »streng vertrauliches«
Schriftstück das Führerhauptquartier, in dem es hieß: »Der Führer wünscht, daß
Schillers Schauspiel >Wilhelm Tell< nicht mehr aufgeführt wird und in
der Schule nicht mehr behandelt wird.« Das mit der Bitte um Weiterleitung an
den Chef der Reichskanzlei Hans Heinrich Lammers gerichtete Schreiben löste
einen regen Briefwechsel aus zwischen vier Reichsministern und einem
einflußreichen Parteifunktionär.34 Minister Lammers gab am 7. Juni 1941 die
Verbotsanordnung an den Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung
und an den Minister für Volksaufklärung und Propaganda weiter.
Goebbels
reagierte sofort. Die Reichstheaterkammer übersandte allen deutschen Theatern
ein »streng vertrauliches, umgehend zu beantwortendes« Rundschreiben, in dem
es hieß:
Ich ersuche alle Theaterleiter, mir sofort schriftliche
Meldung [...] darüber zu machen
1. ob zurzeit >Wilhelm Tell< von
Friedrich von Schiller auf dem Spielplan ist
2. ob das Stück für eine
spätere Aufführung vorgesehen ist.
3. Auch Fehlanzeige muß erstattet
werden.«35
Verantwortlich für das Schreiben zeichnete der
Reichsdramaturg Schlösser.
Die darauf folgende Verbotsanordnung ging nur den
Theaterleitern zu, doch sickerten Gerüchte über die »Unerwünschtheit« des Tell
auch zu anderen Theaterleuten durch.36 Die Spielzeit 1941/42 erlebte nicht
eine Tell-Aufführung im Reich oder in den besetzten Gebieten.
Die
Durchführung des Verbotes im Schulbereich machte dagegen erheblich mehr
Schwierigkeiten. Erst im Dezember 1941, nachdem Lammers beim Führer
nachgefragt hatte, ob »Kernsprüche« und Lieder aus dem Tell noch in die
Schullesebücher aufgenommen werden dürften, konnte der Chef der Reichskanzlei
seinem Kollegen, dem Reichs- und preußischen Minister für Wissenschaft,
Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, und dem Leiter der Parteiamtlichen
Prüfungskommission zum Schutz des NS-Schrifttums und Chef der Kanzlei des
Führers der NSDAP, Philipp Bouhler, die endgültigen Anweisungen übermitteln.
Vorausgegangen war ein von Machtkämpfen und Kompetenzstreitigkeiten
gezeichneter Briefwechsel zwischen Bouhler und Rust, die auch Lammers und
Bormann ihre Ansichten im Falle Tell darlegten.
Diskutiert wurde in
diesem Briefwechsel die Frage, in welcher Form das Verbot an die Schulen
weitergegeben werden sollte und ob Zitate aus dem Tell aus den
Schullesebüchern zu entfernen seien. Rust hatte zunächst einen Erlaß
konzipiert, der die Unterrichtsverwaltungen der einzelnen Länder und Gaue
unter der Geheimhaltungsstufe »Geheim« anwies, in ihrem Bereich dafür Sorge zu
tragen, daß der Tell in den Schulen nicht mehr behandelt und aus Lehrer- und
Schülerbüchereien nicht mehr entliehen werde.
Bouhler äußerte daraufhin
in Briefen an Rust und Bormann seine Bedenken gegen dieses Verfahren, da der
geheime Charakter der Anweisung seiner Meinung nach erst recht zu Diskussionen
führen werde; diese aber seien in der gegenwärtigen Kriegszeit absolut
unerwünscht. Rust gab nun im August 1941 das Verbot an die Unterrichtsminister
der Länder, die Reichsstatthalter, die preußischen Oberpräsidenten und
Regierungspräsidenten und die Direktoren der Lehrerbildungsanstalten in
»streng vertraulichen« Schreiben weiter. Die Form der Übermittlung stellte er
in das Ermessen der nachgeordneten Dienststellen: »Ich bitte, dies den
Schulleitern in Ihnen geeignet erscheinender, der politischen Bedeutung der
Angelegenheit angemessenen Form mitzuteilen.«
Seinen Erlaß verteidigte
Rust in einem Brief an Lammers mit dem Hinweis auf das »richtige Verständnis
der politisch wachsamen Erzieherschaft«.37
Bouhler hatte auch Stellung
bezogen zur Frage nach Texten aus dem Tell in Schullesebüchern:
Wenn
das Schauspiel >Wilhelm Tell< aus einer Reihe von Gründen [Hervorhebung
vom Verf] nicht mehr zur Darstellung gegenwartsnaher Probleme herangezogen und
aus denselben Gründen pädagogisch nicht mehr verwendet werden kann, dann ist
es notwendig und folgerichtig, daß in den Schulbüchern auch Zitate und
Kernsätze aus dem Werk eliminiert werden.
Denn es hätte wenig Zweck,
die Behandlung einer Dichtung auszuschalten, andererseits aber durch Zitate
und Kernsätze auf sie wieder aufmerksam zu machen. Der Sinn der Maßnahme kann
ja nur der sein, eine in mehrfacher Hinsicht schiefe Auswirkung, die von der
Dichtung ausgeht [Hervorhebung vom Verf.], vollständig zu beseitigen und die
Dichtung selbst in den rein historischen Raum, in dem sie ihre Berechtigung
hat, zu verweisen.
Die herbeigeführte Führerentscheidung lief
schließlich darauf hinaus, daß bei Neuauflagen oder bei der Herausgabe neuer
Schulbücher keine Texte aus dem Tell mehr aufgenommen werden
sollten.
Die oben hervorgehobenen Bemerkungen Bouhlers lassen den
Schluß zu, daß man sich zumindest in der gehobenen Klasse der
Parteifunktionäre über die Gründe im klaren war, die den Führer bewogen
hatten, das Schauspiel aus Theater und Klassenzimmer zu
verbannen.
Welcher Art diese Gründe aber waren, geht aus dem geheimen
Briefwechsel nicht hervor. Auch nach 1945 ist wenig über das Tell-Verbot
bekanntgeworden. Gelegentliche Vermutungen, nach denen demonstrative
Beifallsäußerungen oder die Furcht vor der revolutionären Sprengkraft des
Stückes das Verbot des Stückes ausgelöst hätten, entbehren der
Beweise.38
Daß einer der Gründe für das Tell-Verbot in dem im
Schauspiel gestalteten Tyrannenmord zu finden ist, scheint dagegen der
Wahrheit nahezukommen.39 Die Frage des Tyrannenmordes ist in Schillers
Schauspiel zugunsten der moralisch berechtigten Tötung des Tyrannen
entschieden worden, so daß Hitler, der zu Recht um seine persönliche
Sicherheit sehr besorgt war40, sich durch Tell-Nachahmer bedroht fühlen
konnte. Drei Indizien sprechen für diese Annahme.
Außer Wilhelm Tell
war Anfang der vierziger Jahre auch Schillers Fiesco politisch mißliebig
geworden.41 Auch im Fiesco geht es um die Tötung eines Gewaltherrschers, des
alten und - in der 1. und 3. Fassung - auch des zukünftigen.
Das zweite
Indiz findet sich in einer Äußerung Hitlers, die im Zusammenhang längerer
Ausführungen über die deutsche Kaisergeschichte fällt. In einem Tischgespräch
am Abend des 4. Februar 1942 klagte der Diktator:
Wir haben nur ein
Unglück: daß wir bisher nicht den Dramatiker gefunden haben, der in die
deutsche Kaisergeschichte hineingeht. Ausgerechnet Schiller mußte diesen
Schweizer Heckenschützen verherrlichen. Die Engländer haben ihren Shakespeare,
dabei haben sie in ihrer Geschichte doch nur Wüteriche oder
Nullen.42
Erst zwei Monate vorher hatte Hitler die Aufnahme von
»Kernsprüchen« und Liedern aus dem Tell in allen neuen Schullesebüchern
untersagt. Die zeitlich nicht allzu große Entfernung zwischen der Äußerung bei
Tisch und der endgültigen Verbotsanordnung deuten auf ein hohes Maß an
Aufmerksamkeit hin, das der mächtigste Mann Europas einem fast 140 Jahre alten
Bühnenstück in diesen Monaten widmete.
Auf ein drittes Indiz, das für
die Abneigung Hitlers gegenüber dem Tell aus Angst vor »Heckenschützen«
spricht, hat jetzt Rolf Hochhuth aufmerksam gemacht. Hochhuth hat den
Lebensweg des Schweizer Theologiestudenten Maurice Bavaud erforscht, der 1938
mehrfach versuchte, Hitler zu töten, entdeckt, verhaftet und 1939 zum Tode
verurteilt wurde. Das Urteil wurde am 18. Mai 1941 vollstreckt.43 Die
Hinrichtung Bavauds und das die Verbotsanordnung betreffende Bormann-Schreiben
vom 3. Juni 1941 stehen in enger zeitlicher Nachbarschaft. Die Meldung über
den Vollzug der Hinrichtung - der Fall Bavaud wurde geheimgehalten - könnte
der Anlaß für das Tell-Verbot durch Hitler gewesen sein, dessen Abneigung -
wie auch die der oben zitierten Kulturfunktionäre - gegen den Tell jedoch
mehrfach motiviert war.
In der o. e. Hitler-Äußerung über den Tell
klingen auch die bekannten Vorbehalte gegen Wilhelm Tell als
»Separationsdrama« an. Im Tell wurden in den Augen Hitlers Unternehmungen
verherrlicht, die den eigenen Zielen, nämlich u. a. »Heimholung« aller
ehemaligen Reichsgebiete ins Reich, genau entgegengesetzt waren. Bis auf einen
Staat mit deutschsprachigem Bevölkerungsanteil in der Mitte Kontinentaleuropas
war dieses Vorhaben im Sommer 1941 schon durchgeführt. »Die Wiedergeburt der
Reichsidee stellt das Verhältnis der Schweiz zum Reich in die erste Linie der
Schweizer Existenz. Einmal, weil die Schweiz früher ein Teil des Reiches war,
dann, weil sie im unmittelbaren Kraftfeld des Reiches liegt.«44
Die
Schweiz aber zeigte - bis auf nationalsozialistisch orientierte Kreise - kein
Interesse an einem Anschluß an das Deutsche Reich. Sie ließ auch keinen
Zweifel daran offen, daß sie gegebenenfalls ihre Neutralität auch mit
kriegerischen Mitteln verteidigen würde.45 In dieser Haltung der Schweiz
gegenüber dem Reich liegt ein weiterer Grund für Hitlers Einschreiten gegen
den Tell im Sommer 1941.
In der Schweiz, die sich an allen
Landesgrenzen mit dem kriegerischen Potential der Achsenmächte konfrontiert
sah, war Wilhelm Tell schon vor dem Krieg, als Deutschland zu immer mehr
Expansionsunternehmen schritt, zu einer Symbolfigur für den Behauptungswillen
gegenüber dem Reich geworden.46 Die auch durch diese abweisende Haltung der
Schweiz hervorgerufenen Animositäten in Deutschland äußerten sich in drohenden
Presseartikeln gegen den neutralen Staat. Im Jahr 1941, in dem der Tell in
Deutschland verboten wurde, feierte die Schweiz den 650. Jahrestag der
Gründung der Eidgenossenschaft, von dem man in Deutschland von offizieller
Seite keine Notiz nahm.
Das Verbot des Wilhelm Tell muß also auch vor
dem Hintergrund der außenpolitischen Beziehungen des Deutschen Reiches zur
Schweiz gesehen werden. Neben Antipathien des Führers gegen den
»Heckenschützen« Wilhelm Tell, der fast einen Nachfolger in einem Schweizer
Theologiestudenten gefunden hatte, und gegen die Existenz des Schweizer
Staates überhaupt47 ist ein weiterer Grund für die Eliminierung des
Schillerschen Schauspiels aus dem öffentlichen Leben Deutschlands im
gespannten Verhältnis der Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der
Schweiz zu sehen.
Das Verbot des Wilhelm Tell durch den Diktator Adolf
Hitler ist ein extremes Beispiel für mögliche Wirkungen von Literatur in die
pragmatische Politik. Zwar ist es von jeher nicht ungewöhnlich, daß
literarische Erzeugnisse der Staatsgewalt als so bedrohlich erscheinen, daß
sie sich genötigt fühlt, ihre Verbreitung zu verhindern, im Falle des Tell
aber sollte eine Dichtung aus dem öffentlichen Bewußtsein gedrängt und die
nachwachsenden Generationen von jedem Kontakt mit ihr ferngehalten werden, die
in Deutschland seit Jahrzehnten zu den bekanntesten und volkstümlichsten
Literaturwerken überhaupt gehörte.
Das rigorose Vorgehen gegen den
Wilhelm Tell im nationalsozialistischen Diktaturstaat offenbart die
überzeitliche Aktualität des Schauspiels, das noch nach fast 140 Jahren als
politische Herausforderung wirkt.
Dieser Beitrag erschien zuerst in dem Buch "Schiller im
nationalsozialistischen Deutschland. Der Versuch einer Gleichschaltung.",
Stuttgart 1979. S. 33-45., erschienen im J. B. Metzler
Verlag.
Dr. Georg Ruppelt ist Direktor der Gottfried Wilhelm Leibniz
Bibliothek.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher
Genehmigung des Autors.
Fußnoten:
1Das Ausmaß der staatlichen
Aufmerksamkeit, das den Schiller-Jahren 1905 und 1909 gewidmet wurde, war
weitaus geringer. Dies gilt auch für die noch weniger beachteten Gedenkjahre
1884 und 1930. Die Feiern von 1855 und vor allem von 1859 unterschieden sich
von allen späteren dadurch, daß sie zugleich zu einer machtvollen
Demonstration für einen zu errichtenden deutschen Nationalstaat wurden. (Vgl.
Ludwig, Schiller u. die dt. Nachwelt, a. a. O., S. 399 ff. u. S. 634 ff.;
Oellers, a. a. O., Bd. I, S. 51 ff. u. S. 407 ff., Bd. II, S. XXXIV ff. u. S.
124 ff.)
2Vgl. Karlheinz Schmeer. Die Regie des öffentlichen Lebens im
Dritten Reich. München 1956; Hans-Jochen Gamm: Der braune Kult. Hamburg
1962.
3Vgl. zum folgenden alle Ausgaben des VB und der FZ von 1934 und der
Theaterzeitschrift »Der neue Weg«, Jg. 1934/35. S. a. Anhang.
4Albert Leo
Schlageter, 1894-1923 (hingerichtet), Mitglied der NSDAP, war wegen
Sabotageunternehmen im Ruhrkampf von einem französischen Militärgericht zum
Tode verurteilt worden. Schlageter war eine Zentralfigur im Kult um die
Gemeinschaft der »Märtyrer der Bewegung«. Vgl. auch Hanns Johsts
Schlageter-Drama. Wieder abgedruckt in Günther Rühle: Zeit und Theater. 3 Bde.
Bd. III: Diktatur und Exil 1933 -1945. Frankfurt a. M./Berlin/Wien
1974.
5Der »Wilhelm Tell« hatte als Hörspiel einige Veränderungen erfahren.
Die Rütliszene war an einen späteren Zeitpunkt verschoben, ohne daß die
dadurch vorhergehenden Bemerkungen über den bereits vollzogenen Schwur
gestrichen worden wären. Das Erstaunen Baumgartens in der Rütliszene über die
Abwesenheit des Tell, der im Hörspiel schon vorher festgenommen wird, ergab so
keinen Sinn, vor allem, weil der Schwur als Folge der Tat Geßlers gedacht war.
Zwischen die Schillerschen Szenen hatte man kleine Zwischenszenen
eingeschoben, die durch hörspielwirksame Verbindungen von Stimmen, Musik und
Geräuschen einen atmosphärischen Eindruck vom Leben des Schweizer Volkes
vermitteln sollten. Das Hörspiel endete mit einem sich aus ekstatischem
Durcheinander entwickelnden Geräusch marschierender Kolonnen. (Vgl. Gerhard
Eckert: Gestaltung eines literarischen Stoffes in Tonfilm und Hörspiel. Diss.
Berlin 1936. S. 137 ff.)
6Kurt Heynicke (geb. 1891), Dramatiker,
Thingspiel- und Hörspielautor.
7Hans Heinrich Ehrler (1872-195 1),
schwäbischer Lyriker und Erzähler.
8Zitiert aus der Rundfunkzeitschrift
»NS-Funk«, Folge 44 vom 4. 11. 1934.
9Vgl. dazu und zum folgenden:
Schiller-Feier des deutschen Rundfunks. In: FZ vom 13.11.1934.
10Zum
folgenden vgl. vor allem: Die Feier von Schillers 175. Geburtstag in Marbach.
In: Schwäbischer Schillerverein Marbach - Stuttgart. 38. Rechenschaftsbericht
über das Jahr 1933/34. S. 46-55.
11VB vom 13.11.1934. S. Anhang.
12Vgl.
zum folgenden den Text der Rede im Anhang. - Dr. phil. Joseph Goebbels war ein
Bewunderer Schillers. Schon in seinem Roman »Michael« (geschrieben 1921) gab
er Schiller wegen angeblich größerer menschlicher Qualitäten den Vorzug vor
Goethe. (J. Goebbels: Michael. Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern.
München 1933. S. 18.) In Reden und Aufsätzen zitierte er gern aus dem »Teil«.
Die Rede »Wider die Greuelhetze des Weltjudentums« vom 1.4.1933 schloß mit dem
dritten Teil des Rütlischwures: »Wir wollen trauen auf den höchsten Gott und
uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.« (J. G.: Revolution der
Deutschen. 14 Jahre Nationalsozialismus. Oldenburg 1933. S. 161. - Werke II,
S. 964.) In sein politisches Tagebuch notierte er unter dem 28.3.1933: »Der
Film kann nur gesund werden, wenn er sich wieder auf sein Deutschtum besinnt
und im deutschen Wesen die Wurzeln seiner Kraft sucht.« (J. G.: Vom Kaiserhof
zur Reichskanzlei. Eine historische Darstellung in Tagebuchblättern. München
1934. S.289. Attinghausen [II/1]: »Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft,
...« [Werke II, S. 947.]) Gegen Ende des Krieges, als der »Teil« schon für die
Aufführung im Theater und als Schullektüre verboten war, gebrauchte er ein
Bild aus der letzten Rede Attinghausens: »Aus den Ruinen wird dann neues Leben
erblühen.« (Helmut Heiber (Hrsg.): Goebbels-Reden. 2 Bde. Düsseldorf 1971/72.
Bd. II, S. 228. Attinghausen (IV/2): »Das Alte stürzt, es ändert sich die
Zeit, / Und neues Leben blüht aus den Ruinen.« (Werke II, S.
998.)
13»Fleisch von meinem Fleische und Bein von meinem Bein.« (1. Mos.
2,23.)
14Die Formulierung erinnert an die Angriffe auf Heine: ein Talent
doch kein Charakter. Vgl. die Replik Heines im »Atta Troll« u. a. Caput XXIV.
(Sämtlicher Werke, a. a. O., Bd. II, S. 415.) Goebbels war ein guter
Heine-Kenner. Vgl. u. a. die Biographie seines Mitarbeiters Werner Stephan:
Joseph Goebbels. Stuttgart 1949. S. 181.
15Die »Illustrirte Zeitung«
widmete Schiller ihre Ausgabe vom B. 11. 1934. S. a. Anhang.
16Die über 3
000 vom Verf. durchgesehenen Exemplare der norddeutschen Ausgabe des VB weisen
keinen Parallelfall auf. Die Feiern zu Hölderlins 100. Todestag 1943 können
allein schon wegen des Kriegszustandes und der weitaus geringeren Popularität
Hölderlins nicht zum Vergleich herangezogen werden, obwohl vielen seine
Dichtung als »deutscher« galt als die Schillers. (Vgl. dazu auch Hans
Friedrich Blunck: Unwegsame Zeiten. Lebensbericht. 2 Bde. Mannheim 1952. Bd.
II, S. 551.)
17S. Anhang.
18Vgl. Schmeer, a. a. O., S. 68 ff.; Gamm,
Kult, a. a. O., S. 157 ff.
19Vgl. Max Domaras: Hitler. Reden und
Proklamationen. 4 Bde. Wiesbaden 1973. Bd. I, S. 457 ff.; Heinz Höhne: Der
Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS. Gütersloh 1967. S. 90 ff.;
Sauer, a. a. O., S. 324 ff.
20Vgl. auch die Bemerkung Lionel Richards:
»Pour les nazis, la forme artistique n'est qu'un succedane. Le probleme pour
eux est d'utiliser ce qui existe au cccur des masses afin de mieux les
dominer. L'entreprise de falsification des grands ecrivains du passe releve de
cet aspect: Schiller, Büchner, Hölderlin deviennent des precurseurs du
national-socialisme.«(L. Richard: Nazisme et litterature. Paris 1971. P.
45.
21Aus einer Rede des württembergischen Ministerpräsidenten und
Kultusministers Mergenthaler. In: Die Feier von Schillers 175. Geburtstag in
Marbach, a. a. O., S. 49. Vgl. auch Lutz, a. a. O., S. XIII; Dyroff, a. a. O.,
S. 29.
22Zeitschriften-Dienst vom 12. 2. 1943. Zitiert nach Strothmann, a.
a. O., S. 295. Vgl. auch Kurt Koszyk: Deutsche Presse 1914-1945. Geschichte
der deutschen Presse. Teil III. Berlin 1972. (= Abhandlungen und Materialien
zur Publizistik. Hrsg. von Fritz Eberhard. Bd. VII.) S. 413 ff.
23Die
vollständige Anweisung ist in den Anhang als Fotokopie eines im BA gelagerten
Originals aufgenommen. - Eine Wiedergabe der Anweisung auch bei Gustave
Mathieu: A Propaganda Directive an Schiller. In: German Life and Letters. 7.
1953/54. P. 194-198.
24Dies entspricht den Goebbelsschen Propagandaartikeln
im VB und in »Das Reich«, in denen England und später auch die USA als von
Plutokraten und Juden beherrschte, nur dem nackten Materialismus huldigende
Nationen dargestellt wurden. Als Gegenbild wurde ein von den hehren Idealen
des Nationalsozialismus getragenes »Neues Europa« entworfen. - Vgl. auch
Albert Streuber: England und die Engländer im Urteil deutscher Dichter. In:
Zt. f. Dtkde. 56. 1942. S. 151-159, S. 152.
25Hiob: »O Czarin. Falsches
Herzens ist der Pohle / Und neidisch sieht er unsers Landes Flor. / Den Krieg
in unsern Grenzen anzuzünden!« (»Demetrius, II/1. NA XI, S. 47.)
26Hitler
am 1.9.1939. Zitiert nach Domarus, a. a. O., Bd. III, S. 1315.
27In dem
angegebenen Buch von Otto Westphal wird über Schiller nur nebenbei auf 13
Seiten von insgesamt 300 in einem Rückblick auf die klassisch-romantische
Bildung gehandelt. Schiller wird dort weder als Kosmopolit noch als
Nationalist, sondern als neutral und liberal bezeichnet.(Otto Westphal: Feinde
Bismarcks. Geistige Grundlagen der deutschen Opposition 1848 -1918.
München/Berlin 1930. S. 54-67.)
28Sonderveranstaltung zum Führergeburtstag.
Zitiert nach dem Programmzettel der Veranstaltung. In: Sammlung Braunschweiger
Theaterzettel des Landes-Theaters zu Braunschweig. Spielzeit 1932/33
(Stadtarchiv Braunschweig). Eine Vielzahl von Theatern kündigte ähnliche
Veranstaltungen an. (Vgl. Deutscher Bühnenspielplan. 37. 1932/33 u. 38.
1933/34.)
29Die Literatur. 40. 1937/38. S. 386 f.
30Vanselow, a. a. O.,
S. 536 ff.
31Schneider, a. a. O., S. 84.
31aHarder, a. a. O., S.
70.
32E. W. Möller: Die Wiederauferstehung einer Großmacht. Das Theater als
Verkünder deutschen Geistes. In: Wille und Macht. 6. 1938. Heft 12, S. 1-10,
S. 7. - Möller stützt sich vermutlich auf ein Tischgespräch mit Bismarck, das
von Moritz Busch aufgezeichnet worden ist: »Während des Diners kam man heute,
ich weiß nicht mehr wie, auf Wilhelm Tell zu sprechen, und der Minister
bekannte, daß er den schon als Knabe nicht habe leiden können, und zwar
erstens, weil er auf seinen Sohn geschossen, dann weil er Geßler auf
meuchlerische Weise getötet habe. >Natürlicher und nobler wäre es nach
meinen Begriffen gewesen - setzte er hinzu -, wenn er, statt auf den jungen
abzudrücken - den doch der beste Schütze statt des Apfels treffen konnte -,
wenn er da lieber gleich den Landvogt erschossen hätte. Das wäre gerechter
Zorn über eine grausame Zumutung gewesen. Das Verstecken und Auflauern gefällt
mir nicht, das paßt sich nicht für Helden - nicht einmal für
Franctireurs.<« (Moritz Busch: Tagebuchblätter. 3 Bde. Leipzig 1899. Bd. I:
Graf Bismarck und seine Leute während des Krieges mit Frankreich 1870-1871 bis
zur Beschießung von Paris. S. 325. Vgl. auch Otto Fürst von Bismarck: Gedanken
und Erinnerungen. 3 Bde. Stuttgart/Berlin 1921. [Cotta-Ausgabe] Bd. I, S.
2.)
33Reinhard Buchwald: Schiller und die Gegenwart. In: Schwaben. 12.
1940. S. 202-212, S. 208 ff.; den.: Schillers »Teil« als Unterrichtsaufgabe.
In: Zt. f. dt. Bildg. 16. 1940. S. 117-126, S. 126.
34Der Briefwechsel ist
veröffentlicht in Georg Ruppelt: Die »Ausschaltung« des »Wilhelm Tell«.
Dokumente zum Verbot des Schauspiels in Deutschland 1941. In: Jahrbuch der
Deutschen Schillergesellschaft. 20. 1976. S. 402-419.
35 Eines dieser
Rundschreiben ist abgedruckt in: Wolfgang Petzet: Theater. Die Münchner
Kammerspiele 1911-1972. München 1973. S. 271.
36Mitteilung von Herrn Georg
Laub, München. Herr Laub war viele Jahre lang Dramaturg an den Kammerspielen
in München.
37Da die Art der Weitergabe des Verbots an die Lehrer eine
Ermessensentscheidung war, wird sie von Schule zu Schule unterschiedlich
gewesen sein. In einem Gymnasium in Braunschweig z. B. wurden die
Deutschlehrer vom Schulleiter privatissime vergattert. (Mitteilung von Herrn
Studiendirektor i. R. Günter Hoffmann.)
38Vgl. Petzet a. a. O., S. 270;
Carter Kniffler: »Wilhelm Tell« - heute als Schullektüre? In: Der
Deutschunterricht. 23. 1971. S. 53-65, S. 58; Richard Elsner: Friedrich
Schiller als Künder menschlicher Freiheit. Göttingen o. J. S. 3 f.
39Vgl.
Heiber, Goebbels, a. a. O., S. 175; Ernst Niekiscb: Das Reich der niederen
Dämonen. Hamburg 1953. S. 209.
40Vgl. Peter Hoffmann: Die Sicherheit des
Diktators. Hitlers Leibwachen, Schutzmaßnahmen, Residenzen, Hauptquartiere.
München/Zürich 1975.
41Der Reichsdramaturg Rainer Schlösser rief 1941 die
Theaterleitung der Münchner Kammerspiele mehrfach an, um von einer Aufführung
des »Fiesco« abzuraten, da dies zur Zeit »politisch unklug« sei. (Mitteilung
von Herrn Georg Laub.)
42Picker, a. a. O., S. 102.
43Rolf Hochhuth:
»Teil 38«: Er wollte Hitler töten. In: »Die Zeit« vom 17. 12.1976. Im Fall
Maurice Bavaud beginnt jetzt von verschiedener Seite die Spurensicherung.
(Mitteilung von Rolf Hochhuth.) Zum Bavaud-Attentat vgl. vor allem Hoffmann,
a. a. O., S. 116 ff. und 192 ff.
44Otto Philipp Häfner: Herbst in der
Schweiz. Reise in ein neutrales Land. In: Das Reich vom 24.11. 1940. Zitiert
nach Hans Dieter Müller (Hrsg.): Das Reich. Facsimile Querschnitt.
München/Bern/Wien 1964. S. 59.
45Vgl. dazu und zum folgenden Peter
Dürenmatt: Kleine Geschichte der Schweiz während des 2. Weltkrieges. Zürich
1949; Alice Meyer: Anpassung oder Widerstand. Die Schweiz zur Zeit des
deutschen Nationalsozialismus. Frauenfeld 1965; Edgar Bonjour: Geschichte der
schweizerischen Neutralität. 9 Bde. Basel/Stuttgart 1967-1976. Bde.
W-VII.
46Vgl. den zeitgenössischen Bericht über eine »Tell«-Aufführung in
der Schweiz: »Daß der Tell diesmal einschlagen werde, wie noch nie, dessen
durfte man im voraus sicher sein. Von der ungestümen Kraft von Schillers
Freiheitsdrama muß in dieser Zeit eine ganz besondere Wirkung ausgehen. Der
bestimmte Wille zur Selbstbehauptung, wie er aus dem Rütlischwur spricht, der
rebellenhafte Trotz, der in Tells Befreiungstat sich äußert, sie rühren heute,
ganz anders als in ruhiger Zeit, ans Innerste in jedem Schweizer. Die
Begeisterung nahm nach diesen beiden Höhepunkten des Dramas Formen an, wie man
sie in unserem Theater sonst nicht erlebt. Nicht nur die Hände, auch die Füße
mußten helfen, der Beistimmung zum Geschehen Ausdruck zu geben. Theater wurde
zu unmittelbarstem Leben.« (O. Kleiber: Stadttheater: Wilhelm Tell von
Schiller. In: National-Zeitung vom 13. 4. 1939. Zitiert nach Hans-Christof
Wächter: Theater im Exil. Sozialgeschichte des deutschen Exiltheaters
1933-1945. Mit einem Beitrag von Louis Naef: Theater der deutschen Schweiz.
München 1973. S. 259 f.)
47Unter dem 8.5.1943 notierte Goebbels in sein
Tagebuch: »Der Führer verteidigt in diesem Zusammenhang die Politik Karls des
Großen. Auch seine Methoden sind richtig gewesen. Es ist gänzlich falsch, ihn
als Sachsenschlächter anzugreifen. Wer gibt dem Führer die Garantie, daß er
später nicht etwa einmal als Schweizerschlächter angeprangert wird! Auch
Österreich mußte ja zum Reich gebracht werden. Wir können glücklich sein, daß
es auf eine so friedliche und enthusiastische Weise geschah; aber hätte
Schuschnigg Widerstand geleistet, so hätte dieser Widerstand natürlich
niedergeschlagen werden müssen.« (Louis P. Lochner [Hrsg.]: Goebbels
Tagebücher aus den Jahren 1942-1943. Zürich 1948. S. 326f.)
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